Der Weg in die Zukunft führt die Treppe rauf. Ganz oben, unter dem Dach des Wirtschaftsgebäudes der Hochschule Luzern, haben wir uns mit Ian Person verabredet – später wird er hier einen Vortrag halten. Als wir den Zukunftsforscher dann treffen, fühlen wir uns in der Zeit zurückgeworfen. Mit dem grünen Hemd, den grauen Hosen und der randlosen Brille wirkt der Forscher, als sei er den 1980er-Jahren entsprungen – oder einem zeitgenössischen Science-Fiction-Film, in dem Retro den Modetrend bestimmt.

Vor sieben Jahren kam das iPhone auf den Markt und veränderte unser Leben stark. Werden Smartphones noch lange unsere täglichen Begleiter sein?

Ian Pearson: Nein, wenn Sie in zehn Jahren noch ein Smartphone haben, werden Sie Ihre Freunde auslachen.

Was werde ich dann haben?

Bereits in fünf Jahren werden viele von uns Datenbrillen tragen. Google Glass überzeugt zwar technisch noch nicht und sieht nicht gerade schön aus, doch die nächste Generation solcher Brillen wird bereits ziemlich gut sein. Warum sollte man noch ein Smartphone haben, wenn man sich die Informationen direkt ins Sichtfeld einblenden lassen kann?

Weil es oft praktischer ist, Texte auf einem Touchscreen zu tippen, als sie über ein Mikrofon einzusprechen.

Dafür wird es eine Lösung geben. In Zukunft lassen sich mit einem kleinen Projektor virtuelle Displays auf eine Tischoberfläche oder auf den Handrücken projizieren. Damit lässt sich dann viel komfortabler schreiben als auf dem kleinen Smartphone-Display.

Und was kommt danach?

In zehn Jahren werden wir aktive Kontaktlinsen haben, die Informationen direkt auf unsere Netzhaut projizieren. Der IT, welcher die dafür notwendigen Rechenoperationen durchführen und die Verbindung zum Internet herstellt, lässt sich in einem Ohrring oder in einem Armreif unterbringen. Von der Technik selber sieht man dann also nichts mehr.

Sie beraten Firmen in Zukunftsfragen. Welches ist derzeit die innovativste Firma?

Von den grossen Unternehmen würde ich sagen Samsung oder Apple. Aber wirkliche Innovationen gehen meistens von Start-ups aus, die dann von grossen Firmen aufgekauft werden. Dafür gibt es viele Beispiele.

So kaufte kürzlich etwa Facebook das Start-up Oculus VR, ein Unternehmen, das Virtual-Reality-Brillen entwickelt. Wenn man sie sich anzieht, hat man das Gefühl, man befinde sich tatsächlich in einer computergenerierten Umgebung.

Interessant daran ist, dass Oculus nicht die erste Generation von Virtual-Reality-Brillen ist. Solche Brillen kamen bereits 1991 auf den Markt, fanden aber kaum Abnehmer.

Wird die virtuelle Realität jetzt den Massenmarkt erobern?

Es gibt noch einige technische Hürden, die genommen werden müssen. Doch sobald die Brillen gut sind, werden sie viele nutzen.

Wozu?

Sie werden damit gamen, aber auch kommunizieren. Damit kann eine Kommunikationssituation simuliert werden, sodass man nahezu das Gefühl hat, man treffe sich und sitze zusammen am selben Tisch. Stellen Sie sich vor, Sie treffen sich mit Ihrem Freund in einem simulierten New York für ein Gespräch. Das ist doch viel spannender, als ihn bloss anzurufen.

Vielleicht. Doch ich könnte heute schon mit meinem Smartphone Videotelefonie nutzen. Meistens rufe ich die Leute aber einfach an.

Es kommt immer auf den Grund des Gesprächs an. Das Gute an der Telefonie ist, dass man daneben fernsehen oder lesen kann. Manchmal werden wir deshalb vielleicht auch in Zukunft einen Telefonanruf vorziehen.

Und was kommt sonst noch auf uns zu?

Eine andere Technologie nennt sich aktive Haut. Sensoren werden an den Händen angebracht, die Berührungen simulieren können. Dafür werden die Nervenzellen mit elektronischen Signalen gespeist. So kann man etwa jemandem das Gefühl geben, er halte ein kühles Glas in den Händen oder er berühre Samt oder Seide. Letzteres wird für Online-Händler wie Amazon sehr interessant sein. Damit können die Kunden zuerst «anfassen», was sie kaufen. All das wird bald möglich sein.

