Jeder fünfte Spitalarzt in leitender Funktion erhält einen Bonus, wenn er in einer gewissen Zeit eine bestimmte Anzahl an Patienten behandelt.

Die sogenannt zielbezogenen Boni tauchen immer öfter in den Arbeitsverträgen Schweizer Spitäler auf. Das hat eine Umfrage des Ärzteverbandes FMH ergeben, die im Sommer durchgeführt und gestern veröffentlicht wurde.

Die Ärzte sind wenig glücklich mit dieser Entwicklung und kritisieren die Bonus-Zahlungen, die im Schnitt 20 Prozent des Lohnes ausmachen.

Der Grund: Die Boni würden die Ärzte dazu verleiten, unnötigerweise mehr Patienten und Symptome zu behandeln, um den Umsatz eines Spitals zu steigern. Der Verband hat deshalb eine Resolution verabschiedet, die von Bonusvereinbarungen in Spitalarztverträgen abrät.

Inhaltlich bezieht sie sich dabei auf die Standesordnung der Ärzte, die verbietet, mengenmässige Verpflichtungen einzugehen, die den Umsatz fördern sollen.

Pathologe Carlo Moll, der den Verein der Leitenden Spitalärzte der Schweiz (VLSS) präsidiert, sagt, der Verzicht auf einen solchen Bonus sei nicht ganz so einfach, weil er im Interesse des Spitals sei.

Deshalb hätten Ärzte, die Zielvereinbarungen nicht einhalten und darum für ein Spital nicht rentabel seien, mit Konsequenzen zu rechnen (siehe Interview unten).

Um welche Spitäler es sich genau handelt, ist unklar. Jedes Haus hat seine eigene Lohnpolitik, Listen werden keine geführt. Der Spitalverband H+ hat weder Angaben noch Zahlen zu den Vergütungsregeln.

Auch hat der Verband keine offizielle Haltung oder Vorgaben für Spitaldirektoren. Sprecherin Dorit Djelid sagt, das Vergütungssystem hänge vom Spital ab, welche Anreize geschaffen werden sollen.

«Ein Fixlohn kann zur Unterversorgung führen, weil ein Arzt zu wenig tut. Er habe keinen Anreiz, seine Leistung zu steigern, weil er den Lohn sowieso erhalte. «Ein leistungsorientiertes System kann hingegen einen Anreiz schaffen, zu viel zu tun», sagt Djelid.

FMH fordert Transparenz

Um Transparenz zu schaffen, fordert die FMH jetzt, dass die Spitäler öffentlich darlegen müssen, ob und in welcher Form sie Verträge mit zielbezogenen Boni abschliessen.

Für die Patientenschützerin Margrit Kessler reicht das nicht, sie hält die Bonuskultur, die sich in den Spitälern breitmacht, für «bedenklich».

Die St. Galler Grünliberale sagt aber, überrascht sei sie nicht von dieser Situation. Ganz im Gegenteil.

Die Entwicklung sei seit der Einführung der Fallpauschalen vor zwei Jahren absehbar gewesen. «Seitdem jeder medizinische Eingriff und jede Untersuchung finanziell rentieren muss, regieren in den Spitälern die Ökonomen. Und die sitzen in der Direktion.»

Auch das frühere System der Tagespauschalen schützte die Patienten vor finanziell motivierten Ärzten nicht: Patienten wurden zu lange im Spital behalten.

Allerdings hat sich die Situation verändert, sagt Kessler. Sie warnt vor zu früh durchgeführten Operationen.

Um sich davor zu schützen, empfiehlt sie vor Eingriffen immer eine Zweitmeinung einzuholen. «Von einem Arzt, der weit weg praktiziert, in einem anderen Spital, in einem anderen Kanton.»