Von der Zeit wissen wir dann am meisten, wenn wir glauben, keine zu haben. Oder noch schlimmer: keine mehr. Das ist dann das Ende (der Zeit, die einem gewährt wird). Daraus kann man zwei Dinge lernen (natürlich viel mehr, aber vorerst reichen zwei): Zeit läuft ab, ob wir wollen oder nicht. Und das andere: Jede Zeit hat ein Ende.

Das widerspricht fundamental anderen Erfahrungen, die ebenso gut wahr sein können. Die Zeit läuft nicht einfach ab. Manchmal geht sie quälend langsam voran, manchmal ist etwas viel zu schnell vorbei. Das ist allerdings nicht die Relativität der Zeit. Und wenn Albert Einstein gewitzelt hat, dass Zeit relativ sei, merke man am besten wenn man vergleiche, wie lange eine Minute auf einer heissen Herdplatte dauere und wie lange eine Minute beim Schatz; dann schliesst man doch viel eher daraus, dass sich menschliche Hinterteile unterscheiden...

Als ich nach zwei Stunden auf die Uhr schaute, waren erst zehn Minuten vergangen – das hat erstens für die Einführung des Wörtchens «gefühlt» ins Wörterbuch der deutschen Alltagssprache geführt und zweitens leitet das über zu einem Diktum Albert Einsteins, das besser verbürgt ist als die Herdplatte: «Zeit ist, was man auf der Uhr abliest.»

Von der Sonne zum Atom

Spricht Einstein hier als Physiker oder als Alltagsmensch? Fest steht: «Zeit» ist etwas, was man messen muss. Und «messen» heisst vergleichen. In diesem Fall vergleicht man mit einer Maschine, die Periodizität erzeugt. Das heisst, sie macht immer das Gleiche und wiederholt sich dabei noch. In der Uhr entspannen sich Federn, schwingen Pendel oder surren Elektronen. Alles relativ künstliche Dinge. Und weil das immer genauer sein musste, schaute man am Schluss einem Cäsium-Atom zu.

Jetzt kann man die Sekunde ziemlich genau bestimmen: Sie ist das 9 192 631 770-fache von etwas, was zwischen zwei Zuständen dieses Cäsium-Atoms, stattfindet. Aha.

Ja, stimmt doch. Und 60 solcher Dinger geben eine Minute, nochmals 60 eine Stunde und nach 24 Stunden müssen wir wieder aufstehen, weil ein neuer Tag beginnt.
Tag? Da haben wir wieder eine Periodizität. Es ist noch nicht aller Tage Abend und bisher ist jedem Tag immer noch ein anderer gefolgt. Ein Tag hat also 86 400 Sekunden. Deshalb dauert eine Sekunde den 86 400. Teil eines Tages. Das klingt verrückt, weil wir ja wissen, dass die Tage kürzer und länger werden; und wenn wir es noch ein bisschen besser wissen, wissen wir, dass das mit den Jahreszeiten mit dem Gang der Erde um die Sonne zu tun hat. Und wenn wir es ganz genau wissen, wissen wir, dass das kreuzfalsch ist.

Denn: Der Tag ist anders definiert. Da dreht sich einmal die alte Erde um sich selbst. Das dauert immer ungefähr gleich lang, denn die Nacht gehört zum Tag. Leider aber nur ungefähr. Und so kommen wir jetzt langsam zum Punkt.

Unser Sonnensystem leiert aus

Die Frage: Waschfürziit? (Oder auf Deutsch: Wie viel Uhr ist es denn jetzt?) ist immer eine Frage des Vergleichens. Wir vergleichen irgendwelche Skalen. Eine bestimmen wir zur massgeblichen. Gesellschaftlich ist es ja so, dass ich immer zur Zeit bin, die andern halt jeweils zu spät oder meist zu früh. Diese Skala reicht weit, aber nicht weit genug. Lange haben wir uns damit begnügt, die Skala zu nehmen, welche Sonnenstand und Erdrotation lieferten (eben den Sonnentag). Wir haben einen «mittleren» genommen und durch 86 400 dividiert: Voilà, die Sekunde.

Jetzt zurück zum Ungefähren: Das Sonnensystem eiert ein bisschen und leiert sogar aus. Also wird die Skala ungenau. Natürlich ist sie immer noch sehr genau, aber für manche Zwecke eben nicht mehr genau genug.

Darum griff man zum Cäsium-Atom. Es liefert eine sehr genaue Skala: die internationale Atomzeit (TAI). Weil die Erde aber für uns ein ziemlich ausgezeichneter Beobachtungspunkt ist (besonders wenn wir von ihr aus das Universum betrachten), hat die Skala, welche die Erdrotation liefert, nicht ausgedient. Sie liefert die UT1, die Universal Time. Mithilfe der Atomsekunde hat man die mittlere Erdrotation bestimmt, das ist die UTC-Skala (die koordinierte Weltzeit).

Wir repetieren: Wir haben eine genaue Sekunde genommen und mit ihr ein Phänomen zeitmässig bestimmt, das nicht immer gleich lang dauert (wenn man so genau hinschaut). Oder technisch gesprochen: UTC und UT1 gehen auseinander. Das führt – wiederum für den Alltag gesprochen – dazu, dass die Sonne zur falschen Zeit aufgeht.

Wirtschaft gegen Schaltsekunde

Natürlich geht es erstens um minimale Differenzen und zweitens um ein technisches Problem, von dem der Alltagsmensch nichts merkt. Aber es ist unschön. Und darum gleicht man die Differenz seit 1972, als die TAI eingeführt wurde, immer wieder aus. Man hat abgemacht, dass die beiden Skalen nicht mehr als 0,9 Sekunden auseinander liegen sollten. «Am 1. Juni betrug der Unterschied 0,65 Sekunden», wird Andreas Bauch von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) Braunschweig von Spiegel online zitiert. Also wird Ende Juni wieder korrigiert. Am 1. Juli um 1.59 Uhr 59 wird es zweimal die Sekunde 60 geben. Die Schaltsekunde verlängert das Jahr 2015.

Es wird die 26. Schaltsekunde sein. Also nicht die erste. Trotzdem fürchtet man sie. Denn Computersysteme tun sich mitunter schwer damit. Ältere Leser erinnern sich an den Schauer, der uns am 31. Dezember 1999 ergriff. Denn 99 + 1 gibt nicht 00. Der Millenniumseffekt blieb ziemlich unbemerkt. Wobei es damals nur um das Umschreiben von Software auf vierstellige Jahreszahlen ging. Die Uhr eine Sekunde anhalten, das fällt Computern schwerer. Man muss ihnen von Hand dabei helfen und das kostet. Unternehmen sind deshalb dafür, die Schaltsekunden wieder abzuschaffen. Irgendwann müsste man natürlich wieder eingreifen. Die Frage ist jetzt: Öfter eine kleinere Korrektur oder alle 100 Jahre eine grössere? Und wüsste man dann noch, worum es überhaupt geht?