Vor 30 Jahren legten die Frauen alles lahm – eine Chronologie der Ereignisse

Frauenstreik
Vor 30 Jahren legten die Frauen alles lahm – eine Chronologie der Ereignisse

Bild: Walter Bieri/Keystone (Zürich, 14. Juni 1991)

Die Idee kam aus dem Vallée de Joux. Der Anlass war die Enttäuschung darüber, dass die Schweiz zwar einen fast zehn Jahre alten Gleich­stellungsartikel in der Verfassung hatte, in Sachen Gleichstellung aber nichts passiert war. Ein Streik sollte es sein, nicht nur ein Aktionstag.

Christoph Bopp
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«Wenn ich nicht koche, kann dann mein Mann die Scheidung verlangen?» Die Frage kam für die damalige Smuv-­Generalsekretärin Christiane Brunner unerwartet. «Mit so etwas hatte ich wirklich nicht gerechnet», sagte sie am 14. Juni 1991 dem Radio.

Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 beteiligen sich Hunderttausende von Frauen landesweit an Streik- und Protestaktionen wie hier in der Basler Innenstadt.

Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 beteiligen sich Hunderttausende von Frauen landesweit an Streik- und Protestaktionen wie hier in der Basler Innenstadt.

Bild: Keystone

Aus den Reihen des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiter­verbandes (Smuv) kam die Idee eines Landesstreiks der Frauen. Von der Präsidentin der Sektion aus dem Vallée de Joux, Liliane Valceschini (1937–2019). Sie ist gewerkschaftlich tätig, seit sie 17 Jahre alt ist. Ihrer Mutter war eine Gehaltserhöhung verweigert worden mit dem Argument, ihr Ehemann und ihre Tochter arbeiteten ja auch, sie habe das Geld nicht nötig. Und 1990 war sie wieder empört, weil fast zehn Jahre nach der Annahme des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung 1981 noch nicht viel passiert war. Besonders nicht in Sachen gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Christiane Brunner und der Geistesblitz

Auf der Heimfahrt nach einer Gewerkschaftsversammlung sei ihr «ein Geistesblitz» gekommen, erzählte sie der Gewerkschaftszeitung «Work» vom 14. Juni 2019. Und ein paar Tage später präsentierte sie die Idee der Smuv-Sekretärin Christiane Brunner:

«Christiane war wie elektrisiert. Wie sie mich angeschaut hat! Ihre Augen verrieten sofort: Sie war begeistert.»

Das Datum war gegeben: natürlich der 14. Juni 1991, exakt zehn Jahre nach der Annahme des Gleichstellungsartikels. Dass es auch noch 20 Jahre her war seit der Annahme des Frauenstimmrechts 1971 und die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft anstand, war willkommen, aber nicht entscheidend.

Und ein Streik musste es sein. Nicht irgendeine «Aktion» oder so etwas. Immerhin hatte der Smuv am 19. Juli 1937 das Friedensabkommen mit dem Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metall-Industrieller mitunterzeichnet. Das Wort «Streik» sollte schockieren.

Das tat es auch, als Christiane Brunner die Idee dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB vortrug. Streik – fast eine Kriegserklärung? Ob man nicht besser einen «gewerkschaftlichen Aktionstag» machen wolle, kam es aus der Männerrunde zurück, während die Frauen den Antrag «kühn» fanden. Am 29. August 1990 nahm der SGB-Vorstand den Streikantrag mit zwölf Stimmen schliesslich an, der Gegenantrag erhielt zehn Stimmen. Am SGB-Kongress 1990 dann wurde der Streikantrag einstimmig angenommen.

Christiane Brunnerdamals Smuv-Generalsekretärin.

Christiane Brunner
damals Smuv-Generalsekretärin.

Der Streik, der einer war, obwohl er etwas anderes bedeutete

Das Wort «Streik» hatte damals wirklich noch einen komischen Klang. Ein bisschen Gotteslästerlichkeit schwang mit. Gestreikt wurde meinetwegen im Ausland, in der Schweiz doch nicht. Aber es war das richtige Wort. Obwohl es das Falsche bedeutete. Den Initianten ging es nicht um die Erwerbsarbeit allein. Kein reiner Arbeitskampf sollte es sein, sondern ausdrücklich die gesellschaftliche Dimension mit ansprechen. Die Frauen sollten wirklich ­streiken, auch die unbezahlte Haus-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit ruhenlassen. Damit den Männern, nicht nur den Arbeitgebern, die Augen aufgehen würden, dass ohne die Frauen nicht viel läuft.

Der Gewerkschaftsbund gab zum Anlass bei der Sängerin Vera Kaa einen Streiksong in Auftrag. Und die Künstlerin lieferte mit «Rien ne va plus – Wenn die Frau will, dann steht alles still» auch gleich den sinnigen Titel zum Text mit.

Die Streiklosung stammt aus dem «Bundeslied» des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins: «Wenn Dein starker Arm es will/Stehen alle Räder still.» So hatte 1863 der deutsche Dichter des Vormärz Georg Herwegh (1817–1875) gedichtet. Aus dem Arbeiterverein wurde später die SPD.

Liliane Valceschini konnte es nicht wissen, aber die Idee des Frauenstreiks war so originell nicht. 1959 beschlossen die Lehrerinnen des Basler Mädchengymnasiums, aus Enttäuschung über die Ablehnung des Frauenstimmrechts in der eidgenössischen Volksabstimmung, einen Tag lang die Arbeit niederzulegen. Knapp die Hälfte des Lehrkörpers waren Frauen. Man meldete das Vorhaben gehorsam dem Rektor, und der verzichtete wirklich darauf, mit den Männern ein Notprogramm auf die Beine zu stellen und schickte die Schülerinnen nach Hause. «Straigg – isch villicht e bitzeli vill gsait», kommentierte süsssauer das Radio.

Grösste politische Mobilisierung seit dem Generalstreik 1918

Mehr als 500'000 Frauen seien am 14. Juni 1991 auf den Beinen gewesen, und damit war der Frauenstreik hinter dem Generalstreik nach dem Ersten Weltkrieg «die grösste politische Mobilisierung in der Schweiz». Das war erstaunlich, denn die Vorbereitungen seien «weitgehend dezentral» erfolgt. Immerhin hatte die Frauensession am 7./8. Februar 1991 ein erstes Zeichen gesetzt. Und man legte sich ins Zeug. In kurzer Zeit entstanden mehr als 40 Streikkomitees. Und zu den Gewerkschafterinnen kamen bald Vertreterinnen anderer Organisationen, «von denen wir nicht einmal wussten, dass sie existierten», erinnert sich die ehemalige Generalsekretärin des VPOD, Doris Schüepp.

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