Gesundheit
Hormone gegen das Altern – völlig harmlos sind sie nicht

In den Wechseljahren können sie die Beschwerden lindern: Sogenannt «bioidentische» Hormone. Völlig harmlos sind sie aber nicht.

Anja Stampfli
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Immer mehr Frauen – und auch Männer – lindern ihre vielseitigen Beschwerden rund um die Wechseljahre mit Hormonen. Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen verschreiben den Patientinnen synthetische Produkte. Diese haben einen schlechten Ruf, weil sie das Brustkrebsrisiko erhöhen können.

Nun hofft man, dass dies bei einer Behandlung mit sogenannt bioidentischen Hormonen weniger der Fall ist. Vor kurzem noch fast unbekannt, wächst ihr Stellenwert aufgrund von Therapieerfolgen ständig an. Es geht vor allem um Estradiol und Progesteron, die beiden führenden Hormone.

Bioidentische Hormone

Als bioidentisch werden Hormone in Präparaten bezeichnet, wenn sie in ihrer chemischen Molekülstruktur exakt gleich sind wie diejenigen, die zum Beispiel der weibliche Körper in den Eierstöcken (Ovarien) produziert. Diese Hormone werden daher auch körperidentisch genannt. Im Gegensatz dazu weicht bei den sogenannten synthetischen Hormonen die chemische Struktur von jener der körpereigenen Hormone leicht ab. (as)

«Viele haben den Eindruck, dass, Progesteron, also das Gelbkörperhormon, automatisch synthetisch sein muss. Das ist aber nicht der Fall», sagt Petra Stute, stellvertretende Chefärztin für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Frauenklinik des Inselspitals Bern. «Zugelassene Hormone können auch bioidentisch sein. Bioidentisch heisst ja einfach, dass es von der chemischen Struktur her dem entspricht, was die Eierstöcke produzieren.»

Diese Hormone werden aus Pflanzen hergestellt

Die bioidentischen Hormone Estradiol und Progesteron können zum Beispiel aus der Yamswurzel oder aus Soja hergestellt werden und sollen wesentlich nebenwirkungsärmer als die synthetischen Hormonersatzprodukte sein – aber nicht minder wirksam.

Hormone gegen Wechseljahrbeschwerden können auch über die Haut aufgenommen werden – das hat Vor-, aber auch Nachteile.

Hormone gegen Wechseljahrbeschwerden können auch über die Haut aufgenommen werden – das hat Vor-, aber auch Nachteile.

Im Labor werden diese Hormone in die Struktur gebracht, die Frauen als eigene Hormone im Körper haben. Somit passen sie genau auf den Zellrezeptor, der für die Hormone der Frau geschaffen ist und lösen auch an den Zellen die gleichen Wirkungen aus wie die körpereigenen Hormone. Und da in den Wechseljahren der Frau ein hor­monelles Ungleichgewicht herrscht, können Hormone –bioidentische wie synthetische – für Frauen ein Segen sein.

Man hofft sogar, dass zusätzlich eingenommene Hormone die Alterung verlangsamen können. Im Internet kursieren sogenannte «Östrogen-Progesteron-Rechner», die den Frauen helfen sollen, ihr persönliches hormonelles Gleichgewicht wiederzufinden. Die Rechner kommen aus dem Anti-Aging Bereich. Petra Stute sagt: «Die Idee dahinter ist, dass die beiden Hormone in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen sollten. Man kann bioidentische Hormone theoretisch bis ins hohe Alter nehmen, wenn man sich gut damit fühlt.» Viele Alterungserscheinungen hat die Frau durch eine Hormontherapie weniger stark. «Die Frauen mit bioidentischen Hormonen fühlen sich fitter und jünger. Den Zahn der Zeit kann frau deswegen aber leider auch nicht dauerhaft stoppen», so Stute.

Bioidentische Östrogen können über die Haut aufgenommen werden mittels Cremen oder als Pflaster, sie werden auch als Tabletten eingenommen oder vaginal appliziert.

Östrogen (Estradiol) wird bei Frauen mit einer intakten Gebärmutter immer mit Gestagen/Progesteron kombiniert, um das Risiko für Gebärmutterschleimhautkrebs nicht zu erhöhen. Das gilt auch für synthetische Hormone.

Progesteron hingegen kann allein angewendet werden. Man muss es entweder schlucken oder vaginal anwenden. Es gibt auch Frauen, die wenden es über der Haut an und spüren eine positive Wirkung. «Wichtig ist, dass man mit der Gynäkologin das Therapieziel vorab gut abspricht», sagt Petra Stute. «Denn eine Anwendung über die Haut ergibt keinen Gebärmutterschleimhautschutz, starke Blutungen können dadurch nicht reduziert werden.» Um den Zyklus zu regulieren, muss Progesteron vaginal oder oral genommen werden.

Auch bioidentische Hormone haben Nebenwirkungen

Obwohl man von bioidentischen Hormonen spricht, die aus Pflanzen wie Soja oder der Yamswurzel hergestellt werden, sind sie nicht völlig harmlos. Sie haben ähnliche Risiken wie die synthetischen Hormonkombinationen. Bei Frauen, die zum Beispiel eine Brustkrebserkrankung gehabt haben, ist eine Gabe von Sexualhormonen nicht geeignet.

Eine französische Studie aus dem Jahr 2014 zeigte auf, dass bei brustgesunden Frauen, die eine Kombination aus Östrogen und bioidentischem Progesteron länger als sechs Jahre zuführten, das Brustkrebsrisiko ebenso anfängt zu steigen wie bei synthetischem Progesteron.

Es gibt aber Hinweise, dass die Kombination von Östrogenen mit bioidentischem Progesteron «brustfreundlicher» ist als die Kombination mit synthetischen Gestagenen (Progesteron). Der endgültige Beweis fehlt noch.

Über die Nachteile muss diskutiert werden

Solange es keine eindeutigen Daten für eine überlegene Wirksamkeit oder Sicherheit von bioidentischen Hormonen im Vergleich zu nicht bioidentischen Hormonen gibt, müssen im Beratungsgespräch die Vor- und Nachteile einer Hormonersatztherapie allgemeingültig diskutiert und dargelegt werden.

Wann machen Hormon­therapien also Sinn? «Es kommt auf das Therapieziel an», antwortet Stute. «Bei Schlafstörungen kann zum Beispiel Progesteron schlaffördernd wirken. Und bei unregelmässiger Menstruation kann es Zyklusregulierungen herbeiführen.» Auch Stimmungsschwankungen und Ängsten wirkt Progesteron entgegen.

Vor einer Hormonabgabe sollten immer die Gebärmutter und die Eierstöcke durch einen Facharzt begutachtet und ein Hormonstatus im Blut vorgenommen werden. Die Produkte sollten nicht aus dem Internet bezogen werden.

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