Davon träumt jeder Athlet: Winken vom Siegerpodest. Um das Ziel zu erreichen, überwinden manche ihre Skrupel. Für einmal geht es nicht um jene, die mit dem Griff zum Doping ihre Gegner betrügen. Die Rede ist vom Betrug am eigenen Körper. Von Sportlerinnen und Sportlern, die ihre Leistungsfähigkeit über das Gewicht maximieren wollen. Sie begeben sich im Kampf gegen jedes überflüssige Gramm Körperfett auf eine gefährliche Gratwanderung. Und merken allzu oft nicht, wenn sie eine Grenze längst überschritten haben.

Das «British Medical Journal» hat soeben eine Studie publiziert, wonach 20 Prozent der norwegischen Nachwuchs-Langläuferinnen eine ernsthafte Essstörung zeigen. 225 Kaderathletinnen unter 20 Jahren wurden dazu befragt. Die Untersuchung belegt frühere Erkenntnisse, dass dieses gesundheitsschädigende Verhalten bei Spitzensportlern prozentual deutlich öfters vorkommt, welches sich unter Umständen zu einer lebensbedrohlichen mentalen Krankheit entwickeln kann.

Betroffen sind Athletinnen und Athleten der Ausdauersparte, aus Disziplinen mit Gewichtsklassen und aus sogenannt ästhetischen Sportarten wie etwa Kunstturnen oder Eiskunstlaufen. In den Neunzigerjahren wies eine US-Studie aus, dass bei diesen beiden Sportarten sogar 60 Prozent der Leistungssportler unter einer Essstörung litten. Frauen sind deutlich häufiger tangiert als Männer. Aber nicht nur. So sah sich der internationale Skiverband 2011 veranlasst, Skispringer mit einem zu tiefen Body-Mass-Index (BMI) reglementarisch durch die Verwendung von kürzeren Skis zu bestrafen. Der deutsche Ausnahmespringer Sven Hannawald und der Schweizer Stephan Zünd bekannten sich zuvor öffentlich zu ihrer Magersucht.

Essstörung als Grund für Rücktritt

Besonders gefährdet sind Mädchen im Pubertätsalter, die das Verhältnis zu ihrem Körper erst so richtig erkunden. Druck von aussen – von Trainern, Konkurrentinnen, aber auch vom Elternhaus – verstärkt die Gefahr, an einer dauerhaften Essstörung zu erkranken. Und wer in der Jugend bereits in dieser Spirale gefangen ist, findet oft nicht mehr hinaus. Die norwegische Studie besagt, dass bei 4 von 10 noch im Nachwuchsalter zurückgetretenen nordischen Skiathletinnen der Grund eine Essstörung war.

Die frühere Weltklasse-Triathletin und heutige Sportärztin Sibylle Matter hat sich auf frauenspezifische Themen im Sport spezialisiert. Sie wirft zur veröffentlichten Studie zuerst einmal eine Frage auf: «Ab wann hat eine Athletin eine Essstörung?» Weil die Abgrenzung zwischen einer vorübergehenden Situation und einem klaren Krankheitsbild von Fall zu Fall zu beurteilen sei, ist sie zurückhaltend in der Interpretation von Prozentzahlen. Und sie will auch keine nennen, wenn es um die Sachlage in der Schweiz geht, da es keine aktuelle Studie darüber gibt.

Die Problematik bleibt so oder so delikat. Auch, weil bei einer erkannten Störung oft nicht auf das Einsehen der betroffenen Athletin gezählt werden kann. Der Widerstand der Sportlerin erschwert eine Behandlung. Die Auslöser für eine beginnende Essstörung sind vielfältig. Angefangen von der einfachen Feststellung: Energieverlust durch exzessives Training ist höher als die Energieaufnahme in Form von Nahrung. Dann bilden aber auch psychische Faktoren und spezielle Situationen wie Verletzungspausen oder Bemerkungen von Drittpersonen wesentliche Auslöser. Oft sind die Übergänge zum krankhaften Verhalten, etwa der ständigen Gewichtskontrolle auf der Waage oder gar der Bulimie (Ess-Brech-Sucht) fliessend.

Tückisch ist die Essstörung, weil «eine Abnahme des Körpergewichts häufig zuerst einmal mit einer Leistungssteigerung einhergeht. Allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze», wie Sibylle Matter erklärt. Diese Grenze sei vom Athleten selbst nicht immer einfach zu erkennen. Bisweilen ist eine Essstörung auch ansteckend. So haben sich vor einigen Jahren im Nachwuchskader der Orientierungsläufer gleich mehrere Athletinnen in eine ernsthafte Essstörung hineingesteigert. In mindestens einem Fall ging es gar bis zur Ess-Brech-Sucht. Der Schweizer Kaderarzt Peter Züst erinnert sich ungern an diese Situation, sagt aber auch, dass Essstörungen im Nachwuchskader immer wieder ein Thema seien. Mit speziellen Workshops und mit der Sensibilisierung auch des Umfelds hat man im OL gezielt darauf reagiert.

