Unser gesamtes Erbgut geht auf Viren zurück, behauptet die Virologin Karin Mölling. Behält sie recht, würde das die Virologie radikal verwandeln: Der Beginn des Lebens wäre nämlich das Virus. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, des gesamten Erbguts des Menschen, offenbarte, was niemand sich bisher hatte vorstellen können: «Die Hälfte unseres Erbgutes besteht aus mehr oder weniger verstümmelten Viren.» Mölling empfand diese Entdeckung als geradezu unglaublich. 

Und sie beflügelte ihren Forscherdrang: «Sollten vielleicht alle Gene einst aus Viren entstanden sein? ‹Schlau› genug sind sie, das heisst, sie enthalten genügend genetische Information.» Immerhin kann ein Virus bis zu 2500 Gene besitzen.

Bestärkt wurde Mölling in ihrer Annahme, als im Jahr 2006 dem französischen Virologen Thierry Heidmann ein entscheidendes, wenn auch von der Öffentlichkeit relativ unbeachtetes Experiment gelang. Aus Virusresten im menschlichen Erbgut, die etwa fünfzig Millionen Jahre alt waren, rekonstruierte er ein intaktes Virusgenom und erzeugte damit vermehrungsfähige Viren. Diese nannte er «Phoenix».

Damit war bewiesen, dass die verstümmelten Viren in unserem Erbgut einst wirkliche Viren waren. Aber wie kamen all diese Viren in unser Erbgut, und welchen Zweck haben sie da? Möllings Antwort ist einfach: Sie schützen uns vor Viren von aussen. «Viren in einer Zelle lassen andere Viren nicht hinein», erläutert sie. Dass die Viren in unserem Erbgut mit der Zeit verkümmerten, lag daran, dass sie nicht mehr nötig waren, weil es die abzuwehrenden Viren nicht mehr gab.

Am Anfang war das Virus

Diese Sicht auf die Viren führt weg von der ausschliesslich medizinischen Perspektive. Dafür eröffnet sie völlig ungeahnte Horizonte: «Viren bieten neues Erbgut und auch Schutz.» Karin Mölling geht noch einen Schritt weiter: Viren sind nicht nur Bestandteil unseres Erbgutes, sondern sie standen auch am Anfang des Lebens. War da nicht so etwas wie eine erste Zelle? Mölling verwirft diesen Einwand: «Die erste Zelle kann nicht der Anfang gewesen sein. Die ist schon viel zu gross. Man muss weiter zurückgehen und einfachere und kleinere Anfänge suchen.»

Mölling ist überzeugt, dass das Virus den Beginn des Lebens markiert, auch wenn der endgültige Beweis dafür noch aussteht. Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, vertrat die These, dass man den Anfang des Lebens unter heutigen Bedingungen nicht mehr nachvollziehen könne. «Lässt man diese These gelten, ist der Beweis für den Anfang nicht zu erbringen», räumt die Wissenschaftlerin im Gespräch ein. Aber man kann dennoch in die Vergangenheit gucken, nämlich untersuchen, was heutige Viren über die Vergangenheit und unsere Evolution aussagen.

«Der neueste Befund besagt, dass Viren und Bakterien einander näher stehen als angenommen», betont Mölling. «Die grössten, neu entdeckten Viren, die Gigaviren, sind teilweise sogar grösser als Bakterien. Sie besitzen ausserdem bereits Bausteine zur Proteinsynthese. Das galt bisher als Privileg von Bakterien, also anerkannten Lebewesen. Nun gibt es Ähnliches auch in Viren.» Diese Entdeckung unterstreicht ihre Überzeugung: Das erste Biomolekül war eine Ribonukleinsäure (RNA), eine Kette von vielen Nukleotiden.

Was jetzt DNA ist, war früher RNA

Viele Forscher postulieren eine sogenannte «RNA-Welt» als Vorläuferin unserer Lebenswelt, in der die Erbinformation durch DNA gespeichert wird. RNA-Moleküle sind zwar meist nur einsträngig (die DNA bildet die berühmte Doppel-Helix) und deshalb instabiler, aber sie können auch biochemische Prozesse auslösen und steuern. RNA kann nicht nur Information übertragen, sondern auch andere RNA aufspalten und wieder zusammenfügen. Mölling erinnert an das gelungene Experiment, diese RNA im Reagenzglas zu verdoppeln: «Das war eine grosse Überraschung.» Für die Entdeckung dieser vermehrungsfähigen und aktiven RNA, sogenannter Ribozyme (aus «Ribonukleinsäure» und «Enzym»), gab es vor ein paar Jahren den Nobelpreis. Bisher hatte man angenommen, dass nur Proteine chemische Reaktionen auslösen könnten.

