Gastkommentar

Gefälscht wurde immer – aber jetzt immer besser: Welchen Ton- und Bildaufnahmen können wir noch trauen?

Die Welt wird nicht perfider, es ändern sich nur die Techniken – gschwinder als Herrn und Frau Arglos lieb ist. Symbolbild.

Die Welt wird nicht perfider, es ändern sich nur die Techniken – gschwinder als Herrn und Frau Arglos lieb ist. Symbolbild.

Die Bank, Hacker und Herr Arglos: Im neuen Jahrtausend gilt: Alles ist knack- und klaubar. Ein Gastkommentar.

Bei diesem Bundesgerichtsurteil wird einem mulmig. Es geht um Mails, um Geld und um Hacker. Nennen wir das Opfer Herr Arglos. Er hat bei einer Genfer Bank ein Konto. Eines Tages bemerkt er, dass von seinem Konto Geld verschwunden ist.

Es stellt sich heraus, dass Hacker sich in seinen Mail-Account eingeschlichen hatten. Über seine Mail-Adresse wiesen sie die Bank an, Geld an eine andere Bank zu überweisen. So entwendeten sie über eine halbe Million Franken.

Die Bank wollte nicht für den Schaden aufkommen. Schliesslich schienen die Mails echt. Sie sahen etwa aus wie all die Mails, die Herr Arglos selber an die Bank geschickt hatte. Darum war sich die Bank keiner Schuld bewusst.

Herr Arglos klagte. Das Kantonsgericht gab ihm recht. Doch das Bundesgericht fand vor kurzem, die Bank müsse tatsächlich nicht für den Schaden aufkommen. In der Schadensklausel stand nämlich: Überweisungen können per Fax, Mail oder Telefon erteilt werden, das Risiko trägt der Kunde.

Aber wer liest schon das Kleingedruckte. Weil es gäbig unkompliziert war, hatte Herr Arglos gerne via Mail mit seiner Bank kommuniziert. Bis die Hacker kamen und dasselbe taten. Da fand Herr Arglos es nicht mehr lustig.

Es hätte jeden erwischen können

Man kann sagen, Herr Arglos hätte nicht so naiv sein sollen. Das ist wahr – macht aber eben auch dieses mulmige Gefühl. Es hätte einen selber genauso erwischen können. Zwar hätte es niemand geschafft, eine halben Million von meinem Konto zu klauen, weil da noch nie so viel Geld dümpelte.

Doch um die Summe geht es nicht. Das Urteil des obersten Gerichts stellt einen bloss, weil man wie Herr Arglos denkt und glaubt, die Bank hätte ein bisschen besser aufpassen müssen.

Aber da hat man falsch gedacht. Verglichen mit den Regeln, die fürs E-Banking gelten, wirkt das Kleingedruckte allerdings reichlich antiquiert. Ein Fax wäre vielleicht sicher. Nur sind Faxgeräte heute so selten wie die Wollschweine von Pro Specie Rara.

Mailadressen waren vielleicht noch im letzten Jahrtausend sicher. Aber im neuen Jahrtausend gilt: Alles ist knack- und klaubar. Nicht nur das eigene E-Mail-Konto oder die Telefonnummer – auch die eigene Stimme. Dank Deepfake werden wir uns noch auf ganz andere, neue Formen von Tricksereien einstellen müssen.

«Deepfake» ist ein zusammengestoppeltes Wort aus «Deep learning» und «Fake». Deep learning meint maschinelles Lernen: Computerprogramme werden zum Beispiel mit vielen Katzenbildern gefüttert, bis sie am Ende selber erkennen, was eine Katze ist. Diese Technik lässt sich exzellent zum Faken, zum Fälschen, nutzen.

Ein schmuckes Beispiel machte kürzlich die Runde. Der Chef einer US-Techfirma wies einen seiner Angestellten per Voicemail an, einen grösseren Betrag zu überweisen. Die Anweisung klang vernünftig, obwohl die Verbindung wacklig war. Zum Glück kam es dem Angestellten komisch vor. Er fragte nach und siehe da: Die Anweisung war ein gut gemachter Deepfake – Erschaffen aus echten Sprachfetzen des Chefs.

Man braucht nur von jemandem gesprochenes Material zu sammeln, und schon kann man mit einem Deepfake-Programm jemanden sagen lassen, was immer man möchte. Bei Menschen, die häufig am Radio oder TV auftreten, ist es ja nicht schwer, an Sprachmaterial ranzukommen.

Welchen Aufnahmen kann man noch trauen?

Es ist also nicht mehr klar, welchen Aufnahmen man noch trauen kann. Neu ist das nicht. Schon vor hundert Jahren wurde munter gefakt. Berühmt ist das Bild mit Lenin, der 1920 vor Rotarmisten eine Rede hielt. Neben dem Rednerpult stand Trotzki.

Die beiden hatten zusammen die Oktoberrevolution organisiert. Lenin starb, Stalin riss alle Macht an sich. Er hasste Trotzki, trieb ihn ins Exil und liess ihn später ermorden. Das Bild mit Redner Lenin machte er jedoch zu einer Ikone seiner Geschichtsschreibung. Nur störte Trotzki darauf. Also liess Stalin ihn einfach vom Foto wegpinseln.

Die Welt wird nicht perfider, es ändern sich nur die Techniken – gschwinder als Herrn und Frau Arglos lieb ist.

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