Wenn es um Entzündungen der Harnwege geht, spielt die Anatomie eine entscheidende Rolle. Bei Frauen befindet sich der Blasenausgang nahe am After, Bakterien können deshalb leicht in die Blase gelangen. Beim Mann schaffen es Keime nicht so leicht, durch die deutlich längere Harnröhre aufzusteigen. Dass Harnwegsinfekte Männer schwer krank machen können, liegt aber vor allem an der engen Nachbarschaft von Blase und Prostata.

Blasen-Prostata-Entzündung

Die Prostata ist eine Drüse, die dicht unterhalb der Blase liegt. Sie produziert einen grossen Teil des Samenergusses. Weil ausserdem der Urin auf dem Weg nach draussen durch die Prostata hindurchfliesst, sind sie und die Blase gewissermassen eine Einheit. Entzündet sich die eine, ist auch die andere betroffen. Und umgekehrt. Am Claraspital in Basel sprechen die Urologen deshalb oft gleich von Blasen-Prostata-Entzündung, wenn sie einen Patient mit den typischen Symptomen vor sich haben:

Heftige Unterleibsschmerzen – vor allem beim Wasserlösen – und ständiger Harndrang. Dazu oft Blut im Urin und Fieber, Schüttelfrost sowie ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl. Ausserdem, wenn die entzündete Prostata anschwillt, Probleme beim Sitzen sowie beim Stuhlgang. Den Betroffenen geht es richtig schlecht, viele müssen im Krankenhaus behandelt werden. Urologie-Oberarzt Dr. Peter Ardelt: «Dafür, dass die Prostata so ein kleines Organ ist, kann sie erstaunlich grosse Probleme machen.»

Seltenes Auftreten

Zum Glück kommen Prostata-Entzündungen selten vor und befallen nur etwa jeden zehnten Mann einmal im Leben. Alles, was die Immunabwehr schwächt, kann ihr Auftreten begünstigen. Zum Beispiel Kälte, Diabetes oder immunsuppressive Medikamente.

Häufiger betroffen sind vor allem ältere Männer, wenn sich bei ihnen infolge der altersbedingten Prostatavergrösserung Restharn in der Blase sammelt – eine für Keime ideale Umgebung. «Jeder Mann ab dem 50. Lebensjahr sollte sich daher jährlich urologisch durchchecken lassen», empfiehlt Urologe Dr. Ardelt. Werden Prostatavergrösserung und Restharnbildung frühzeitig erkannt und behandelt, sinkt das Prostatitisrisiko.

Manchmal kommen wiederholte Prostata-Entzündungen aber auch einfach daher, dass ein vorheriger Infekt nicht richtig austherapiert wurde. Nicht umsonst empfehlen die urologischen Fachgesellschaften bei akuter Prostatitis drei Wochen Antibiotikum. Wer die Einnahme vorher abbricht, riskiert ein erneutes Ausbrechen oder einen chronischen Verlauf. Peter Ardelt: «Denn dann bleiben Erreger übrig, die sich wieder ausbreiten können.»

Wichtig vor jeder Behandlung: eine gründliche Untersuchung, unter anderem mit Nachweis von Krankheitserregern und Entzündungsmarkern in Blut, Urin und Prostatasekret. Auch jedes Mal wieder bei chronisch-wiederkehrenden Prostata-Infektionen. Denn nicht alles, was wie eine bakterielle Prostatitis aussieht, ist tatsächlich eine.

Chronische Entzündung

Bei 90 Prozent der Männer ist die Prostatitis eine chronische Angelegenheit – mit und ohne nachweisbare Bakterien und Entzündungszeichen. Solche Befunde richtig interpretieren und die optimale Behandlung auswählen zu können, erfordert vom Arzt viel Erfahrung. Zumal in einigen chronischen Fällen die prostatitisähnlichen Beschwerden nicht von einer Prostata-Entzündung herrühren, sondern von einer dauerhaften Anspannung der Muskulatur im Beckenbodenbereich (= Beckenschmerz-Syndrom).

Bei diesem Phänomen, auch Chronic Pelvic Pain Syndrome (= CPPS) genannt, dauert es oft lange, bis die Betroffenen die richtige Diagnose erhalten. Schuld daran sind laut Dr. Ardelt vor allem die Symptomvielfalt und die oft unklaren Befunde. Wenn die Patienten dann wegen ihres grossen Leidensdrucks und der vermeintlich falschen Behandlung öfter den Arzt wechseln, fängt jeder Doktor wieder bei Null an. Ardelts dringende Empfehlung: «Sich einen Arzt suchen, dem man vertraut, und sich mit diesem Schritt für Schritt zur richtigen Diagnose vorarbeiten, auch wenn der Weg mal länger dauert!»

Stress als Ursache

Wie es zum Beckenschmerz-Syndrom kommt, ist bislang nicht hundertprozentig geklärt. Eine grosse Rolle scheint jedenfalls die Psyche zu spielen. Dr. Peter Ardelt: «So wie bei Frauen in belastenden Situationen oft die Regel ausbleibt, sind Prostata und Beckenboden bei unter Stress stehenden Männern wunde Punkte.»

Wärme, Entspannungsübungen, Schmerzmittel, abschwellende Massnahmen – kurz alles, was dem verkrampften Beckenboden guttut – ist zwar kurzzeitig lindernd, jedoch keine Dauerlösung. Denn wird nur an den Symptomen herumgedoktert, sucht sich der Stress irgendwann ein anderes Ventil. Laut Urologe Peter Ardelt, der eine Zusatzausbildung in Psychosomatik absolviert hat, kommt es vor allem darauf an, dass den Betroffenen – eventuell mit psychotherapeutischer Hilfe – der Zusammenhang zwischen ihren körperlichen Beschwerden und ihrer psychischen Belastung klar wird: «Diese Erkenntnis allein bessert das Befinden oft ganz erheblich.»