Hitzewelle
Wetterphänomen geklärt: Deshalb müssen wir so sehr schwitzen

Europa steht momentan im Banne einer Hitzewelle. Sogenannte Blocking-Inseln verhindern das Eindringen von Tiefdruckgebieten in den europäischen Raum. Nun hat die ETH Zürich neue Erkenntnisse über die Entstehung von Blocking-Inseln publiziert.

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Schwitzen in Europa: wer kann, reserviert sich gleich seine eigene Wasserfontäne.

Schwitzen in Europa: wer kann, reserviert sich gleich seine eigene Wasserfontäne.

Keystone

Bereits im Jahr 2003 stand Europa unter dem Einfluss einer Extremwetterlage. Verschiedene Stellen untersuchten in den folgenden Jahren das Phänomen, das vielen Menschen Gesundheitsprobleme während dieses Jarhundertsommers bescherte.

Tiefdruckgebiete werden abgewehrt

Die ETH Zürich hat Klimadaten aus aller Welt ausgewertet, um der Entstehung stabiler Hochdruckgebiete auf den Grund zu gehen. Diese lösen in der oberen Troposphäre, also auf einer Höhe von 5 bis 10 Kilometern, Hitzewellen aus, wie wir sie derzeit in Europa erleben. In der Forschung heissen diese speziellen Hochdrucklagen «Blocking», weil sie Tiefdruckgebiete links und rechts von sich ablenken und damit im Sommer zu Schönwetterinseln führen können.

Die Hitzewelle verlangt nach Abkühlung: Der Juli 2015 war bisher rund 5 Grad wärmer als normal.
13 Bilder
Der Juli 2015 ist bisher 5 Grad wärmer als im langjährigen Schnitt.
Abkühlung und Spass im Vierwaldstättersee
Die andauernde Hitzewelle macht auch den Strassen zu schaffen.
Sogar Leitplanken bogen sich unter der enormen Hitze in der ersten Hälfte des Juli 2015.
Baden im Genfersee.
Abtauchen im Lago Maggiore.
Tausende waren am Wochenende auf den Schweizer Flüssen mit Gummibooten unterwegs.
Rumfläzen auf der Luftmatratze.
Auch böse Buben haben heiss: Schwinger Joel Wicki verschaft sich am Innerschweizer Schwing- und Älplerfest Abkühlung.
Auch am Thunersee hiess es: Liegen lang!
Malerisch: Die Stockhornkette spiegelt sich im Übeschisee.

Die Hitzewelle verlangt nach Abkühlung: Der Juli 2015 war bisher rund 5 Grad wärmer als normal.

Keystone

Die Blocking-Inseln können einen Durchmesser von bis zu 2000 Kilometern erreichen und erstecken sich somit über ganz Europa. Sie wehren die typische Westströmung vom Nordatlantik, die uns normalerweise Regen und Kühlung beschert, einfach ab.

Antrieb für den Aufstieg

Das Team um Heini Wernli von der ETH Zürich hat Wetterdaten der vergangenen 21 Jahre analysiert. Dabei haben die Forscher herausgefunden, dass auch das Aufsteigen von Luftmassen aus der unteren Troposphäre entscheidend ist für das Entstehen und Aufrechterhalten solcher Systeme.

Dabei ist ein Prozess involviert, der "latentes Heizen" genannt wird: In den aufsteigenden Luftmassen bilden sich Wolken, es kondensiert also Wasserdampf. Dabei wird sogenannte latente Energie frei. Das sei umgekehrt zum Schwitzen, wenn Wasser verdunstet und so dem Körper Wärme entzieht, erklärte Mitautor Stephan Pfahl in der Mitteilung.

Das Luftpaket erwärmt sich und kann dadurch weiter in die Höhe aufsteigen. Das latente Heizen liefert also einen Teil des Antriebs für den Aufstieg der Luftmassen, wie die Forscher nun im Fachjournal "Nature Geoscience" berichten.

Die Resultate zeigen, dass in den drei Tagen, bevor die Luftmassen die Blocking-Region erreichen, bis zu 45 Prozent der Luftmassen durch diesen Prozess erhitzt wurden. In der Woche davor waren es sogar bis zu 70 Prozent. Die Wetterentwicklung verläuft demnach so, dass sich zunächst über dem Atlantik Wolken oder Schlechtwettergebiete entwickeln.

Immer zeitversetzt

Ein paar Tage später entstehen die Schönwetterinseln mit sonnigem Wetter über Europa. "Der Prozess ist also immer zeitversetzt", sagte Wernli. Für die Studie haben die Forscher einen immensen Satz von Daten aus Bodenmessungen, Ballonen, Flugzeugen und Satelliten ausgewertet, der aus dem Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage in Reading (Grossbritannien) stammt.

Die Erkenntnisse seien bedeutsam, weil sich mit der Klimaerwärmung die Häufigkeit der Blocking-Wetterlagen verändern könnte, betonen die Forscher. Durch die Erwärmung gelange mehr Feuchtigkeit in die Luft, und dadurch werde mehr latente Hitze freigesetzt. Dies sei aber noch sehr spekulativ.

Für die Wettervorhersage sind die neuen Erkenntnisse der ETH Zürich entscheidend. Oft verpasst diese nämlich den Zeitpunkt der Bildung oder des Zerfalls des Blocking, mit grossen Auswirkungen für die Wetterentwicklung. Dank der neuen Informationen könnten die Vorhersagen in Zukunft genauer werden. (az)