Fragiles Internet
Noch heute sind Tiefseekabel in Betrieb: Eine Zange reicht, um den Datenverkehr lahmzulegen

Der interkontinentale Datenverkehr läuft über ein Netz von Kabeln im Meer. Diese Infrastruktur ist leicht verwundbar – auch wegen Haien.

Adrian Lobe
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Fotolia / Dariusz T. Oczkowicz

Am 4. Juli 1858 trafen sich mitten auf dem Atlantischen Ozean zwei Kriegsschiffe. An Bord hatten sie 4000 Kilometer Kupferkabel. Die Mission: ein Telegrafenkabel im Atlantik verlegen. Nachdem die Elektriker die beiden Enden der Kabel verspleisst hatten, brachen die Schiffe in entgegengesetzte Richtungen auf: Das eine dampfte westwärts, zurück nach Neufundland, das andere nahm Kurs auf Irland. Über Spulen wurde das Kabel Meter für Meter auf den Meeresgrund gelassen.

Die Spannung war gross: Zweimal scheiterte die Mission bereits, das erste Mal war das Kabel gerissen, das zweite Mal hatte ein Sturm das Vorhaben gestoppt. Für den dritten Anlauf hatten die Ingenieure die Kupferleiter verstärkt. Fast wäre das Vorhaben dennoch misslungen: Dem einen Schiff ging wenige Seemeilen vor dem Ziel die Kohle aus. Unter Segeln erreichte es schliesslich am 5. August 1858 Valentia Island an der Südwestspitze Irlands – das Atlantikkabel war gelegt.

Queen Victoria schickte ein Glückwunschtelegramm an den US-Präsidenten James Buchanan. 17 Stunden dauerte es, bis die Morsezeichen ankamen. Das war damals wahnsinnig schnell. Doch nach wenigen Tagen nahm die Empfangsqualität ab. Der Chefingenieur erhöhte daraufhin die Spannung, was das Atlantikkabel durchschmoren liess. Erst 1866 sollte ein neues gelegt werden.

Im Zeitalter des Internets werden ganze Filmdateien innert Sekunden um den Globus gejagt. 97 Prozent des interkontinentalen Datenverkehrs laufen wie weiland die Telegramme über See­kabel. Fast 400 solcher Datenautobahnen gibt es mittlerweile; Google, Facebook und Microsoft haben sie verlegt. Die Internetleitungen sind mittlerweile wichtig wie Ölpipelines oder Stromnetze. Doch sie sind noch immer fragil.

Eine Zange reicht, um die Verbindung zu kappen

Im Januar 2020 brannte das Seekabel, das Spanien mit Südafrika verbindet, auf der Höhe des Kongos durch. Es kam zu Störungen in Südafrika und weiteren afrikanischen Staaten. Erst nach mehreren Wochen konnte ein Reparaturschiff den Defekt lokalisieren. Die Ursache für den Kabelbrand war vielleicht ein unterseeischer Vulkan. 2006 hatte ein Erdbeben vor der Küste Taiwans mehrere Internetkabel zerstört. Es gibt sogar Berichte über Haie, die Seekabel anbissen.

Auch der Mensch ist ein Risiko. 2008 zertrümmerte ein Schiffsanker vor Dubai ein Tiefseekabel, 75 Millionen Menschen waren zeitweise ohne Internet. Zwar wird der Datenverkehr im Fall einer Störung umgeleitet, doch kann sich die Geschwindigkeit erheblich verringern.

Die Arterien der digitalen Welt­wirtschaft sind verwundbar. Das wissen auch Kriminelle. 2013 griff die ägyptische Wasserschutzpolizei vor dem Hafen von Alexandria drei Taucher auf, die dabei waren, ein Internetkabel zu durchtrennen. Bei einem Durchmesser von zwei Zentimetern ist das keine Kunst. Um Internetverbindungen zu kappen, reicht eine einfache Zange.

Doch nicht nur Sabotageakte machen den Sicherheitsbehörden Sorge. Die US Navy hat vor einigen Jahren russische U-Boote in der Nähe von Tiefseekabeln aufgespürt, die wohl Daten abgreifen wollten.

Wie Whistleblower Edward Snowden enthüllte, zapft der US-Geheimdienst NSA die Kabel zum Teil selbst an. Überwachung ist so alt wie die Technik. Schon Abra­ham Lincoln und seine Getreuen hatten im amerikanischen Bürgerkrieg Telegrafenlinien angezapft, um den Morsecode der Südstaaten abzugreifen.