Beruhigend tönt das nicht: Gemäss dem neusten Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) ist in der Schweiz zwar keine wesentliche Zunahme von Depressionen zu verzeichnen. Das heisst, jährlich erkranken rund sieben von 100 Menschen an einer Depression, das Risiko, im Lauf seines Lebens zumindest eine depressive Episode durchzumachen, beträgt 20 Prozent.

Aber: Wer unter Depressionen leidet, tut dies meist heftig. Nur gerade fünfzehn Prozent der Betroffenen werden als leichte Fälle eingestuft, die anderen 85 Prozent weisen mittelschwere bis schwere Krankheitsgrade auf. Das hat umso heftigere soziale Folgen, weil sich die Krankheit relativ früh, nämlich im Schnitt mit 30 Jahren, zeigt, bei einem Viertel der Betroffenen sogar bereits unter 18 Jahren.

Hinzu kommt, dass wenige Betroffene nur eine einzelne depressive Phase durchmachen: Drei Viertel der Betroffenen erleben innerhalb der ersten fünf Jahre mindestens eine zweite Episode. Und immer mehr Depressionen gelten als behandlungsresistent gegenüber den klassischen Antidepressiva. Das sind bedrückende Aussichten.

Magnetstimulation und Ketamin

Umso dringender sind wirkungsvolle Therapien gefragt. Gemäss einem Bericht in der neusten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «New Scientist» sind diese zumindest auf guten Wegen. Zunächst einmal untersuchten Forscher des National Institute of Mental Health in Bethesda, Maryland, warum die vorhandenen Antidepressiva immer schlechter wirken. David Mischoulon, Leiter der Psychiatrischen Forschungsstelle am Massachusetts General Hospital, ging zahlreiche unveröffentlichte pharmazeutische Studien durch und machte eine überraschende Feststellung: Ganz viele Studien zeigten gar nicht wesentlich bessere Resultate für die Antidepressiva als für Placebo.

Antidepressiva überbewertet

Die Erklärung dafür ist einfach: Die amerikanische Food and Drug Kontrollstelle verlangt für die Zulassung eines Medikamentes nur zwei relevante Grossstudien, die beweisen, dass das Medikament besser wirkt als Placebo. Die übrigen Studien müssen nicht veröffentlicht werden. Genau aus diesen unveröffentlichten Studien schloss jedoch Mischoulon, dass die Zahl jener, die gut auf Antidepressiva ansprechen, wahrscheinlich gar nie wesentlich höher lag als bei etwa 50 Prozent. Jedenfalls nicht bei den vielversprechenden 80 bis 90 Prozent, welche die Studien grossspurig verkündeten.

Was also weiter? Viel Erfolg versprach vor allem in den englischsprachigen Ländern die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS), eine Methode, bei der verschiedene Hirnareale mithilfe eines Magnetfeldes angeregt oder gehemmt werden können. Doch die Geräte sind gross und teuer, die Anwendung entsprechend kompliziert und die Therapieergebnisse unterschiedlich gut. Universitätsspitäler in der Schweiz testen die Methode unter anderem bei Tinnitus und für die Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten. Für die Behandlung von Depressionen scheint sie zumindest vorerst nicht die Lösung.

Stattdessen zeigten Studien mit dem Narkosemittel Ketamin überraschende Ergebnisse: Bei Patienten mit hartnäckigsten Depressionen besserten sich die Symptome innert Stunden oder einem Tag nach Verabreichung einer intravenösen Dosis. Der Haken daran: Die Wirkung hält nur etwa zehn Tage an, danach wäre eine weitere Dosis notwendig, und das bei einem Mittel, das vor allem psychotrope Nebenwirkungen hat.

Lösungsansatz Glutamat

Immerhin, die Teil-Erfolge dieser unterschiedlichen Therapieformen Magnetstimulation und Ketamindosis brachten die Forscher auf eine entscheidende neue Spur, auf das Glutamat – den dominantesten stimulierenden Neurotransmitter im Gehirn. Offenbar wirkt es so unterstützend, dass sich die Hirn-Neuronen selber reparieren können. Das ist wichtig, denn bei Depressionen schrumpfen Dendriten, das sind leitende «Fingerchen» am Ende der Neuronen. Ist das passiert, lösen gemäss den Studien das Ketamin und die Magnetstimulation eine ähnliche Reaktion aus; sie erhöhen den Glutamatspiegel, der dann quasi dem deprimierten Hirn beibringt, wie es sich selber reparieren kann.

Die Wissenschafter folgern daraus, dass Depression in einem Teil der Fälle eher auf eine Unordnung der Neuronen-Struktur zurückzuführen ist als auf ein chemisches Ungleichgewicht. «Ich glaube nicht, dass wir uns geirrt haben», sagt Psychiatrieforscher David Mischoulon, «Wir haben nur nicht die ganze Geschichte gesehen.» Vielleicht hilft jetzt Glutamat, das Ganze zu sehen.