Ballergames geniessen keinen guten Ruf. Gewalttätig und süchtig sollen sie machen. Daphné Bavelier hat sich mit einem anderen Aspekt der Shooter-Games beschäftigt. Und herausgefunden: Sie fördern die Lernfähigkeit.

Bavelier ist Professorin am Center für Neurowissenschaften der Universität Genf und untersucht die Auswirkungen von actionreichen Videospielen seit zehn Jahren. Bereits hat sie herausgefunden, dass Spieler von Ballergames in Sehtests besser abschneiden, sich besser auf verschiedene Dinge gleichzeitig konzentrieren und Aufgaben besser lösen können. Neu ist, dass sich Zocker von Actiongames diese Fähigkeiten dank einer schnelleren Auffassungsgabe aneignen.

Nicht alle Games fördern den Lerneffekt

Die besten Lerner sind Spieler von Ego-Shootern wie Call of Duty, Far Cry oder Battlefield. Wenig actionreiche Games wie Sims fördern die Auffassungsgabe hingegen nicht. Das schreiben Bavelier und ihre Forscherkollegen von den US-amerikanischen Universitäten Rochester und Princeton im Fachmagazin «Proceedings of the National Academy of Sciences». Die Erkenntnisse könnten dereinst dazu eingesetzt werden, um Sehschwächen zu korrigieren oder um lernschwachen Kindern zu helfen.

Ego-Shooter sind laut den Wissenschaftern die besten Lernhilfen.

Ego-Shooter sind laut den Wissenschaftern die besten Lernhilfen.

Wenig actionreiche Videospiele wie The Sims haben keinen Effekt auf das Lernen.

Wenig actionreiche Videospiele wie The Sims haben keinen Effekt auf das Lernen.

Laut Bavelier versucht unser Gehirn stets vorauszusagen, was als nächstes passiert – sei es in einem Gespräch, beim Autofahren oder beim Gamen. Dazu erstellt es konstant Modelle. «Je besser das Modell, desto besser ist die Leistung des Gehirns», erklärt Bavelier und fügt an: «Das Spielen von Actiongames fördert die Bildung genauerer Modelle.»

Ihre Erkenntnisse zogen die Forscher aus drei Experimenten. Erst mussten Actiongames-Spieler und Personen, die keine Actiongames spielen, innert Sekundenbruchteilen entscheiden, ob ein Bild leicht nach links oder rechts geneigt war. Das Ergebnis: Die Actiongames-Spieler schnitten besser ab, weil ihr Gehirn ein besseres Modell für die Aufgabe benutzte.

Um herauszufinden, ob die bessere Lernfähigkeit tatsächlich vom Gamen stammt oder nicht, baten Bavelier und Co. Probanden mit wenig Videospielerfahrung zur Konsole. Während die eine Gruppe 50 Stunden lang, verteilt auf neun Wochen, den Ego-Shooter Call of Duty zockte, beschäftigte sich die andere Gruppe in derselben Zeit mit dem gewaltfreien Spiel Sims. Vor und nach dieser Phase machten die Probanden den Bildtest. Er ergab: Die Sims-Spieler verharrten auf dem Anfangsniveau, wohingegen die Call-of-Duty-Spieler ihre Lernfähigkeit signifikant steigerten. Dieser Effekt war bei einem erneuten Test ein Jahr später noch immer messbar.

Zockende Piloten und Chirurgen arbeiten besser

Das dritte Experiment zeigte, dass ein Actiongames-Spieler nicht mit besseren Modellen an eine neue Aufgabe herangeht, in deren Verlauf aber viel schneller Modelle bildet, die zudem besser sind als jene von Nicht-Actiongamern. Ein Beispiel: Zu Beginn der ersten Autofahrstunde sind Action-Gamer und Nicht-Actiongamer die gleich guten Fahrer. Danach lernt der Actiongamer die Abläufe allerdings schneller, weil sein Gehirn die bessere Leistung abliefert.

Frühere Studien haben belegt, dass Chirurgen und Piloten in ihren Berufen profitieren, wenn sie gelegentlich Actiongames spielen.

Nun suchen Bavelier und ihr Team in den Actionspielen nach den genauen Faktoren, die den Lerneffekt positiv beeinflussen. Das könnten schnelle Abläufe beim Spielrhythmus, der Wechsel zwischen Fokus auf ein Ziel und dem Überblick für die Gesamtsituation und das ständige Treffen von Entscheidungen innert kurzer Zeit sein. Und die Gewalt? «Die hat wohl keinen Einfluss auf die Lernfähigkeit», sagt die Hirnforscherin. In Zukunft sollen die entscheidenden Faktoren aus den Ballerspielen extrahiert und in harmlose Games integriert werden, damit sie auch an Schulen gebraucht werden könnten.

Trotz der positiven Ergebnisse: Zum stundenlangen Zocken rät Bavelier nicht: «Wer zu viel Zeit mit Gamen verbringt, hat weniger Zeit für Hausaufgaben und ist häufig weniger gut in der Schule.»