Es ist Freitagabend. Ein grünes Curry ist gekocht, ein ruhiger Fernsehabend steht an – zuvor ein letzter Blick auf Facebook.

Einige Freunde sitzen gemütlich in einer Pizzeria und prosten sich mit einem Glas Prosecco zu, die Arbeitskollegen spielen vor dem Clubbesuch Gesellschaftsspiele und die ehemaligen Mitbewohnerinnen sind in Barcelona am Konzert von Justin Timberlake.

Die Wahrscheinlichkeit ist klein, danach entspannt aufs Sofa zurückzukehren, das scharfe Essen mit einem Schluck Thai-Bier zu dämpfen und den abgründigen Film zu geniessen.

Meist breitet sich eine gewisse Nervosität aus, das Gefühl nimmt überhand, eine wichtige Erfahrung oder Begegnung zu verpassen, während man sich entspannt.

Unruhe setzt ein, das Smartphone bleibt den ganzen Abend über in der Hand und die Erlebnisse der Freunde im Kopf.

Die Angst, etwas zu verpassen, ist so alt wie die Gesellschaft. Solange sich Menschen in Gruppen organisieren, sind sie nur temporär Teil davon.

In ihrer Abwesenheit verpassen sie Erfahrungen, sodass das Gefühl, bei einer Zusammenkunft zu fehlen, unangenehm wird. Eine Angst entsteht.

Der Eindruck, diese Angst habe sich in den letzten Jahren unter dem Einfluss digitaler Medien und mobiler Kommunikationsmittel verstärkt, ist verbreitet. Freunde sind ortsunabhängig in Echtzeit verbunden. Noch nie war es so leicht, abwesend und doch informiert zu sein.

Die daraus resultierende Angst hat bereits einen Namen erhalten: FOMO – Fear of Missing Out (deutsch: Die Angst, etwas zu verpassen).

«FOMO», so die Technikjournalistin Bianca Bosker, «ist die manchmal anregende, manchmal furchterregende Nervosität, die uns sagt, wir könnten etwas Wunderbares verpassen. Es könnte eine Fernsehserie sein, ein technisches Gerät, oder ein feines Essen in der Kantine. FOMO ist nicht nur ein mentaler Zustand, es ist auch eine physische Reaktion. Wenn ich FOMO erlebe, beginne ich zu schwitzen, erlebe Juckreiz, Herzrasen und Zwangsstörungen.»

Junge Menschen stärker betroffen

Ein Team Englischer und Amerikanischer Psychologen um Andrew Przybylski hat diese Angst kürzlich intensiv untersucht.

In einem ersten Schritt wurde ein Test entwickelt, mit dem sich FOMO messen lässt.

Mit seiner Hilfe haben die Forscher erkannt, dass junge Menschen stärker vom FOMO betroffen sind als ältere, unter ihnen wiederum Männer stärker als Frauen. Von den unter 35-Jährigen, die befragt wurden, geben rund 40 Prozent an, unter FOMO zu leiden.

Für die Fragestellung, ob Social Media direkt oder indirekt an der Entstehung von FOMO beteiligt seien, gingen die Forschenden von der Annahme aus, dass Menschen drei grundlegende psychologische Bedürfnisse hätten:

Kompetent und effektiv in der Welt handeln zu können, sich als autonom handelndes Wesen zu empfinden und sich anderen nahe zu fühlen.

Sie haben zwei Hypothesen aufgestellt, die sie in Befragungen geprüft haben: Die erste besagt, dass Menschen, welche die drei Bedürfnisse schlecht befriedigen können, deswegen Social Media nutzen.

Die zweite geht von der Annahme aus, FOMO entstehe aus den unbefriedigten Bedürfnissen und sei der Grund für eine intensivere Nutzung von Social Media.

Bei schlechter Stimmung verstärkt

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die zweite Annahme richtig ist: FOMO ist der Grund, warum Menschen Social Media übermässig nutzen – FOMO wird wiederum durch psychologische Bedürfnisse ausgelöst.

Wer unter schlechter Stimmung leidet, mit seiner Lebenssituation nicht zufrieden ist und sich in seinen Handlungen nicht kompetent, eigenständig oder eingebunden fühlt, empfindet FOMO verstärkt.

Und die Angst, etwas zu verpassen, führt wiederum zu intensiverer Nutzung von Social Media.

So ergibt sich eine Spirale: Wer mit seinem Sozialleben unzufrieden ist, verspürt FOMO und nutzt soziale Netzwerke, um sich anderen Menschen näher zu fühlen und wirkungsvoller kommunizieren zu können.

Nur reduziert diese Mediennutzung das Gefühl von FOMO nicht, sondern verstärkt es und führt zu weiterem Engagement in sozialen Netzwerken.