Simone Niggli an kritischer Grenze

Schwierig sei es auch, wenn man einem grossen Vorbild nacheifere und den Vergleich dann auf das Äussere reduziere. Im OL-Sport hiess dieses grosse Vorbild während mehr als einem Jahrzehnt Simone Niggli. Die 23-fache Weltmeisterin war während einer längeren Phase ihrer Karriere in der Tat sehr dünn. Bebildert mit einem Foto des nackten Rückens und der herausstehenden Schulterknochen brachte der «Blick» Simone Niggli-Luder vor gut zehn Jahren in Verbindung mit Magersucht. «Das hat mich damals ausserordentlich gestresst», sagt die 38-Jährige rückblickend. «Auf einmal haben mich alle gemustert und auch innerhalb des Kaders schauten die anderen Athletinnen, was ich genau im Teller habe.»

Simone Niggli-Luder sagt, dass sie nie die Krankheit Magersucht hatte, gibt aber zu, dass ihr Gewicht ein Thema gewesen sei. «Ich kam an eine kritische Grenze.» Dies sei an der jährlichen sportärztlichen Untersuchung auch angesprochen worden und man habe Massnahmen formuliert. «Ich wurde zum Ernährungsberater geschickt.» Obwohl sie selber in ihrer Zeit im Nachwuchskader auch Fälle von Essstörungen miterlebt habe, war sie selber während der Pubertät nie mit solchen Problemen konfrontiert. «Erst als ich später das Training massiv steigerte, bin ich deutlich leichter geworden. Auf einmal war ich drei, vier Kilos zu leicht und hatte dadurch keine Reserven mehr.»

Ihr sei dann aber auch bewusst geworden, dass sie sich selber schützen müsse.» Nach der Geburt ihres ersten Kindes hat die dreimalige Schweizer Sportlerin des Jahres willentlich darauf verzichtet, bei ihrem Comeback wieder das frühere Gewicht zu erlangen. «Ich war einige Kilos schwerer und habe trotzdem punkto Leistungsvermögen neue persönliche Bestwerte erreicht.» Die Magersucht-Gerüchte der Öffentlichkeit konterte «Gold-Sime» mit den Argumenten ihrer beinahe verletzungsfreien Karriere und ihrer kontinuierlichen Erfolge. Auch Peter Züst sagt rückblickend: «Es war als Arzt wichtig, ihr Gewicht zu thematisieren. Aber Simone war stets eine gesunde Persönlichkeit.» Und auch Sibylle Matter erklärt: «Bei einer Athletin mit Magersucht führt dieser Zustand der dauerhaft verminderten Energie zu verschiedenen gesundheitlichen Problemen, die ein regelmässiges Training auf hohem Niveau verunmöglichen. In Folge sinkt die Leistung an Wettkämpfen.»

Keine Körperfett-Messung mehr

Patrick Noack, Kaderarzt im Langlauf und bei den Leichtathleten, nimmt mit Zufriedenheit zur Kenntnis, dass die Thematik auch bei Niggli in der sportärztlichen Jahresuntersuchung aufgegriffen wurde. «Genau dazu ist dieses Instrument da. Die Prävention hat dort sicher Priorität vor der Leistungsoptimierung.» Noack sieht mit Genugtuung, dass viele Sportverbände diese Jahresuntersuchung fix im Programm haben und «dass sie auch in allen Sportschulen zum festen Bestandteil gehören.» Deshalb sei es falsch, wenn Verbände bei den Kosten für Sportärzte sparen. Auch Sibylle Matter attestiert dem Schweizer Sport, dass «die Sensibilität für das Thema besser geworden ist. Immer mehr Betreuungspersonen wissen, dass dieser Zustand über längere Zeit nicht leistungsfördernd ist». Zur besseren Sensibilisierung hat nicht zuletzt sie mit verschiedenen Angeboten in der Ausbildung von Sportmedizinern und Trainern, sowie der Information an Sportlerinnen, etwa bei der jährlichen sportärztlichen Untersuchung direkt beigetragen.

OL-Kaderarzt Peter Züst nennt Beispiele. «Man ist davon weggekommen, bei den sportärztlichen Untersuchungen von Nachwuchsathleten eine Körperfett-Messung zu machen. Weil die jungen Sportlerinnen ständig ihre Prozentzahlen verglichen haben, hat man die Gefahr einer Essstörung ungewollt sogar noch gefördert.» Beinahe so wie jene Kunstturn-Trainer, welche ihre Schützlinge wöchentlich zur Gewichtskontrolle auf die Waage gestellt hatten. Auch bei diesen Athletinnen entwickelte sich die Waage mit der Zeit zum persönlichen Podest.