Delirium

Aus dem Koma zurück ins Leben: Warum diese beiden Männer heute auch das kleine Glück schätzen

Ezra Pierpaoli (links) und Ferdinand Pulver

Ezra Pierpaoli (links) und Ferdinand Pulver

Sie atmen nicht mehr selbst, essen nicht mehr selbst, können nicht reden. Sie liegen im Koma. Doch sie finden zurück ins Leben. Das sind die Geschichten von zwei Männern, die heute auch das kleine Glück schätzen.

Das zweite Leben von Ferdinand Pulver begann mit Fragen: «Wo bin ich? Und wer sind diese Menschen, die um mich herum stehen?» Der damals 42-Jährige lag in einem Bett des Kantonsspitals Basel, kam zu sich, driftete wieder weg. Dass er bei einem Motorradunfall seine Wirbelsäule, seine Arme, seine Rippen gebrochen hatte und seine Lungen kollabiert waren, nahm er in den ersten Tagen nach dem künstlichen Koma nicht wahr. In dieses hatten ihn Ärzte versetzt, also stark sediert, ähnlich wie bei einer Narkose. Als er daraus aufwachte, hörte er Menschen zwar Wörter wie «Schädel-Hirn-Trauma» sagen.

Nur einordnen konnte er das Gesagte nicht. Alles sei diffus gewesen. Das Einzige, was er zu glauben wusste, war: «Das überlebe ich nicht.» Einen Monat lang musste Ferdinand Pulver beatmet werden. In seinem Hals steckte ein Schlauch, durch den eine Maschine Sauerstoff in seine Lungen pumpte. Sprechen konnte er deshalb nicht.

Ans Bett von Ferdinand Pulver traten nicht nur Ärzte. Da waren auch andere Menschen und immer wieder diese eine Frau. Pulver merkte: So wie sie auf ihn reagierten, müsste er sie wohl kennen. Irgendwann realisierte er: Die Besucher, die kein blaues Polo-Shirt trugen, gehörten zu seinem früheren Alltag. Ein Orthopäde trat an sein Bett und teilte ihm mit, dass er gelähmt sei. Pulver selbst mass dieser Nachricht nicht allzu viel Gewicht bei. In seinen Gedanken spielte er seine eigene Beerdigung durch und überlegte sich, wer um ihn trauern wird. Die Medikamente, die er bekam, wirkten: Angst oder Panik machten sich nicht breit, vielmehr spürte er eine grosse innere Ruhe. Tränen traten ihm einzig in die Augen, wenn er an seinen 1½-jährigen Sohn dachte und wie dieser ohne Vater aufwachsen müsste.

Total desorientiert

Auferstehungs-Geschichten beschreiben einen Ausnahmezustand. In einer solchen Situation ist Orientierung wichtig, sagt Rolf Ensner. Der Chefarzt Operative Intensivmedizin am Kantonsspital Aarau weiss: Manche Patienten auf der Intensivstation denken, sie seien auf einem Bahnhof und müssten den Zug erreichen. Andere glauben, sie würden arbeiten. «Wir können den Schwerkranken nicht ihre medizinische Geschichte im Detail erzählen», sagt Ensner, «aber wir sagen ihnen immer wieder, wo sie sind, welcher Tag ist und wann der Tag zu Ende geht. Das hilft gegen das Delir.»

Das Delirium ist der Zustand, in dem sich Realität und Einbildung vermischen. Nicht zu wissen, was stimmt und was nicht, macht Angst.

Ezra Pierpaoli hatte oft Angst auf der Intensivstation, nachdem er langsam aus dem künstlichen Koma erwachte. Nicht ein Unfall hatte ihn hierher gebracht, sondern ein Superkeim, genau gesagt der CA-MRSA, gegen den viele Antibiotika wirkungslos sind. Infiziert wurde Pierpaoli, damals 45, Biochemiker und Vater von drei Kindern, entweder in den Sommerferien in Kroatien oder durch einen Verwandten aus den Philippinen, der zwei Monate bei der Familie wohnte. In beiden Ländern ist der Keim präsent durch die falsche Anwendung von Antibiotika.

Aus grippeartigen Symptomen und einem Abszess in der Nase entstand innert vier Tagen eine lebensbedrohliche Situation. Ezra Pierpaoli wurde für mehr als sechs Wochen ins künstliche Koma versetzt. Dies, weil der Keim seine Lunge angriff und er beatmet werden musste. Später versagte die Niere. «Es hätte nicht mehr viel gebraucht...», sagt Pierpaoli. Die Ärzte kämpften. Jeder einzelne neue Infektionsherd musste schnellstmöglich entdeckt und herausoperiert werden: in den Augen- und Nebenhöhlen, im Pleuraspalt der Brusthöhle und hinter den Ohren. Pierpaoli bekam von allem nichts mit. Ein Loch entstand, eine Gedächtnislücke.

