Ein Forscherteam der Internationalen Agentur für Krebsforschung in Lyon hat die weltweite Krebs-Datenbank Globocan darauf untersucht, wie oft die bösartige Erkrankung durch einen Infekt ausgelöst wird. Das Ergebnis: Rund 15 Prozent, also 2,2 Millionen der Krebserkrankungen gehen auf das Konto von Mikroorganismen.

Von den zehn ermittelten Mikroben ist ein teuflisches Quartett für fast 95 Prozent der Krebsfälle verantwortlich: nämlich die Hepatitis-Viren B und C (HBV und HCV) und die Humanen Papillom-Viren (HPV) sowie die Bakterie Helicobacter pylori. «Sie sind in entwicklungsschwachen Regionen wie südlich der Sahara für einen Drittel aller Krebsfälle verantwortlich», sagt Plummer. Aber verbreitet sind sie bis nach Mitteleuropa.

Friedenspakt im Magen

So trägt jeder vierte Schweizer Helicobacter pylori in sich. Die meisten merken jedoch nichts davon, weil ihre Magenwände mit dem Erreger eine Art Friedenspakt schliessen. Was ihn schliesslich dazu bringt, bei bestimmten Menschen die Zellen anzubohren und genetisch zum Tumor umzuprogrammieren, ist ungeklärt. Als gesichert gilt: Wer viel rotes Fleisch verzehrt, macht Helicobacter stark, denn er benötigt Eisen für sein Wachstum. Fast 90 Prozent aller Magenkrebsfälle gehen auf sein Konto.

Doch bevor es dazu kommt, kann man Gegenmassnahmen ergreifen. Mediziner raten: Wer bereits an einem Magengeschwür oder immer wieder an Gastritis leidet, sollte sich – sofern Helicobacter, etwa mithilfe einer Atem- oder Stuhlprobe, nachgewiesen ist – einer Kombi-Therapie aus Antibiotikum und Magensäurehemmer unterziehen. Das senkt das Krebsrisiko.

Allerdings bekommen viele Patienten auch nach dem Verschwinden der Keime noch Säureblocker, um die von der Infektion geschwächten Magenwände zu schonen – und das ist keine gute Strategie. Denn laut einer Studie der Universität Hongkong verdoppelt sich dadurch wieder das Krebsrisiko. Der Grund: Die Säurehemmer packen die Magenwände zu sehr in Watte, mit der Folge, dass sie verkümmern – und das bereitet den Boden für Krebsgeschwüre, auch wenn keine Bakterie mehr da ist.

Noch weiter verbreitet als Helicobacter sind die Humanen Papillom-Viren, HPV. Fast jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens infiziert, was sich etwa in Gestalt von Warzen zeigt. Nach aktuellem Wissensstand können 14 sogenannte «Hochrisiko-Typen» des Virus bösartige Zellwucherungen am Gebärmutterhals und an den männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen sowie im Mund- und Rachenbereich anstossen. Womit klar wird, wie sie in erster Linie übertragen werden: beim Sex.

Mit der Zahl wechselnder Geschlechtskontakte steigt deswegen das Infektionsrisiko. Aber auch Rauchen begünstigt das Tumorwachstum, weil es die Schleimhäute anfälliger für Infektionen macht. In der Schweiz erkranken über 250 Frauen jährlich an Gebärmutterhalskrebs, bei 5000 werden Vorstufen der Erkrankung diagnostiziert. Die Zahlen könnten deutlich niedriger sein, denn mittlerweile existieren Impfstoffe. Sie sollten am besten vor dem ersten Geschlechtsverkehr zum Einsatz kommen, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt sie besonders für Mädchen im Alter von 11 bis 14 Jahren.

Hepatitis bleibt lange unentdeckt

Die Hepatitis-Viren B und C stehen hinter dem Alkoholkonsum an zweiter Stelle aller Leberkrebsursachen. Die C-Stämme verdoppeln zudem das Risiko für Bauchspeichel-, Darm- und Nierenkrebs, und die besondere Heimtücke der B-Variante besteht darin, dass sie den Infizierten viele Jahre völlig beschwerdefrei lässt, sodass er lange unerkannt als Überträger aktiv sein kann.

Ein wesentlicher Schritt für die Prävention sind Tests, mit denen sich die Keime in Blutspenden nachweisen lassen. Dadurch ging in den vergangenen Jahrzehnten der Anteil von durch Spenderblut verursachten Leberentzündungen um ein Vielfaches zurück. Das BAG empfiehlt zudem, Jugendliche gegen Hepatitis B impfen zu lassen. In Taiwan gilt diese Empfehlung schon seit 1984. Seitdem ist dort die Leberkrebsquote um fast 70 Prozent abgesackt.

Für HCV darf man sich in dieser Hinsicht kaum Hoffnung machen. «Er widersteht hartnäckig allen Bemühungen, ihn mittels Impfung in den Griff zu bekommen», erklärt Mansun Law vom Scripps Research Institute in Kalifornien. Der Grund: Die bisherigen Impfstoff-Entwicklungen zielen auf ein Protein in der Virushülle, mit dem sich der Keim an den Zellen andockt – und das hat sich jetzt in einer Studie der kalifornischen Mikrobiologen als Verwandlungskünstler herausgestellt.

Was konkret heisst, dass die Impfung das Immunsystem auf etwas sensibilisiert, das im nächsten Moment höchstwahrscheinlich nicht mehr existiert. «Wir müssen uns also ein anderes Ziel suchen», erklärt Law.