Wie bald?

Innerhalb der nächsten zehn Jahre. Prototypen gibt es bereits. Das ist gar nicht so kompliziert. Der Tastsinn ist ja eigentlich nichts anders als Nervensignale, also Informationen, die zum Hirn transferiert werden. Das ist im Prinzip bloss Informationstechnologie. Diese Technologie wird Computerspiele, aber auch Kommunikation in sozialen Netzwerken revolutionieren. Auch wenn man Tausende von Kilometern voneinander entfernt ist, kann man sich umarmen.

Wird die virtuelle Realität also das nächste grosse Ding sein?

Nein. Viel bedeutender wird die Augmented Reality sein, die Verschmelzung der realen Umgebung mit dem Cyberspace. Über eine Spezialbrille oder aktive Kontaktlinsen lassen sich Daten aus dem Internet direkt in unser Sichtfeld einblenden. Später wird das mit ganzen Objekten passieren. In die Fenster lässt sich etwa eine schöne Meersicht projizieren, die man aber nur durch die Brille wahrnimmt. Diese Verschmelzung wird unser Leben noch viel stärker verändern, als es das Internet tat.

Gibt es noch andere so weitreichende Technologien?

In den nächsten dreissig oder vierzig Jahren wird immer mehr IT zur Verfügung stehen, um Hirnkrankheiten wie Alzheimer zu heilen. Diese Technologie wird in einem zweiten Schritt auch dazu genutzt, um die Leistung von gesunden Hirnen zu verbessern – etwa die Merkfähigkeit. Später lässt sich damit dann auch der Intelligenzquotient steigern, wenn man das möchte. Und wer möchte das schon nicht?

Hat man denn überhaupt die Möglichkeit, sich dem zu widersetzen?

Wenn man auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig bleiben will, wohl kaum.

Unser Gehirn verschmilzt also mit einem Computer?

So ungefähr. Immer mehr unseres Denkens wird auf einen externen Computer ausgelagert, der über das Internet mit unserem Hirn verbunden ist. Irgendwann einmal werden 90 oder sogar 99 Prozent unseres Denkens nicht mehr in unserem Kopf stattfinden, sondern in einer Cloud. Wenn der Körper dann etwa bei einem Flugzeugunglück stirbt, geht das Leben weiter. Man kauft sich dann einen humanoiden Roboter und nutzt diesen fortan als seinen Körper. Am nächsten Morgen geht man dann wieder wie gewohnt zur Arbeit.

Ich werde also unsterblich?

Ja. Wer heute unter 40 ist, wird wohl nicht mehr sterben. Wenn Sie 90 sind, können sie entscheiden, ob sie sterben möchten oder noch ein paar Jahre anhängen möchten. Sterben könnte in der Zukunft sehr schwierig werden. Das wird zu neuen Konflikten führen, denn vielleicht möchten Sie einmal sterben, ihre Familie lässt Sie aber nicht. Das wird zu ganz neuen Problemen führen.

«Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen», lautet ein Zitat von Niels Bohr. Warum sind Sie sicher, dass Ihre Prognosen richtig sind?

Nun, ich weiss mittlerweile, dass nicht alle richtig sind (lacht). Denn ich mache das seit dem Jahr 1991. Ich mache transparent, welche Prognosen richtig waren und welche nicht. Insgesamt waren 85 Prozent aller Prognosen richtig, welche die nächsten zehn Jahre betrafen. Ich bin also nicht perfekt, aber ziemlich gut.

Wie lässt sich die Zukunft voraussagen?

Die nächsten zehn Jahre kann man ziemlich gut voraussagen, wenn man sich mit technischen Entwicklungen beschäftigt. Ich sehe, welche Technologie heute erforscht und entwickelt wird und kann ungefähr abschätzen, wie lange es geht, bis sie sich durchsetzen wird. Doch manchmal meine ich, dass etwas ein Erfolg wird, dann aber als Flop endet.

Zum Beispiel?

1991 habe ich geschrieben, dass im Jahre 2005 Menschen mehr Zeit in der Virtual Reality verbringen werden als mit Fernsehen. Ich lag völlig falsch. Doch im selben Jahr prophezeite ich auch, dass SMS eine sehr erfolgreiche Technologie werden würde. Niemand in meiner Firma glaubte mir. «Warum sollte man eine Textnachricht schreiben, wenn man auch anrufen kann?», fragten sie. Ein paar Jahre später machten Telekomfirmen 50 Prozent ihres Umsatzes mit Textnachrichten.