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Anti-Baby-Pille: Frauenärzte sollen Mädchen besser über Risiken aufklären

Frauenärzte sollen Patientinnen angemessen über die Risiken von Anti-Baby-Pillen aufklären. Krankenkassen fordern nun eine Zustimmungspflicht für Eltern von minderjährigen Mädchen.

Der Fall Céline (siehe Box rechts) stellt nicht nur die Risiken der Anti-Baby-Pille in Frage, sondern auch die Verschreibungspraxis der Frauenärzte.

Dort ortet der Krankenkassenverband Santésuisse das Problem, genauer «bei der Information durch den Arzt im Rahmen der Verschreibung des Medikaments», wie Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn der «Nordwestschweiz» sagt.

Die Patientin müsse sich ein Bild über die Risiken der Behandlung machen können und deshalb von ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt angemessen aufgeklärt werden.

Santésuisse verweist dabei auf das routinemässige Gespräch vor Operationen im Spital, bei dem über sämtliche Risiken informiert wird. Denn: «Die Patientin kann dann die Behandlung mitsteuern und eine allfällige alternative Behandlung verlangen.»

Frage nach der Sicherheit

Weil Céline noch minderjährig war, als sie die Pille Yasmin verschrieben bekommen hatte, fordert der Krankenkassenverband nun zudem, über eine Zustimmungspflicht der Eltern nachzudenken. Die Frage: Können Teenager selbstständig entscheiden, wenn es um Risiken wie eine Lungenembolie geht?

Generell geht es dem Verband aber auch darum, dass «die Zulassungsbehörde Swissmedic die Sicherheit bei einem Verhütungsmittel wie der Pille anders gewichten müsste als bei Medikamenten für lebensbedrohende Krankheiten», sagt Santésuisse-Sprecher Rhyn.

In der Tat ist es so, dass die Risiken bei einem Lifestyle-Mittel wie der Pille höher gewichtet werden als bei einem Krebsmedikament, zu dem es keine Alternative gibt.

Lukas Jaggi von Swissmedic: «Diese Abwägung führt natürlich bei einem lebensrettenden Arzneimittel wie einem neuen Krebsmedikament zu einer ganz anderen Beurteilung als bei einem Arzneimittel, das bei gesunden Personen breit eingesetzt wird wie zum Beispiel ein Verhütungsmittel.»

Expertin ist skeptisch

Die Anti-Baby-Pille ist das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel in den Industriestaaten. Und sie zählt zu den am meisten verwendeten Medikamenten überhaupt.

Millionen Frauen nehmen sie ein, seit über 50 Jahren. Deswegen geht es nicht nur um die allgemeine Zulassung einer Pille für den Schweizer Markt durch die Swissmedic. Sondern auch um die Verschreibungspraxis der Ärzte – vor allem auch an Mädchen.

Gabriele Merki kennt diese Frage, die in Frauenarztkreisen nicht neu ist. Merki leitet am Universitätsspital Zürich die Schwangerschaftsverhütung und Jugendgynäkologie und ist bei der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) in der Arbeitsgemeinschaft Endokrinologie und Reproduktionsmedizin aktiv.

Dort hat sie ein Patientinneninformationsblatt erstellt, dass in der Sprechstunde bei der Risikoaufklärung helfen soll.

«Wenn wir der Meinung sind, dass Minderjährige urteilsfähig sind, dann dürfen wir die Pille auch ohne ausdrückliche Zustimmung der Eltern verschreiben», sagt Gabriele Merki. Dies bedeute aber nicht, dass Jugendliche nicht aufgeklärt werden müssten.

Sie sieht eine Zustimmungspflicht für Eltern kritisch: «Wenn eine 15-Jährige auf eigene Faust zu einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt geht, weil sie Geschlechtsverkehr hat und sicher verhüten möchte, ist das sehr vernünftig. Die Einführung einer Elternzustimmung erscheint mir hier nicht die passende Massnahme zu sein», sagt Merki. Eine solche weitere Hürde wirke nur abschreckend.

Merki weist darauf hin, dass das Risiko einer Thrombose in einer Schwangerschaft fünf bis zehn Mal grösser sei als durch die Einnahme der Pille. Medizinisch gesehen ist eine ungewollte Schwangerschaft also das grössere Risiko.

Wichtig ist jedoch, dass Patientinnen, die zum ersten Mal die Pille verschrieben bekommen, von ihrem Frauenarzt aufgeklärt werden, woran sie eine Thrombose möglichst früh erkennen können. Das empfiehlt ein Merkblatt der SGGG – und zwar seit diesem Jahr.

Das Thromboserisiko gilt nicht nur für Mädchen, sondern vor allem auch für Frauen über 35 Jahren.

«Bei ihnen nehmen die Risiken im Zusammenhang mit der Pille stetig zu», so Merki. «Mit Frauen in diesem Alter müssen wir deshalb über Alternativen für die Empfängnisverhütung reden.» Denn die gibt es.

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