Fortschritt

«Wir sind nicht Sklaven unserer Technik»

Die Mondlandung: Sinnlos oder Triumph der Technik?Nasa/AP/Keystone

Die Mondlandung: Sinnlos oder Triumph der Technik?Nasa/AP/Keystone

Entweder wir haben die Technik im Griff oder die Technik hat uns im Griff. Der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi umkreist in seinem Buch den komplexen Begriff «Fortschritt».

Unter die «Irrwege» der Technikphilosophie zählte Günter Ropohl, im deutschsprachigen Raum so etwas wie der Doyen des Fachs, das «kulturkritische Räsonnement über Segen und Fluch der Technik». Was man nicht machen darf, ist also klagen über die Ambivalenz der Technik. Ropohl meint keineswegs, dass das nicht der Fall sei. Technik hat auf jeden Fall ihre guten und schlechten Seiten. Oder man kann auch einfach die Unterscheidung für Unsinn halten. Einem Wesen, das auf zwei Beinen geht und die Hände frei hat, «springt» das Werkzeug geradezu in die Hand, schrieb der französische Kulturanthropologe André Leroi-Gourhan in seinem schönen Buch «Hand und Wort» sinngemäss. Als Menschen hatten wir nie die Wahl zwischen Technik oder keiner Technik. Oder sagen wir so: Der Säbelzahntiger und andere Aggressivbestien liessen uns – oder unseren Vorfahren – keine.

Die Kulturkritiker sollen gefälligst die Technik in Ruhe lassen. Wenn da nicht das andere Wörtchen wäre. «Fortschritt» hängt seit der Renaissance der Technik an wie ein Schatten. Fortschritt ist technischer Fortschritt oder Fortschritt in der Technik, der technischen Beherrschung der Welt. Und dann melden sich halt alle die Dinge, die wir nicht wegdiskutieren können, die wir aber auch nicht gewollt haben: die Schattenseiten des Fortschritts. Umweltzerstörung, Ressourcenverschleiss, Stress bis zur Drohung der Selbstvernichtung im atomaren Höllenfeuer. Das alles gibt es. Und Günther Anders sah darin die «Antiquiertheit des Menschen», der sich selbst überflüssig zu machen trachte und gegenüber seinen eigenen Schöpfungen machtlos sei.

Das Dilemma des Fortschritts

Im Grunde läuft es auf ein Dilemma hinaus, das der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi in seinem neusten Buch so auf den Begriff gebracht hat: Entweder wir haben die Technik im Griff, dann wird alles gut; oder die Technik hat uns im Griff, dann wird vielleicht nicht alles gut, aber es hat definitiv keinen Sinn, sich gegen den Fortschritt der Technik zu stemmen. Klingt rational wie jedes gut formulierte Dilemma. Und ist doch falsch.

Beide Pole des Dilemmas nehmen dem Menschen die Entscheidungsfreiheit. Individuen oder Gesellschaften sollen sich darüber verständigen, welche Technik sie anwenden wollen und wie und welche sie wieder abschaffen wollen. Beides gab und gibt es. Hänggi hütet sich davor, uns in dieser Richtung zu belehren. Ein schönes Kriterium, was denn eine «gute» Technik sei und was eine «schlechte», liefert er nicht. Und auch das Argument, dass man halt alles «mit Mass» brauchen müsse, erspart er uns. Denn dass das Mass überschritten worden ist, wird einem ja meist erst klar, wenn es zu spät ist.

Die Freiheit zur Entscheidung

Was Hänggi uns hingegen nicht erspart, ist die Pflicht zum genau Hinschauen. «Technik» findet meist in Geschichten statt – und die gilt es zu hinterfragen. Es sind Menschen, die am technischen Fortschritt basteln. Es gibt aber auch gesellschaftliche Strömungen, welche dem technischen Fortschritt den Weg weisen wollen. Menschen haben Motive, und hinter den Strömungen stecken meist auch welche. Und viele Technik- und Fortschrittsgeschichten sind zu Mythen geworden.

