Pandemie

Gekommen, um zu bleiben: Das Coronavirus wird wohl länger nicht verschwinden

Der letzte Gast – am 14.März, kurz bevor das «Café des Avenues» dichtmachen musste. Es könnte nicht der letzte «letzte Gast» gewesen sein.

Der letzte Gast – am 14.März, kurz bevor das «Café des Avenues» dichtmachen musste. Es könnte nicht der letzte «letzte Gast» gewesen sein.

Das aktuelle Coronavirus hält sich hartnäckig. Eine Studie der Harvard University unterstellt, dass es noch länger nicht verschwindet.

Dieses Sars-CoV-2 ist eine Zumutung! Wir haben bis jetzt kein wirksames Mittel gegen dieses Virus. Kein Medikament und keinen Impfstoff. Unsere Mittel sind passiv und verursachen vor allem uns Schmerzen: Social Distancing, Kontaktverfolgen und Quarantäne.

Einschneidende Massnahmen in jeder Beziehung. Und deshalb interessiert uns vor allem: Wie lange soll denn das noch dauern? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Denn den Abgang des Virus muss man sich «verdienen». Deshalb muss man die Frage anders stellen: Wie lange müssen wir uns einschränken? Und: Wie weit müssen diese Einschränkungen gehen? Und die Antworten kriegen wir, wenn wir noch eine Frage stellen: Wie verbreitet sich eigentlich dieses Virus? Und zwar sind diesmal nicht Tröpfchen und Schnudernasen gefragt, sondern epidemiologische Facts and Figures.

Geht es unbemerkt, wie es gekommen ist?

Am liebsten hätten wir einen Abgang, wie ihn der Vetter von Sars-1 2002/2003 gemacht hat: eines Tages einfach weg. Nun gut, so einfach ging es nicht: Da waren schon harte Interventionen notwendig. Aber dann verschwand das Virus. Auch der Supererreger von 1918/1919 verschwand einfach – zum Glück. Gewisse Bestandteile von ihm finden sich zwar hin und wieder in saisonalen Grippeviren. Aber nicht mehr in der damals tödlichen Kombination.

Leider sieht es so aus, wie wenn Sars-CoV-2 es wie der landläufige Influenza-Erreger halten würde: Alle Jahre wieder. Eine Initialwelle mit grossem Tamtam und dann schwächere saisonale Wellen. Sein kleinerer Bruder HCoV-OC43, auch er ein Coronavirus der Familie Beta­coronaviridae, macht es so.

Ach, den kennen Sie nicht? Gestatten, HCoV-HKU1, ich gehöre auch noch zur Familie. Wir haben uns sicher schon getroffen, wir sind der zweithäufigste Verursacher von Erkältungen.

Eine Familie auf der Suche nach neuen Wirten

Stellen wir die umtriebige Familie doch einmal der Reihe nach auf. Da haben wir Sars-1 und Mers, die gefährlichen Brüder. Sie raffen 9 bis 36 Prozent ihrer Wirte hin. Dafür nehmen sie es mit der Übertragung nicht so ernst. Häufiger zu Besuch kommen OC43 und HKU1 (der Titel «HCoV» bedeutet «humanes Coronavirus», sie sind irgendwann mal auf den Menschen übergesprungen). Sie gleichen dem jüngsten Spross der Familie, Sars-CoV-2, am meisten, verursachen aber nur milde Verläufe (etwa wie die Grippe). Das jüngste Brüderchen ist – wie oft auch in besten Familien – ein Lausebengel. Er ist hochinfektiös und schwer zu kontrollieren, weil er sich bis fünf Tage ohne Symptome in seinen Wirten verstecken kann, aber bereits infektiös ist. Und er ist grausamer: Er tötet von 0,6 bis 3,5 Prozent seiner Angesteckten.

Eine Forschergruppe der Harvard University hat sich die Familie ebenfalls vorgenommen. Zu OC43 und HKU1 gibt es nämlich Datenreihen aus den Jahren 2014-2019. Sie erweisen sich als ein bisschen weniger übertragungsfreudig als Sars-CoV-2: Man berechnete einen Basisreplikationwert R0 von 1.85 für HKU1 und von 1.56 für OC43. Bei Sars-CoV-2 geht man von 2 bis 2.5 aus. (R0 ist die Zahl der Leute, welche ein Infizierter ansteckt, wenn keine zusätzlichen Massnahmen getroffen werden.)

Dann gibt es eine gute Nachricht: OC43 verursacht eine sogenannte «Cross-Immunität» – eine gegenseitige Immunität – zu Sars-1. Auch unter sich verursachen sie eine schwache Cross-Immunität. Und die schlechte Nachricht: Die Immunität währt nur etwa 45 Wochen, nach einem Jahr ist sie praktisch verschwunden.

Saisonale Wellen im Herbst, aber auch im Frühling

Das lässt die Coronaviren immer wieder in Wellen auftreten. Die Jahreszeiten kümmern sie nicht so, weil die Immunität kein ganzes Jahr anhält. Die Wellen erschöpfen sich jeweils, auch weil die gegenseitige Immunität zwar nicht sehr gross, aber doch spürbar ist.

Die beiden «braven Brüderlein» lieferten ein Modell, bei dem man jetzt Sars-CoV-2 auch mitlaufen lassen kann. Mit den Parametern: 4,6 Tage Latenz (infektiös ohne Symptome) und danach noch 5 Tage infektiös – zeigte sich, dass ein Ausbruch eigentlich das ganze Jahr über möglich ist.

Die entscheidende Frage ist: Wie lange hält die Immunität bei Sars-CoV-2? Dauert sie nur 40 Wochen, kann es theoretisch jedes Jahr einen Ausbruch geben. Ist sie höher, kommt vielleicht nur alle zwei Jahre einer. Hält die Immunität permanent, könnte das Virus gar für fünf Jahre verschwinden (bei einer Cross-Immunität zu OC43 und HKU1 bis zu rund 70 Prozent).

Bis 2025 auf jeden Fall beobachten

Ist die Cross-Immunität niedriger, muss man bis 2025 mit einem Wiederaufflackern rechnen. Nimmt man an, dass die Immunität von Sars-CoV-2 vergleichbar ist mit der anderer Coronaviren, muss man die Beobachtung aufrechterhalten. Weil aber der R0-Wert lokal variiert, kann man mit schnellen Massnahmen die Ausbrüche jeweils vielleicht lokal begrenzen.

Leider kann das Modell die Altersstruktur nicht berücksichtigen, Tipps für die Lockerung der Massnahmen (Wann die Schulen wieder öffnen? Wie lange die Risikogruppen isolieren?) gibt es nicht her.

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