«Ich wachte auf und hatte keine Ahnung, wo ich war», versucht Pierpaoli den Zustand zu erklären. Langsam kam er vom Trip der Medikamente runter. Gegen die Halluzinationen erhielt er neue Medikamente, die seine Hände zittern liessen. So konnte er nicht einmal die Buchstaben antippen, die ihm für eine Kommunikation auf einer Tafel gezeigt wurden. Zum Schreiben hatte er zu wenig Kraft: Nach sechs Wochen Stillliegen hatten sich die Muskeln abgebaut. Sprechen ging nicht, weil er noch immer den Schlauch im Hals hatte – und nicht selber atmen konnte. Geschweige denn essen. Oder aufs Klo gehen. Nachts hatte er manchmal Panikattacken. Er war wie gelähmt, gefangen.

Als normaler Mensch ist es schwieriger. Wer dem Tod nahe gekommen ist, braucht viel Zeit, den Stein wegzurollen. Die Ärzte helfen, aber schnell geht es nie. «Wie aus dem Dornröschenschlaf erwacht selten jemand und ist voll da», sagt Chefarzt Ensner. Und sogar jene Patienten, bei denen man sich wundere, wie schnell sie wieder auf den Beinen seien, hätten später oft Probleme. Sie sind müde, depressiv verstimmt, können sich nur schwer konzentrieren. Auch posttraumatische Belastungsstörungen gehören dazu. Nicht alle werden wie Pierpaoli wieder voll arbeitsfähig. Bei ihm dauerte das ein volles Jahr.

Sind sich die Ärzte bewusst, dass sie es mit Menschen zu tun haben, die tot wären, wenn die moderne Medizin sie nicht am Leben erhalten würde, bis die Heilung eingetreten ist? «Ich denke», sagt Reto Schüpbach, Direktor am Institut für Intensivmedizin im Unispital Zürich, «wir Ärzte sind uns dessen mehr bewusst als die Angehörigen. Was für ein Segen die heutigen Möglichkeiten sind, aber auch wie viel das kostet, daran denken die Angehörigen nicht immer.» Er wisse, dass sich nicht alles heilen lasse. Aber man sei es heute gewohnt, dass jemand, der im Spital ist, meist genest. An Wunder glaubt Reto Schüpbach nicht, nur dass es manchmal wunderschön sei: Wenn ein Patient nach mehreren Tagen oder Wochen erwache und sich langsam seine Persönlichkeit zeige.

Später geht es darum, die Erinnerungslücke zu füllen. In einigen Spitälern führt das medizinische Personal mit den Angehörigen Tagebuch, damit der Patient später nachlesen kann, was in der Zeit des künstlichen Komas passiert ist.

Wieder Wind auf der Wange

Nach und nach realisierte Ezra Pierpaoli, wo er war und warum. Der Horror blieb: Die Erstickungsangst, als er langsam wieder selber atmen lernen musste, die Überforderung in allem, was er tun sollte, und sei es nur, eine einfache Bewegung mit dem Arm. Und doch: An einem Tag wurde der Luftröhrenschlauch entfernt, kurz darauf konnte er endlich wieder selber trinken. «Es war wie eine lange Reise», sagt Pierpaoli. In kleinen Schritten. «Ich überlegte mir, was ich tun muss, um rauszukommen.» In der Reha-Klinik in Rheinfelden lautete das Wochenziel zuerst, vom Bett bis zum Lavabo laufen zu können. Als Pierpaoli nach fast drei Monaten zum ersten Mal seine Kinder wieder sehen und nach draussen konnte, war es ihm egal, dass er immer noch Schutzkleidung tragen musste, um eine Ansteckung der anderen zu verhindern. Er spürte wieder Wind auf seiner Wange und Temperaturunterschiede.

Aufgeben kam nicht infrage

Ferdinand Pulver weiss vom Motorradunfall nichts mehr. Die Erinnerungen an jenen Montag fehlen ihm ebenso wie an das Wochenende zuvor. Aus Erzählungen und Unfallprotokollen weiss er, dass es ein warmer Tag im April 2007 war, als er sein Motorrad in Richtung Schwarzwald lenkte. Wie er mit 90 km/h korrekt in eine Rechtskurve einbog, wie ein alter VW-Bus frontal in ihn reinfuhr – das scheint sein Gedächtnis ausradiert zu haben. «Es ist wohl ein Schutzmechanismus des Körpers. Ich bin sehr froh, muss ich diese Bilder nicht mit mir herumtragen», sagt Pulver.

Umso präsenter ist ihm die Zeit der langsamen Fortschritte im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil: Wie er nach einem Monat erstmals selber tief Luft holen konnte, wie er sich zum ersten Mal wieder selber sprechen hörte oder wie zwei Pflegerinnen seine Beine über die Bettkante schoben, ihn erstmals aufrichteten – und ihm derart schwindlig wurde, dass sie ihn sofort wieder hinlegen mussten.