Noch mal Leben, aber ganz anders?

«Diese Ur-RNA ist so robust, dass sie alle Unbill der Welt heil überstanden hat», schwärmt die Forscherin. «Bis heute ist sie in allen unseren Zellen vorhanden.» Wie sich diese Ur-RNA verbreiten konnte, ist allerdings immer noch eine nicht ganz geklärte Frage. Am liebsten würde Karin Mölling ein Stückchen Ur-RNA ins Weltall schicken, um zu sehen, was daraus wird: «Es könnte vieles daraus entstehen, vielleicht auch noch einmal Leben, aber möglicherweise ein ganz andersartiges.»

Stattgefunden haben könnte der Beginn des Lebens im Ozean. Auch die Nasa forscht an den Schwarzen Rauchern, den Schloten erloschener Vulkane auf dem Boden der Tiefsee, über die Entstehung des Lebens. Ihr Experiment missglückte zwar, weil durch das vorbeigespülte Wasser bereits vorhandene Lebewesen herbeigeschwemmt wurden. «Aber diese Schlote boten sicher eine gute Möglichkeit, das Leben entstehen zu lassen», ist Mölling überzeugt. «Um die Schlote herum gibt es Nischen, dort herrschen Temperaturen von 0 bis 300 Grad – irgendeine wird schon gepasst haben.» Und woher kam in diesen Tiefen die notwendige Energie? Von der Sonne konnte sie nicht kommen, aber vielleicht aus dem Erdinnern: «Sie könnte in chemischer Form zur Verfügung gestanden haben.»

Mehr Viren als Sterne am Himmel

In der Fachliteratur wird das Ribozym als Viroid bezeichnet. Mölling findet das unpassend: «Ich zähle es eindeutig zu den Viren. Die klassische Definition von Viren ist viel zu eng für das, was wir heute alles über Viren wissen.» In einem leidenschaftlichen Plädoyer für eine neue Virologie umreisst sie die bisher wohl erst im Ansatz erkundete Vielfalt der Virenwelt. Es gibt mehr Viren als Sterne am Himmel, manche davon unvorstellbar alt, andere winzig klein, hundertfach kleiner als Bakterien.

Folgt man Möllings Ausführungen, gewinnt man den Eindruck, als habe die Virologie gerade erst begonnen. Mölling fasst diesen Einwand durchaus selbstkritisch auf. In ihren 45 Jahren Forschertätigkeit über Viren und Krebs sowie als Professorin für Virologie und Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie der Universität Zürich hatte sie sich ebenfalls auf den medizinisch relevanten Bereich der Virologie konzentriert. So entwickelte sie eine neuartige Aids-Therapie, für die sie 2007 den Swiss Award erhielt. Mittlerweile aber betrachtet sie die Viren als «Supermacht des Lebens», wie sie denn auch ihr soeben erschienenes Buch betitelt hat, mit dem sie den Leser einlädt zu «Reisen in die erstaunliche Welt der Viren».

Dass manche ihrer Kollegen ihren Thesen skeptisch gegenüberstehen, ficht die streitbare Forscherin nicht an. Sie ist überzeugt: Innerhalb weniger Jahre wird sich eine neue Sicht in der Virologie durchsetzen. Und wenn ihre These von der Entstehung des Lebens sich bewahrheitet, wäre damit das Rätsel des Lebens gelöst? Da bleibt die engagierte Virologin allerdings bescheiden und antwortet mit einem entschiedenen: «Nein.»

Auf vielen Ebenen ist das Rätsel des Lebens überhaupt nicht gelöst. Neuerdings weiss man, in welchem Umfang auch Mikroben mitwirken: «Der Mensch ist ein Ökosystem. Unsere Zellen bestehen aus 20 000 Genen, dazu kommen 2 Millionen Gene von Mikroorganismen, die uns besiedeln, umgeben und unser Befinden beeinflussen.» Und überhaupt das Leben. «Jedes Ergebnis löst neue Fragen aus: Was ist Liebe? Was ist Freude? Was ist Glaube? Was macht uns aus?» Da bleiben immer Fragen offen und Aussichten auf viele Wunder.