Marcel Hänggi erzählt uns ein paar dieser Storys neu. Auch solche, die man schon oft gehört hat. Zum Beispiel die vom Buchdruck. Die wichtigste Erfindung der Neuzeit. Oder war das die Dampfmaschine? Beide Geschichten scheinen wohlbekannt, und doch erzählt sie uns Hänggi ganz neu. Es war doch nicht so einfach, wie wir geglaubt haben. Besonders beim Buchdruck muss man sich klarmachen, dass es nicht einfach die Idee war, mit beweglichen Lettern zu drucken. Im Hinterkopf der Drang nach schnellerem und grösserem Ausstoss. Das kam irgendwann auch, aber Gutenbergs ursprüngliche Idee war eine andere. (Es soll hier nicht verraten werden, welche.)

«Technische Durchbrüche»?

Als Kolumbus gelandet war, war Amerika entdeckt. Auch technische Neuerungen legen nicht einfach einen Schalter um. Es braucht gesellschaftliche und kulturelle Voraussetzungen, damit eine Neuerung überhaupt Anklang findet. Die Situation ist vielfach verzwickter, als sie uns später erscheint. Das liegt auch daran, dass die Geschichte der Technik (noch mehr als die anderer menschlicher Errungenschaften) eine teleologische Sichtweise befördert. Damit ist gemeint, dass es im Rückblick immer so aussieht, wie wenn es so hätte kommen müssen. Dass die Dampfmaschine auf Räder gestellt als Eisenbahn unsere moderne Welt begründet: Das sieht so folgerichtig aus – und war es doch nicht.

Es gibt immer Alternativen zum Gewordenen. Und wenn es Alternativen gab, gab es auch Entscheidungen gegen sie. Heute erscheint uns das Auto alternativlos. Das musste sich ja durchsetzen. Die Handlichkeit der fossilen Energie gegen die tonnenschweren Batterien ist allerdings nur ein Punkt. Ein anderer wäre, warum wir überhaupt auf diese Idee der Mobilität gekommen sind, die uns heute so alternativlos vorkommt. Ins Auto hocken und an jeden beliebigen Punkt fahren – Freiheit pur. Nur dass es immer länger geht und immer schwieriger wird, auch dort anzukommen. Alle wollen das, und so kommt es halt zum Stau.

Das Auto und Olympia

Warum wurde das Auto zum gleichen Zeitpunkt populär, als der Baron von Coubertin für die Olympischen Spiele das Motto: «Schneller, höher, stärker» prägte? Und die Gleichung stimmt: Je schneller man vorwärtskommt, desto weiter wird der Weg, den man zurücklegen muss, bis man dort ist, wo man hin will. Bald baute man Autobahnen, wo die Autos unter sich sein konnten. Denn «natürlich» wäre ein solcher Zustand ja nicht. Warum soll dem Auto die Strasse gehören und nicht dem Fussgänger? Und warum nennen wir die vom Auto befreiten Innenstädte eigentlich «verkehrsfrei»? Gerade das sind sie ja glücklicherweise nicht.

Soll ich das Smartphone wollen?

Heute sind wir so weit, dass wir auch die durchschlagendsten Errungenschaften kritisch betrachten. Das Internet oder die Gentechnik haben uns wahnsinnig viel versprochen. Wir tun gut daran, nicht auf alles zu hoffen. Auch wenn es schwierig ist, im Einzelfall zu entscheiden: Ist es jetzt gut, wenn das Telefon auch noch ein Computer geworden ist? Was ist das Kriterium, wenn ein Smartphone etwas schneller ist als ein anderes?

Spätestens die Gentechnik hat uns gelehrt, dass wir den Fachleuten und ihren Versprechungen misstrauen müssen. Nicht nur, dass hinter all den schönen Visionen von der krankheitsfreien Zukunft meistens handfeste materiellen Interessen standen. Wenn der Techniker sagt: Wir können das; sollten wir fragen: Wollen wir das?

Experten können uns nicht helfen. Dem Markt sollten wir es auch nicht überlassen. Nicht aus fundamentaler Marktkritik, sondern mit gutem Grund. Auf dem Markt wirkt gekauft und verkauft. Aber beim Fortschritt gibt es auch Betroffene, die vorerst nicht involviert sind. Sogar viele. Auch als nur Betroffene müssen wir fragen: Wozu?

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