Studie

Ärzte nehmen psychisch Kranke zu wenig ernst

Körperliche Beschwerden bei psychisch erkrankten Menschen werden nicht immer ernst genommen. (Symbolbild)

Körperliche Beschwerden bei psychisch erkrankten Menschen werden nicht immer ernst genommen. (Symbolbild)

Körperliche Beschwerden psychisch Kranker werden oft ungenügend behandelt, hält eine Studie fest.

Wegen extrem starker Rückenschmerzen hat sich eine 88-jährige Frau per Ambulanz ins Spital einliefern lassen. Ist ein Wirbel gebrochen? Nein, das Computertomogramm zeigt intakte Knochen, das Personal gibt Entwarnung. Es sei wohl der bevorstehende Eintritt ins Altersheim, welcher der alten Frau zu schaffen mache, heisst es. Ihr wird ein Antidepressivum verschrieben.

Im Altersheim hat die Frau noch immer starke Schmerzen, die sich nicht mal mit hohen Dosen Opiaten wegkriegen lassen. Die Untersuchung im MRI ergibt, dass sie an einer Bandscheibenentzündung leidet. Doch die Diagnose kommt zu spät – nach einigen Wochen stirbt die Frau an der Krankheit.

Dieser Fall wird in einem Aktionsplan der Stiftung Patientensicherheit Schweiz beschrieben. Dass körperliche Beschwerden bei psychisch erkrankten Menschen nicht genügend ernst genommen werden, ist kein Einzelfall. Das geht aus einem neuen Bericht hervor, den die Beratungsfirma Socialdesign AG im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) erstellt hat. «Aufgrund von Stigmata werden körperliche Krankheiten von psychisch Erkrankten (…) massgeblich weniger gut behandelt», heisst es darin. Das bedeutet, etwas zugespitzt: Die Beschwerden psychisch kranker Menschen werden als Gejammer abgetan. Und dies nicht nur von ihrem privaten Umfeld. Auch Fachpersonen neigen laut dem Bericht dazu, psychisch erkrankte Personen zu stigmatisieren.

Krankheiten kommen selten allein

Bedenklich ist dies besonders, weil psychische Erkrankungen oft mit körperlichen einhergehen. Von den Personen mit starken psychischen Belastungen leiden über 70 Prozent gleichzeitig an körperlichen Symptomen. Dies hat ein Monitoring des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums ergeben. Ein Grund dafür ist, dass sich gewisse psychische Beschwerden auch in einem ungesunden Lebensstil äussern können, etwa in Form von Rauchen, übermässigem Alkoholkonsum oder mangelnder Bewegung, was wiederum körperliche Krankheiten begünstigt. Umgekehrt sind Patienten mit schweren Krankheiten wie Krebs oder HIV einem erhöhten Risiko für Depressionen ausgesetzt.

Die ungenügende Diagnose und Behandlung körperlicher Begleiterkrankungen sei eine «zentrale Ursache» für die tiefere Lebenserwartung psychisch erkrankter Personen, heisst es in der BAG-Analyse. Sie liegt um 10 bis 25 Jahre unter derjenigen der Allgemeinbevölkerung.

Dass körperliche Krankheiten übersehen werden, kann direkt mit den psychischen Problemen zusammenhängen. Eine Drogensucht kann beispielsweise zu sozialer Isolation führen. Dem Patienten fehlt es folglich an Menschen in seinem Umfeld, die ihm bei körperlichen Beschwerden zu einem Gang zum Arzt raten und ihn dabei unterstützen würden.

Wenn ein Patient den Arzt aufsucht, bleibt die Frage, wie er dort aufgenommen wird. «Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wird zu wenig auf körperliche Beschwerden geachtet und umgekehrt», sagt David Schwappach, Leiter Forschung und Entwicklung der Stiftung Patientensicherheit. Er kenne Beispiele, wo bei Menschen mit Suchtproblemen schwere Magen-Darm-Erkrankungen nicht genügend ernst genommen worden seien.