Aufgeben, das kam für Ferdinand Pulver nicht infrage. Denn da war dieses Gefühl, das ihn nie mehr losliess: «Ich habe überlebt, daraus mache ich etwas.» Dies entwickelte sich zur Grundhaltung. Pulver beschloss, die Rehabilitation von neun auf fünf Monate abzukürzen. Als selbstständiger Grafiker wusste er: Kann er nicht bald wieder arbeiten, verliert er seine Kunden. Ins Hadern sei er nie gekommen, sagt der heute 53-Jährige. Zwar sei er vor allem während der Reha immer mal wieder an den Punkt gekommen, wo er dachte: Das packe ich nicht. Er habe sich jedoch gezwungen, weiter zu üben, zu trainieren. Bloss nicht aufgeben, denn da draussen wartet ein neuer Lebensabschnitt.

Im Schweizerischen Paraplegiker-Zentrum, in dem sich Ferdinand Pulver vor knapp 12 Jahren auf seinen Alltag vorbereitet hat, arbeitet die leitende Psychologin Rita Müller. Sie sagt, dass der Umgang mit einem schweren Schicksalsschlag individuell und somit sehr unterschiedlich sei. Es gibt Patienten, die sind dankbar, überlebt zu haben. Andere nicht. «Wie die Betroffenen reagieren, hat oftmals mit ihren Lebensumständen, Ressourcen und ihrer Vorgeschichte zu tun», sagt Müller. Ein gutes soziales Netzwerk, Spiritualität oder eine sinnvoll erlebte berufliche Tätigkeit können helfen, mit der neuen Situation besser umzugehen. «Themen oder Probleme, die vor der Querschnittlähmung weniger zum Tragen gekommen sind, können sich akzentuieren», sagt Müller. Das müsse nicht nur negativ sein: «Es birgt auch die Chance, sich weiterzuentwickeln. Indem man etwa lernt, sich besser abzugrenzen oder die eigenen Ansprüche anzupassen.»

Befreit vom kleinen Ärger

Acht Jahre nach seiner Krankheit steht Ezra Pierpaoli im geräumigen Wohnzimmer seines eben erst fertig gebauten Hauses am Rande von Möhlin AG. Vor der Tür beginnen Felder, die Sonne scheint, im oberen Stockwerk brabbelt ein kleines Kind: Ezra Pierpaoli ist noch einmal Vater geworden. Ein Nachzügler sei das Mädchen, ein gewünschter. Er lacht breit. «Ich habe extrem viel Glück gehabt. Ich bin dankbar», sagt er und lobt die Ärzte und das Pflegepersonal. Auch ein Buch hat er geschrieben: «Überlebt – Infiziert mit dem Superkeim MRSA». Aber er ist vorsichtiger geworden, ängstlicher, weniger unbeschwert. Angeschnallt im Flugzeug, überfällt ihn manchmal die Angst, sich nicht mehr bewegen zu können. Er besucht keine Länder mehr, in denen die resistenten Bakterien gehäuft vorkommen. «Es ist nicht wie vorher», sagt er. Auch im Positiven: Der Ärger des Alltags trifft ihn nicht mehr. «Die kleinen Probleme sind nicht mehr wichtig», sagt er. Also geniesst er die schönen Momente oder schlicht die Veränderung der Jahreszeiten.

Ferdinand Pulver kehrte acht Monate nach seinem Unfall ins Baselbiet zurück. Zu seiner Familie, zu seinen Freunden, zu seinen Kunden. In seinem früheren Fussballclub begann er als Trainer und kaufte sich ein Handbike – ein Fahrrad, das durch die Arme angetrieben wird. Die ersten zwei Jahre zu Hause seien Lernjahre gewesen. Was liegt drin, was nicht? Manchmal war er derart müde, dass er im Kreise seiner Gäste am Tisch einschlief. Seine Kräfte nahmen zu, doch die Beziehung zu seiner Partnerin zerbrach. Bereits vor dem Unfall kriselte es. Der monatelange fehlende Alltag, die geringe Zweisamkeit, die schwierige Zeit in der Rehabilitation – dies hielt die Beziehung nicht aus.

Heute lebt Ferdinand Pulver seit rund acht Jahren alleine. Eine Putzfrau hilft im Haushalt, sonst lebt er selbstständig. Hat er sich durch den Unfall verändert? «Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod. Das gibt eine grosse Gelassenheit», sagt Pulver. Er lebe bewusster, sei kontaktfreudiger, geduldiger und empathischer. Drehte er früher mit seinem Auto lieber ein paar Extrarunden, als einen Passanten nach dem Weg zu fragen, nehme er heute Hilfe gerne an. Auch sei er risikofreudiger geworden. Als er im Fernsehen eine Dokumentation über einen gelähmten Gleitschirm-Piloten sah, wusste er: Das will ich auch. Heute ist Ferdinand Pulver der erste Schweizer Paraplegiker, der die Lizenz zum Gleitschirm-Piloten absolviert hat. Seine neue Partnerin hat er beim Fliegen kennen gelernt. Sie sei seine grosse Liebe, sagt er. Und: «Ohne den Unfall wäre ich ihr wohl nie begegnet.»

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