60 Jahre Trans-Europ-Express

Wo Buchhalter Nötzli das Grosstun lernte

Blaue Stunde für die «Legende» im Depot der Bahn-Nostalgiker: TEE-Zug von SBB Historic in Olten.

Blaue Stunde für die «Legende» im Depot der Bahn-Nostalgiker: TEE-Zug von SBB Historic in Olten.

Morgen ist es genau 60 Jahre her, als das erste Projekt der EU anrollte. Ganz vorne mit dabei: Die Schweiz.

Auch Legenden laufen nicht ohne Dampf oder Pfuus. Selbst Mythen brauchen Sprit und Kerosin. Zu Wasser, auf der Erde oder in der Luft. Überall, wo es Verkehr gibt, entstanden Mythen und Legenden: der «Silberpfeil», der «Rote Pfeil», «Tante Ju» und «Fieseler Storch». Ein Mythos auf der Schiene ist der TEE-Zug – Anhänger bitten inständig, das so auszusprechen: T-E-E, nicht in einer Silbe wie das laue Gesöff.

Tatsächlich hat der Trans-Europ-Express (TEE) alles zur Legende. Nennen wir es Aura: zusammengesetzt aus Luxus, Eleganz, internationalem Flair, Vision mit Design plus technische Innovation. Die Ära der TEE-Züge in Europa macht aus Eisenbahn-Liebhabern jedenfalls Romantiker. Ihre Blauen Blumen haben die Farbe Weinrot mit Elfenbein und rollen zügig von Stadt zu Stadt, um mit dem Flugzeug mitzuhalten. Und rollen seither ewig durch die Träume, unter ihrer eigenen Namenspoesie. Als «Rheingold», «Saphir» oder «Diamant», «Rembrandt» und «Helvetia», «Iris» oder «Edelweiss», «Le Rhodanien», «Le Capitole» und «Mistral», «Le Goethe», «Settebello» und «Mediolanum», «Johann Strauss», «Prinz Eugen» und «Blauer Enzian».

Ein neues opulentes Buch lässt die Epoche Revue passieren. Es wurde vorgestellt am idealen Ort für eine solche Vernissage: im TEE von SBB Historic. Obwohl das Buch (siehe Hinweis un- ten) einzig von einem Fächer ausgeht, jenem der TEE-Plakate, öffnet es tausendundeine TEE-Geschichten.

Holland hats für die EU erfunden, die Schweiz fuhr sofort mit

Ganz vorne weg bei diesem frühen konkreten Projekt der EU fuhr die Schweiz: als Gründungsmitglied. Damals hiess die EU freilich noch EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft). Wenn 1969 ein TEE-Plakat damit warb, dass man «Stadt-Stadt-Europameister» sei, weil der TEE inzwischen 111 Städte verband, so stand die Schweiz bei den Europameistern gewissermassen auf dem Podest.

Erfunden hat das Konzept ein Holländer, der seine Heimat niemals leugnen kann, selbst wenn er wollte, weil er genauso heisst: Franz den Hollander, damals Chef der Niederländischen Eisenbahn. Hollanders Erfindung oder Vision bestand im Grunde darin: Das F der DB in TEE zu verwandeln. In Worte übersetzt: Der Fernverkehr (F) der Deutschen Bahn (DB) sollte über die nationalen Grenzen hinaus erweitert werden (Trans-Europ).

Die Schweiz war von Anfang an zugstark beteiligt und zentral eingebun-den ins Netz. Etwa mit dem Helvetia-Express von Altona nach Zürich. Und natürlich – ab 1961 – mit den Verbindungen nach Mailand via Gotthard und Simplon. Zwei Standardzüge allerdings wurden damals von der Deutschen Bahn noch eine Weile mit Dampf betrieben, obwohl die Schweizer sich das anders gewünscht hätten: der «Rheingold» und der «Komet».

Am 2. Juni 1957 nahmen die ersten Züge den Betrieb auf, vor 60 Jahren. Zu jener Zeit kämpften oder wursteten die Eisenbahn-Granden noch mit verschiedenen Stromsystemen und nationalen Vorschriften. Die Entwicklung gemeinsamer Züge musste man fallen lassen. Stattdessen pochte man auf einheitliche Lackierung, gemeinsame Kriterien für die Fahrzeuge: hohes Tempo, Laufruhe, nur 1. Wagenklasse, mindestens 120 Sitzplätze, Bordküche oder Bar.

Elektrische Lamellenstoren trotz Fahrtwind – mit Konsequenzen

Weil ein europäischer Einheitszug nicht möglich war, bauten die SBB – im Päckli mit den Holländern – halt einen eigenen: den RAe TEE II, die wahre Legende. Fans geraten hier ins Schwärmen und brächen nicht mehr ab bis zur letzten Zeile dieser Seite.

