Jederzeit und überall erreichbar zu sein: Dieses Versprechen machte die Swisscom, die noch PTT hiess, Anfang April 1978. Damals startete sie das Nationale Telefonnetz A, bekannt geworden als «Natel». Mit dabei war auch ein Solothurner Unternehmen: Die Autophon (später Ascom) arbeitete mit am Netz, das der Schweiz grossflächig die mobile Telefonie brachte.

Das Handy (es war damals ein Kasten) kam nicht aus Fernost, sondern aus der Schweiz. Die PTT hatte das Monopol für den Telefonverkauf, was Schweizer Anbieter schützte. Die Autophon fertigte auch Telefongeräte.

Wie das Natel das Leben verändern wird, schien 1978 niemand abzusehen. Nur mit einer kleinen Notiz machte jedenfalls der Solothurner Autophon-Konzern in seiner Hauszeitschrift auf das neue Angebot aufmerksam. «Natel ist der landesweite neue Auto-Telefondienst der schweizerischen PTT», hiess es trocken.

«Autophon entwickelte, baut und installiert die Fahrzeugausrüstung dazu», wurde für den «Sende-Empfänger der Radiovox-55-Reihe» geworben. Die Anlage war im Kofferraum des Autos. Beim Armaturenbrett angebracht waren der Hörer und die Tastenwahl. «Damit haben Sie vom Auto aus die gleichen Kommunikationsmöglichkeiten wie von ihrem Schreibtisch: Telefonverbindungen in alle Welt», hiess es in der Werbung.

Statussymbol

Einer, der damals bei der Autophon arbeitete, ist Alois Zimmermann. «Was man heute im Sack trägt, war mal Dutzende Kilogramm schwer», sagt der Langendörfer. Tatsächlich gab es das Natel A als 12 Kilogramm schweren und über 10'000 Franken teuren Koffer zum Mittragen – oder eben als Autotelefon. Die Anschlussgebühren betrugen 130 Franken monatlich.

Das Gerät war ein Statussymbol und nicht besonders praktisch: Nach drei Minuten brach das Gespräch ab. Trotzdem stieg die Nachfrage rasch. Bereits 1980 wurde ein zweites Netz, das Natel B in Betrieb genommen.

Das Natel A war nicht das erste Telefonnetz. Bereits zuvor gab es ein – viel rudimentäreres – Netz, zuerst in Zürich und später entlang der Autobahn. Die Autophon war gar 1949 beteiligt, als die «schweizerischen Telephonverwaltung in Zürich» die erste «mit dem öffentlichen Telephonnetz verbundene Fahrzeugtelephonanlage von Europa» in Betrieb nahm, wie die Autophon-Hauszeitschrift Jahre später stolz schrieb.

Netze für die Polizei

In Langendorf erinnert sich Alois Zimmermann, dass die ersten Autotelefon-Lösungen für die Polizei und staatliche Betriebe gefertigt wurden. So hatte die Autophon etwa für die industriellen Betriebe Zürich ein Netz aufgebaut. Damit konnte die Zentrale die Reparatur-Equipen unterwegs direkt zum nächsten Tram-Unfall oder zur nächsten Störung im Verkehrsnetz weiterschicken und Zeit sparen.

«Radiovox» hiess das Telephonsystem das die Autophon in den Nachkriegsjahren als Pionierin des mobilen Telefonierens aufbaute. Mit ihm konnten selbstständige Netze gebildet werden; etwa für Transportfirmen, die so ihre Chauffeure unterwegs erreichen konnten. Das System konnte aber auch ans öffentliche Telephonnetz angeschlossen werden.

«Von jedem beliebigen Telephonanschluss aus» konnte das Autotelephon per Nummernwahl erreicht werden. 15 bis 30 Kilometer Entfernung von der zentralen Antennenanlage waren laut Angaben der Autophon möglich.

Netze für die Polizei

Im Kanton Bern baute die Autophon Anfang der 50er-Jahre, «veranlasst durch die zunehmende Motorisierung» des Polizeikorps, für die Kantonspolizei ein Netz auf und rüstete zuerst 18 Polizeifahrzeuge mit Sende-Empfangsanlagen aus. Dank drei Relaisstationen waren die Polizeiautos im ganzen Kanton erreichbar.

Auch in Basel-Stadt hatte die Autophon ab Ende der 1940er-Jahre für die Polizei gearbeitet. «Es sei in letzter Zeit wiederholt nachteilig empfunden worden, dass der Pikettkommissär unterwegs nicht erreichbar gewesen sei, und dass er, besonders in der Nacht, nicht vom Wagen aus Rückanfragen und Meldungen durchgeben könne», begründete die Basler Polizei 1953 das Begehren nach einem weiteren Autotelefon, wie aus Autophon-Unterlagen ersichtlich ist, die im Solothurner Computer- und Technik-Museum Enter aufbewahrt werden. 1400 Franken Abogebühr kostete dies die Polizei pro Jahr.

Kleiner und kompakter

Zurück in die 1980er-Jahre. Nach dem Natel A und dem Natel B kam 1986 das Natel-C-Netz der PTT. 1989 gab es 52'000 Natel-C Teilnehmer, monatlich kamen 3000 bis 4000 hinzu.

200'000 Teilnehmer waren es, als in den 1990er-Jahren das digitale Natel D-Netz kam, das die Ascom gemeinsam mit dem Ericsson-Konzern aufbaute. Sie lieferte die Basisstationen und war für die Funknetzplanung verantwortlich, die nun 95 Prozent der besiedelten Schweiz abdecken sollte.

Die Ascom stellte nach wie vor auch Handys her: Am Autosalon 1993 präsentierte die Solothurner Firma das Crystal Natel D, das «kleinste und kompakteste Autotelefon», das nach Ascom-Aussagen am Salon zu finden war.

«Es eliminiert praktisch vollständig das lästige Telefonrauschen und erlaubt dank digitalisierter Übertragung den Datentransfer über Fax oder ein Modem», warb die Ascom, die 1988 stolz auf das 50'000. in Solothurn produzierte schnurlose Telefone verwies und sich an der Weltspitze sah, «da lediglich eine deutsche und eine fernöstliche Firma mehr Apparate als wir erfolgreich am Markt abgesetzt haben.» Mit der Digitalisierung und dem Ende des Telefonmonopols der PTT endete dies. Bald war die Ära der Ascom und ihrer Telefone in Solothurn vorbei.

Dank geht an Felix Kunz und sein Computer-Museum «Enter» beim Solothurner Hauptbahnhof. Kunz hat für diesen Artikel diverse Unterlagen aus seinem Archiv geholt. Das Museum, das eine grosse Palette an Geräten aus der Technikgeschichte – von PCs über Rechenmaschinen und Radios bis hin zu Telefonen zeigt, ist für die Öffentlichkeit zugänglich. www.enter-online.ch