Das Leben anderer erscheint auf Social Media stets besser als das eigene. Wer die Freunde ständig dabei beobachtet, wie sie mit wunderbaren Menschen am Strand die Sonne beim Untergehen auf der Gitarre begleiten, kann nur Ungenügen empfinden.

Wer den meisten dieser Aussagen zustimmt leidet unter «Fear of Missing Out»

1. Ich habe Angst, die Erfahrungen anderer Menschen seien reichhaltiger und intensiver als meine.
2. Ich habe Angst, die Erfahrungen meiner Freunde seien reichhaltiger und intensiver als meine.
3. Wenn ich bemerke, dass meine Freunde Spass haben und ich nicht dabei bin, betrübt mich das.
4. Ich werde nervös, wenn ich nicht weiss, was meine Freunde gerade tun.
5. Es ist mir wichtig, die Witze zu verstehen, für die man eingeweiht sein muss.
6. Manchmal frage ich mich, ob ich zu viel Zeit damit verbringe, mich darum zu kümmern, was gerade läuft.
7. Wenn ich eine Gelegenheit verpasse, mich mit meinen Freunden zu treffen, stört mich das.
8. Wenn ich mit Freunden Spass habe, ist es mir wichtig, das anderen online mitzuteilen.
9. Wenn ich an einem geplanten Treffen mit Freunden nicht teilnehmen kann, stört mich das.
10. Wenn ich in die Ferien fahre, verfolge ich, was meine Freunde gleichzeitig tun.

Konkret hat FOMO folgende Auswirkungen: Facebook oder Twitter werden ständig und insbesondere direkt nach dem Aufwachen und vor dem Einschlafen verwendet.

Dabei entstehen aber keine positiven Gefühle, sondern vermehrt negative. FOMO verstärkt das Ablenkungspotenzial sozialer Netzwerke: Beim Lernen, beispielsweise, kann dem Impuls, Facebook aufzurufen, kaum widerstanden werden.

Das betrifft auch den Strassenverkehr: Wer Auto fährt und unter FOMO leidet, benutzt auch während des Fahrens sein Smartphone, um mit anderen verbunden zu bleiben.

FOMO, so sagt Priya Parker, eine Expertin in digitaler Kommunikation, sei ein Gefühl, unter dem wir alle leiden, obwohl es niemand zugibt.

Deshalb ist es wichtig, solche negativen Auswirkungen digitaler Kommunikation zu benennen und darüber nachzudenken, wie sie abgeschwächt werden könnten.

Eine Einschränkung der Nutzung von Social Media ist eine Symptombekämpfung, weil die Netzwerke ja nicht der Grund für die Angst sind, etwas zu verpassen.

Gleichwohl dürfte es sinnvoll sein, sich abzugewöhnen, den Tag mit Facebook zu beginnen und zu beenden. Es hilft, Smartphones aus dem Bett zu verbannen. Entscheidend ist aber, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und daran zu arbeiten, ihnen gerecht werden zu können.

Erwartungen an andere und von anderen müssen besprochen werden. Sherry Turkle, die in ihrem Buch «Alone Together» die sozialen Risiken mobiler Kommunikation beschrieben hat, beobachtet Veränderungen in Freundschaften: «Es ist für Freundinnen selbstverständlich, von ihren Freundinnen zu erwarten, dass sie verfügbar bleiben – ein Gesellschaftsvertrag, der ständige Präsenz verlangt. Und das Ich gewöhnt sich daran.»

Die Möglichkeiten sozialer Netzwerke verändern die Erwartungen an Freundschaften.

Viele Informationen haben nicht mehr Push-, sondern Pull-Status: Wer wissen will, was seine Freunde erleben, muss sich bei Facebook, Twitter oder Instagram informieren und kann nicht erwarten, bei Zusammenkünften ein Update zu erhalten.

Dieser ständige Konsum von Informationen, mit denen FOMO verbunden ist, hat ein Pendant: Fear of Being Missed (deutsch: Angst, vermisst zu werden) bezeichnet die Angst, zu wenig Informationen für Freunde bereitzustellen, sodass sie nichts vom eigenen Leben mitbekommen und einen vermissen könnten.

So lächerlich und jugendlich Abkürzungen wie FOMO und FOBM klingen mögen: Sie geben uns doch die Möglichkeit, Phänomene zu bezeichnen, die wir alle kennen und deren Auswirkungen wir unterschätzen.

Und wer ein Wort kennt, kann darüber ein Gespräch führen. Und wer ein Gespräch führt, kann damit etwas ändern.

Philippe Wampfler Facebook, Blogs und Wikis in der Schule. Ein Social-Media-Leitfaden. Vandenhoeck & Ruprecht 2013. 174 S., Fr. 37.90.