Die ganze Stadt scheint zu schlafen – nur ich nicht. Wieso will es mir nicht gelingen, endlich einzuschlafen? Und wie soll ich bloss den nächsten Tag überstehen? Solche Gedankengänge plagen Schätzungen zufolge hunderttausende von Menschen in der Schweiz. Genaue Untersuchungen zur Schlaflosigkeit gibt es hierzulande nicht. Doch in einer Gesundheitsbefragung im Jahr 2012 gab ein Viertel der Schweizer Bevölkerung an, unter Schlafstörungen zu leiden. Und beinahe jeder zehnte Schweizer nimmt laut der Befragung Medikamente ein, um schlafen zu können. Meist handelt es sich dabei um sogenannte Benzodiazepine, die beruhigend und schlaffördernd wirken.

«Diese Situation ist bedenklich», sagt Christoph Nissen, Chefarzt an den Universitären Psychiatrischen Diensten UPD in Bern. Denn auch wenn die verschreibungspflichtigen Medikamente den Betroffenen noch am selben Abend nach einem Arztbesuch zum ersehnten Schlaf verhelfen – langfristig machen sie das Problem nur schlimmer. Schon nach zwei Wochen gewöhnt sich der Körper an die Substanzen. Und braucht immer mehr davon. «Oft endet das in einer jahrelangen Abhängigkeit», sagt Nissen, der im Schlaflabor des Berner Inselspitals Betroffene betreut.

Verhalten ändern

Dabei gäbe es eigentlich eine andere Behandlung, die Menschen wieder schlafen lässt: die kognitive Verhaltenstherapie. Das verdeutlicht eine Anfang September erschienene Richtlinie der europäischen Gesellschaft für Schlafforschung, an der auch Christoph Nissen mitgearbeitet hat. Die Botschaft ist eindeutig: Medikamente sollen erst verschrieben werden, wenn eine Verhaltenstherapie nicht funktioniert. Und das ist äusserst selten, wie der Bericht zeigt. Darin hat ein internationales Forscherteam die Ergebnisse von über 300 klinischen Studien der letzten Jahrzehnte zur Verhaltenstherapie bei Schlafstörungen ausgewertet. Bei der grossen Mehrheit der insgesamt über 15'000 behandelten Personen war die Therapie erfolgreich.

Weshalb also werden Patienten nicht öfter ohne Medikamente behandelt – vor allem, wenn im Prinzip auch Hausärzte die Therapie durchführen könnten? «Das Schlafverhalten eines Patienten unter die Lupe zu nehmen, braucht viel Zeit», sagt Nissen. Und die scheinen weder Ärzte noch Patienten zu haben. «Patienten erscheinen oft mit der klaren Erwartung, ein Schlafmittel zu erhalten.» Viele Ärzte erfüllen diesen Wunsch. Denn die Zeit, die sie mit Patientengesprächen verbringen, ist vom Schweizer Gesundheitssystem schlecht vergütet. Nissen schätzt, dass weniger als zehn Prozent der Patienten mit Schlafstörungen wirklich die notwendige Aufmerksamkeit erhalten.

Falsche Erwartungen

Das sei schade, sagt Nissen. «Die Verhaltenstherapie ist nämlich keine Hexerei.» Es gehe vor allem darum zu korrigieren, wie die Patienten mit ihrem Schlaf umgehen. Oft fängt dies bereits bei den falschen Erwartungen an, die sie an ihren Schlaf haben. «Die meisten wissen gar nicht, wie viel Schlaf ihr Körper wirklich braucht», sagt Nissen. Zwischen fünf und zehn Stunden ist nämlich alles normal – und angeboren. Weil aber immer noch die Vorstellung herrscht, dass acht Stunden Schlaf richtig seien, zwingen sich die einen viel zu lang ins Bett und ärgern sich über schlaflose Stunden. Andere gönnen sich zu wenig Ruhe und kämpfen dafür tagsüber mit Leistungseinbussen.

Am Anfang der Therapie müssen die Patienten deshalb in einem Protokoll notieren, wie viele Stunden sie tatsächlich schlafen. Dann wird die Zeit, die sie im Bett verbringen dürfen, radikal auf diese Stundenzahl gekürzt. Durch die verkürzte Schlafzeit fühlen sich die Patienten endlich wieder richtig müde. «Für viele ist das ein grosses Erfolgserlebnis», sagt Nissen. «Sie erlangen die Kontrolle über ihre Müdigkeit zurück.» Während der folgenden Wochen wird das System immer weiter angepasst. Schläft der Patient mehr als 85 Prozent seiner Bettzeit, braucht er tatsächlich mehr: Die Bettzeit wird um eine halbe Stunde verlängert und das Experiment beginnt von vorne. Umgekehrt wird die Bettzeit weiter gekürzt, falls der Patient immer noch lange wach liegt.

Zusätzlich lernt der Schlaflose, sein Verhalten zu ändern. Die Regel: Im Bett wird nur geschlafen. Fernsehen, Surfen, Lesen oder Grübeln sind tabu. Einzig beim Sex drücken die Schlafforscher ein Auge zu. Liegen Menschen wach, sollen sie aufstehen und sich in einem anderen Zimmer beschäftigen, bis sie wieder schläfrig sind. «So verknüpfen die Betroffenen das Bett mit der Zeit nicht mehr mit der negativen Erfahrung des Wachliegens», erklärt Nissen. Und der Schlaf wird langsam wieder selbstverständlich.