«Wenn es das gemeinsame Abendessen in der Familie nicht schon gäbe – man würde es rasch erfinden, so gut funktioniert es», sagt Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm. «Man sitzt beisammen, die Nahrungsaufnahme sorgt für lustvolle Stimmung und gedämpfte Aggressivität, und weil man ohnehin beieinander ist, kann man das tun, was Menschen ohnehin täglich mehrere Stunden tun, nämlich miteinander reden.»

Kalte Küche im «Hotel Mama»

Spitzer verweist im Fachblatt «Nervenheilkunde» auf die Ergebnisse einer aktuellen US-Studie, bei der über 18 000 Schüler im Alter zwischen 12 und 18 Jahren anonym zu Essverhalten und psychischen Problemen befragt wurden. Es zeigte sich: Je öfter gemeinsam gegessen wurde, umso geringer waren die Auswirkungen von Mobbing. Spitzer spricht von einem «Dosis-Effekt des gemeinsamen Familienessens». Während des Essens könnten die jungen Menschen über ihre Probleme sprechen und die Eltern würden ihnen dabei zuhören und nachfragen.

Die gemeinsame Mahlzeit mit der Familie ist indes längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Bedingt durch die zunehmende Berufstätigkeit beider Elternteile und flexiblere Arbeitszeiten wird es immer schwieriger, gemeinsame Familienzeiten und Mahlzeiten zu koordinieren und zu organisieren: Im «Hotel Mama» bleibt die Küche immer häufiger kalt.

Eine Umfrage unter deutschen Jugendlichen zeigt, dass nur noch 26 Prozent zwischen 14 und 16 Jahren mehrmals täglich an gemeinsamen Familienmahlzeiten teilnähmen. Weitere 31 Prozent sitzen zumindest einmal am Tag mit den Eltern am gemeinsamen Tisch. Der Rest kommt seltener zu Tisch.

Doch das gemeinsame Essen hat noch einen weiteren Vorteil. «Kinder, die regelmässig im Familien- oder Verwandtenkreis essen, werden seltener dick», weiss die Zürcher Ernährungsexpertin Christine Brombach von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Den Beweis erbrachte eine weitere amerikanische Studie, die jüngst im Fachblatt «The Journal of Pediatrics» publiziert wurde. Mediziner der Universität Minnesota und der Columbia Universität New York um Jerica Berge befragten für ihre Langzeitstudie 2287 Heranwachsende zu ihren Essgewohnheiten und Aktivitäten und verfolgten die Entwicklung ihrer Probanden über zehn Jahre hinweg. Nach dieser Beobachtungszeit entpuppten sich 51 Prozent der Teenager als übergewichtig, jeder Fünfte (22 Prozent) musste bereits als fettsüchtig (adipös) eingestuft werden.

Als besonders aufschlussreich stellte sich der Zusammenhang zwischen den Ernährungsgewohnheiten in den Familien der Studienteilnehmer und dem Körpergewicht heraus. Von den jungen Erwachsenen, deren Familie sich niemals zum gemeinsamen Essen traf, entwickelten im Laufe von zehn Jahren 60 Prozent ein Übergewicht, knapp die Hälfte davon wurde sogar fettsüchtig. Fand sich jedoch die Familie wenigstens ein bis zweimal in der Woche zu einer gemeinsamen Mahlzeit zusammen, fiel das Risiko zum Dickwerden statistisch signifikant niedriger aus. «Gemeinsame Mahlzeiten sorgen für den Zusammenhalt der Familie. Bei diesen Gelegenheiten ist meist auch das Essen gesünder, ausserdem können die Kinder und Heranwachsenden von ihren Eltern vernünftigere Essgewohnheiten lernen», folgert Studienleiterin Berge.

Übungsraum Familientisch

Ähnlich sieht das Ernährungsexpertin Brombach. Ernährung sei eben mehr als die Versorgung des Körpers mit Nährstoffen. Am Familientisch würden Vorstellungen von Essen und Trinken vermittelt. Kindern lernten von den Eltern, was als ‹richtig› und ‹falsch›, ‹gesund› oder ‹ungesund› gilt und was schmeckt und was nicht. «Am Familientisch wird eingeübt, wie in einer kulturellen Gemeinschaft mit Essen umgegangen wird und welche Bedeutung Essen hat», sagt Brombach.

Gerade weil ernährungsbedingte Erkrankungen zunehmen, seien Kochfähigkeiten für Kinder und Jugendliche zentral für eine selbstverantwortliche Ernährungsvorsorge. Deshalb sollte allen Kindern der Zusammenhang von Kochen und Essen spielerisch vermittelt werden, empfiehlt die Zürcher Expertin.