Verträgt eine Italienerin tatsächlich doppelt so viel Alkohol am Tag wie eine Schweizerin?

Wenn es nach den Empfehlungen einiger Institutionen geht, ist das der Fall: Italienische Mediziner legen die Messlatte für einen gesundheitlich verträglichen Alkoholkonsum auf 40 Gramm pro Tag, während Suchtmonitoring Schweiz den Schweizer Frauen lediglich 20 Gramm Alkohol pro Tag zugestehen möchte. Zehn Gramm reiner Alkohol entsprechen etwa einem Glas Wein beziehungsweise einem Deziliter.

Männer vertragen mehr Wein

Die Empfehlungen für einen gesundheitlich unbedenklichen Alkoholkonsum weichen international in einem geradezu grotesken Ausmass voneinander ab (siehe Bild).

In Spanien gibt es sogar innerhalb des Landes unterschiedliche Empfehlungen: Während für die Madrilenen und Madrileninnen jeweils 30 Gramm pro Tag als Höchstmenge für einen gesundheitlich verträglichen Alkoholkonsum gelten, erlauben die Mediziner in Barcelona den Bewohnern Kataloniens täglich 70 Gramm.

Wo liegt die Wahrheit wirklich? Dieser Frage gingen jetzt Wissenschafter in der «Deutschen Medizinischen Wochenschrift» nach.

Die Forscher Nikolas Worm, Gustav Belz und Claudia Stein-Hammer haben die aktuellsten Quellen der seriösen Wissenschaft durchforstet, um den Beweis für den günstigen Einfluss von Alkohol und insbesondere von Wein auf die Gesundheit zu führen.

Die Forscher sind als wissenschaftliche Beiräte bei der Deutschen Weinakademie tätig. Den Interessenkonflikt zu dieser Lobby-Organisation der Weinwirtschaft deklarieren sie aber im Fachblatt offen und wissenschaftlich korrekt.

Die drei Weinexperten haben 41 Studien, die in den letzten fünfzehn Jahren zum Thema «Alkohol und Herz» veröffentlicht worden sind, analysiert.

Sie kommen zum Schluss, dass die zugestandene tägliche Menge Wein für Frauen bei zwei Dezilitern und für Männer bei drei Dezilitern liegt. Das entspricht ungefähr 20 beziehungsweise 30 Gramm reinem Alkohol.

«Bei mehr als 20 Gramm Alkohol pro Tag für Frauen und 30 Gramm für Männer ist keine weitere Risikominderung im Herz-Kreislauf-Bereich erkennbar», schreiben die Forscher.

Da ab dieser Dosis aber Leber- und Pankreas-Erkrankungen sowie bestimmte Malignome und Sucht ansteigen, sei von einem mehr als moderaten Konsum dringend abzuraten. Die Empfehlungen der Schweiz entsprechen genau diesem Mass.

Ferner haben die Wissenschafter herausgefunden, dass in den meisten Studien sich eine J-förmige Beziehung zwischen Alkoholkonsum und Herzleiden zeigt.

Diese Figur der statistischen Zahlensäulen lässt erkennen: Menschen, die auf Alkohol verzichten, handeln sich damit ein höheres Gesundheitsrisiko ein als moderate Geniesser.

Bei deutlich höheren Mengen indes entfaltet Alkohol seine gefährliche Wirkung auf die kleinen grauen Zellen im Gehirn, auf die Leber, auf die Krebsentstehung und auch aufs Herz.

Auch Bier ist gut – Schnaps nicht

Beruht die schützende Wirkung allein auf dem Alkoholgehalt eines Getränks oder hängt sie vom jeweiligen alkoholischen Getränk ab? Dieser Frage ging 2011 eine Forscher-Gruppe nach.

Sie hatten aus sechzehn Studien Daten zum Wein-, Bier- und Spirituosenkonsum mit der Herz-Kreislauf-Gesundheit und der Gesamtsterblichkeit in Beziehung gesetzt.

Neben dem Wein fanden sie auch für Bier einen präventiven Effekt, während sich für Spirituosen in zehn Studien kein statistisch eindeutiger Zusammenhang fand.

Nun sind statistische Zusammenhänge kein Beleg für einen tatsächlich ursächlichen Zusammenhang.

Wissenschaftliche Beweiskraft liefern normalerweise Placebo-kontrollierte und doppelblind angelegte Studien, die im Falle Alkohol nicht infrage kommen: «Es existiert kein verblindbarer Placebo-Wein», schreiben die Forscher. Umso wichtiger gestalte sich die Frage nach der biologischen Plausibilität für die beobachteten Effekte.

Die Erklärung für die infarktverhütende Wirkung des Alkohols liegt nach übereinstimmenden Studien in der Beeinflussung der Blutfette.

Menschen, die regelmässig geringe Mengen Alkohol zu sich nehmen, verfügen über mehr sogenannte «High Density Lipoproteine», abgekürzt HDL.

Die Aufgabe dieser Fett-Eiweiss-Verbindungen besteht darin, das Cholesterin von den Wänden der Arterien wegzutransportieren. Sie wirken somit der Verkalkung entgegen.

Gleichzeitig wird durch den Alkohol der LDL-Anteil der Blutfette gesenkt – jener Moleküle also, die besonders reich an Fettsäuren und Cholesterin sind und deshalb als erhebliches Infarktrisiko angesehen werden.