Die Situation sei aber für Ärzte oft schwierig, etwa wenn Patienten aggressiv seien, unter Wahnvorstellungen litten oder sich nur beschränkt ausdrücken könnten. Auch sind die Symptome schwerer zu erkennen, wenn sich psychische und körperliche Krankheiten überlagern. So achten manche schizophrene Patienten laut BAG-Bericht weniger auf körperliche Symptome und sind weniger schmerzempfindlich.

Die Analyse soll nun als Grundlage für konkrete Massnahmen dienen. «Wir planen, nächstes Jahr international bewährte Beispiele zusammenzutragen und an einer Tagung vorzustellen», sagt Lea von Wartburg, Leiterin des Projekts «Koordinierte Versorgung» des BAG. Im Bericht sind bereits einige Vorschläge zu finden. Die Autorinnen empfehlen Anti-Stigma-Kampagnen in der Bevölkerung und unter Fachpersonen. Zudem soll in der Aus- und Weiterbildung mehr Gewicht auf ein breites Fachwissen gelegt werden.

Dies fordert auch Thomas Ihde-Scholl, der als Chefarzt Psychiatrie der Spitäler FMI und Präsident von Pro Mente Sana für den BAG-Bericht an einem Workshop teilgenommen hatte. «Wer als Hausarzt zugelassen werden will, sollte drei oder noch besser sechs Monate in der Psychiatrie gearbeitet haben», sagt er. «Umgekehrt müssten Psychologen eine medizinische Grundbildung erhalten.»

Die Autoren des BAG-Berichts möchten auch die Position von Hausärzten und weiterer Fachpersonen mit Koordinationsfunktion stärken. Im Gegensatz zu den Spezialisten haben diese oft die bessere Übersicht über den Krankheitsverlauf und die Symptome der Patienten und sind so eher in der Lage, zu erkennen, wenn psychische mit körperlichen Beschwerden einhergehen. «Hausärzte spielen eine zentrale Rolle», sagt Regula Ruflin, Co-Autorin des Berichts. Gerade weil psychisch kranke Menschen stigmatisiert würden, brauche es niederschwellige Angebote – und dies könne eben ein Hausarzt sein, den der Patienten schon lange kennt.

Hemmungen beim Hausarzt

Ihde-Scholl von Pro Mente Sana beobachtet allerdings auch hier Hemmungen: «Oft verschweigen Patienten ihre psychischen Beschwerden gegenüber den Hausärzten, weil sie befürchten, ihre körperlichen Krankheiten würden sonst weniger gut abgeklärt.» Zum Teil sei diese Sorge unbegründet, es gebe jedoch auch Ärzte, die sich mit psychischen Krankheiten überfordert fühlen. «Es gibt Hausärzte mit Berührungsängsten zu psychisch kranken Menschen», sagt er. Zudem fehle es an Wissen, besonders über Psychopharmaka.

Gerade wenn ein Arzt an die Grenzen seiner Kompetenz stösst, wird die Zusammenarbeit mit Spezialisten wichtig. Das betont auch Lea von Wartburg vom BAG: «Hausärzte müssten daraufhin sensibilisiert werden, stärker mit psychiatrischen Diensten zusammenzuarbeiten.» Nicht zuletzt müssten zum Wohl der Patienten auch finanzielle Anreize geschaffen werden. Die psychiatrische Versorgung mit derjenigen körperlicher Beschwerden zu kombinieren ist gemäss dem Bericht meist nicht rentabel. Von Wartburg vom BAG hat dazu noch keine konkreten Lösungsvorschläge. Sie könnte sich aber vorstellen, dass sich mit dem neuen Tarifsystem für die Psychiatrie, das derzeit diskutiert wird, Verbesserungen ergeben könnten.

Ihde-Scholl bemängelt dagegen, dass die Anpassungen im Tarifsystem Tarmed per Januar 2018 genau das Gegenteil bewirken. Die möglichen «Leistungen in Abwesenheit des Patienten» werden zeitlich gekürzt — für das Telefonat zwischen Hausarzt und Psychiatrie bleibt also weniger Zeit.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1