An der Not war indes nicht nur das Wetter, sondern auch die Politik schuld, betonten Historiker diese Woche an einer Konferenz in Bern. 

Die Abkühlung des Klimas durch die Vulkanasche in der Atmosphäre bescherte der Schweiz im Jahr 1816 um 80 Prozent höhere Niederschläge und um 2 bis 4 Grad kühlere Temperaturen als gewöhnlich. Dies erklärt Renate Auchmann vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern auf Anfrage.

«Das Regenwetter hält an. Es kann nichts wachsen, es ist immer zu kalt», schrieb ein Elsässer Zeitgenosse im Juli 1816. In diesem Monat schneite es mehrfach bis in tiefe Lagen, die Gletscher rückten bis zu 15 Meter pro Jahr vor, und Missernten und Hungersnöte suchten Mitteleuropa und Nordamerika heim.

Am schlimmsten habe es die Ostschweiz getroffen, berichtet der Historiker Daniel Krämer von der Universität Bern anlässlich der Konferenz «Vulkane, Klima und Gesellschaft».

Seit Dienstag diskutieren Klimaforscher und Historiker zum 200. Jahrestag des wohl grössten Vulkanausbruchs der letzten 7000 Jahre in Bern die Auswirkungen der Katastrophe.

Sterben in Appenzell

Viele Ostschweizer Bauern hatten vom Landbau auf die Textilproduktion umgestellt und waren von Weizenimporten aus Süddeutschland abhängig. Diese wurden aus Angst vor Unruhen gestoppt. «Menschen grasten nun mit dem Vieh», schrieb 1817 der Geistliche Ruprecht Zollikofer über die Bewohner von Appenzell Ausserrhoden. Im Innerrhoden starben laut einem Amtskollegen in jenem Jahr rund 10 Prozent der Bevölkerung.

Am Hunger war das Klima indes nicht allein schuld, urteilt Krämer: Die Hungerkrise nach dem «Jahr ohne Sommer» sei eine Konsequenz von Klimastress, strukturellen Gründen, Armut und politischem Versagen. «Die Politik reagierte sehr unterschiedlich auf die Hungerkrise», sagte Krämer zur Nachrichtenagentur SDA.

In der Westschweiz kauften die Kantone Getreide im Ausland ein, um es verbilligt abgeben zu können. Ausserdem griffen sie stärker in den Markt ein als die Kantone in der Ostschweiz. Genf etwa reduzierte im Dezember 1816 die Getreidepreise und erhöhte sie bis zur Ernte im Sommer 1817 nur schrittweise.

Aus diesem Grund stiegen die Preise von 1816 bis Sommer 1817 in Genf «nur» um 220 Prozent. In Rorschach stiegen sie im gleichen Zeitraum um stattliche 587 Prozent. Ein Grund war, dass die Kantone der Ostschweiz vergleichsweise junge und weniger finanzstarke Staatswesen waren. Auch der Strukturwandel in der Textilindustrie sei mit verantwortlich gewesen, sagt Krämer.

«Erdäpfelkrieg» in Genf

Bemerkenswert ist laut dem Historiker ausserdem, dass sich die Kantone gegenseitig sperrten und damit die Zirkulation von Getreide innerhalb der Eidgenossenschaft verhinderten – obwohl der Bundesvertrag von 1815 dies verbat. Trotzdem waren Hungerunruhen im Gegensatz zu anderen Ländern selten – den «Erdäpfelkrieg» in Genf ausgenommen. Er folgte auf Preisaufschläge auf Kartoffeln im Herbst 1817.

Was sich nachhaltig änderte, war die öffentliche Wahrnehmung von Hunger: «Wurde die Armut bislang dem liederlichen Lebenswandel der Betroffenen zugeschrieben, glitten während der Krise immer mehr Personen unverschuldet und trotz Arbeit in die Bedürftigkeit ab», erklärt Krämer.

Die Ereigniskette von 1815 bis 1817 sei der best dokumentierte Fall eines «Jahres ohne Sommer» und folgender Hungersnot, betont Christian Pfister, emeritierter Klimageschichtsprofessor der Uni Bern. Sie zeigt nicht nur die Auswirkungen der Witterung, sondern auch die Reaktionen der Menschen auf – vom Krisenmanagement bis zur Inspiration von Künstlern.

Lebensmittel-Krawalle heute

So schrieb Mary Shelley ihren Schauerroman «Frankenstein» im Sommer 1816 im verregneten Genf, und Maler wie William Turner oder John Constable hielten die grandiosen Abendstimmungen aufgrund der vulkanischen Partikel in der Atmosphäre fest.

Auch heute würde ein vergleichbarer Vulkanausbruch zu einem Preisanstieg der Grundnahrungsmittel führen, meint Krämer. Die Schweiz wäre wohlweniger stark betroffen als Schwellen- und Entwicklungsländer. 2008 führten Preiserhöhungen für Nahrungsmittel in vielen Ländern zu Krawallen und Exportbeschränkungen für Lebensmittel.

Natürlich habe sich seit 1816 einiges geändert – etwa die Reichweite der Märkte und die Vorhersage von Klimafolgen, fügt Stefan Brönnimann vom Oeschger-Zentrum an. «Doch der Ausbruch des Tambora und seine Folgen zeigen, dass wir Erde und Gesellschaft als ganzes System betrachten müssen.» (SDA)