Kultstatus hat allein schon dieses Wort: Vierstrom-Triebzug! Nur die Ingenieure verstanden, wie das funktionierte. Dennoch mussten es schon Primarschüler in den Sechzigern pauken. Der Begriff Vierstrom ging in den Volksstolz über wie die «Landi-Loki» oder das «Chileli vo Wasse». Vierstrom bedeutete, volks-ideologisch übersetzt: Egal, was uns das Chaoten-Ausland an kurioser Frequenz oder Spannung in den Weg legt, wir schalten einfach den Hebel um und fahren zuverlässig weiter. Das ist gute alte Neutralitäts-Politik auf Stufe Stromaggregat: Wir passen uns allem an und kutschieren überall nach bewährter Fasson weiter.

Aber etwas bis dahin Unschweizerisches kam hinzu: Design, Eleganz, Ästhetik – heisst: Man kümmerte sich auch mal ums Äussere. Ein Architekt wurde beigezogen, um den Zug zu formen. Innen wurde es edel. Erstaunliche Geschmackssicherheit kam zum Tragen, trotz futuristischer Anleihen. Reisen war nicht länger Transport, sondern fortan auch Komfort. 126 Sitzplätze, die der TEE-Zug aufwies, quetscht man heute schon in einen 2.-Klasse-Doppelstockwagen. Nicht aber das Doppelglas bei den Fenstern, nötig geworden wegen elektrischer Lamellenstoren, die im Zugwind sonst fortgeblasen worden wären. Und schon gar nicht getrennte WCs für Mann und Frau.

Mary Long rauchen und Marie klarmachen, die Sekretärin

Die TEE-Zug-Epoche in der Schweiz erfuhr eine ganze Reihe von Bedeutungen oder Konnotationen, so nachhaltig, dass jene Ära heute noch in der helvetischen DNA steckt, obwohl sich die Welt seither gründlich verändert hat.

Erstmals offensichtlich für alle Augen, setzte die Schweiz ab den frühen Sechzigerjahren mit dem TEE aufs Segment der Protzer, Bluffer und Blender, inzwischen eine überall grassierende Seuche. Von der Lido-Bar in Lugano über die Alpen-Therme bis hinunter zur ehemaligen Dorfbeiz, die heute für dreissig Stutz den Salat als kalten Suppen-Sip serviert. Entsprechend international austauschbar sind die geschützten Luxuszonen alle geworden.

Im TEE indes war es letztmals noch möglich, vor den Fenstern eine Bergwelt zu erfahren, wie von Ferdinand Hodler gemalt, drin wie 007 einen Martini zu schlürfen, Mary Long zu rauchen und Marie klarzumachen, die Sekretärin für einen gemeinsamen Besuch in der Mailänder Scala spät nachts.Noch war das alles homogen, rollte spursicher noch auf einem einzigen Gleis: kompetitive Schweizer Ingenieurskunst, diskrete Finanzdeals, bürgerlich renommierte Künstler und an der Wand Niklaus von Flüe oder Winkelried.

Als der TEE gegen Ende – 1988/89 – zur «Grauen Maus» verkam, und den neuen Euro-Citys Zweitklass-Waggons angehängt wurden, stellten sich auch gesellschaftlich die Weichen zum vulgären Wirrwarr der Gegenwart. Es ist nicht ohne Pointe, dass jene Epoche, die viele Konservative hierzulande als letzte wirklich schweizerische, als wirklich gute Ära ansehen (1960–1967 zirka) durch eine Initiative des neuen Europas zustande kam.

Die Queen und Alfred Hitchcock, verteilt auf vier Sitze

War das Befinden aber tatsächlich so im RAe TEE II, wie wir das skizziert haben? Wie in der amerikanischen TV-Serie «Mad Men», als Kulisse nicht New York, aber dafür dreimal das «Chileli vo Wasse» vor Augen? Oder sass da nach wie vor Buchhalter Nötzli? An Geschäftsleute, Prominente und andere Habliche richtete sich das Angebot. Normalo-SBB-Benützer konnten sich am Doppelglas aussen die Nase plattdrücken. Der letzte Staatsgast im TEE war die Queen gewesen. Alfred Hitchcock, der nie flog, nur die Bahn benützte, reservierte jeweils vier Sitze, um es bequemer noch als bequem zu haben.

In Olten, an der Buchvernissage, sagte jemand, der die Ära erlebt hatte: «Heute wären viele, die damals flogen, froh, sie hätten wie ich den TEE genommen.» Für Legenden eignet sich der TEE offenbar einfach besser.

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