In der Antarktis hat sich ein riesiger Eisberg vom Schelfeis gelöst. Er ist fast so gross wie der Kanton Bern und wird Jahre brauchen, bis er geschmolzen ist. Forscher fürchten, dass nun das Larsen-C-Schelfeis zerfallen könnte.

Jahrelang hatten Forscher den Riss im Schelfeis der Westantarktis beobachtet, der von Monat zu Monat länger wurde. Nun hatte das Warten ein Ende. Irgendwann zwischen Montag und Mittwoch brach die Eismasse vom übrigen Schelfeis ab - es entstand einer der fünf grössten Eisberge, die Forscher in den vergangenen Jahrzehnten registriert haben.

Aus dem All: Der Spalt im Larsen-C-Eisschelf in einem Esa-Video vom April 2017.

Aus dem All: Der Spalt im Larsen-C-Eisschelf in einem Esa-Video vom April 2017.

175 Kilometer lang, bis zu 50 Kilometer breit - an den Bruchkanten geht es stellenweise bis zu 500 Meter in die Tiefe bis zum Meer. Mit einer Fläche von 5800 Quadratkilometern ist er fast so gross wie der Kanton Bern - und doch nur knapp halb so gross wie der bisherige Rekordhalter: B15 - so dessen Name - hatte sich im März 2000 vom Ross-Schelfeis der Antarktis gelöst.

Dem neuen Abbruch hatten Forscher seit Monaten entgegengefiebert, zuletzt hing der Eisberg nur noch an einer schmalen Verbindung. Nach Angaben des britischen Antarktisprojekts "Midas", welche das Larse-C-Schelfeis untersucht, soll der Tafeleisberg den Namen A68 erhalten.

Schweizer Forschung am Eisschelf

Das Larsen-C-Schelfeis steht auch seit Jahren im Fokus Schweizer Polarforscher um Konrad Steffen von der Forschungsanstalt WSL und der ETH Zürich. Sie hatten beispielsweise die Unterseite des Schelfs "geröntgt" und dabei Rinnen entdeckt, die schon auf das künftige Auseinanderbrechen hindeuteten. Seither haben sie diese Schmelzrinnen beobachtet.

"Das Abbrechen von Schelfeis ist ein ganz natürlicher Vorgang", erklärt Steffen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. "Das Eis fliesst langsam Richtung Meer und reisst immer wieder stückchenweise ab." Ungewöhnlich sei jedoch, wie schnell sich der Riss in diesem Fall ausgebreitet habe.

Einmal um die Antarktis herum

"Voraussichtlich wird der Eisberg durch die Meeresströmungen um die Antarktis herum getrieben", so Steffen weiter. Wegen seiner länglichen Form sei es sehr wahrscheinlich, dass der Eisberg auseinanderbreche. Dennoch könne er in Einzelteilen zwei bis vier Jahre überdauern, bis er vollständig geschmolzen sei.

"Der Eisberg befindet sich schon weit im Norden und kommt deshalb bald in wärmeres Gewässer", sagt die Glaziologin Daniela Jansen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, die am "Midas"-Projekt der britischen Universität Swansea beteiligt ist. Sie geht davon aus, dass er sich vor der Inselgruppe Südgeorgien, etwa 1400 Kilometer östlich der argentinischen Küste, vollständig auflösen wird.

Eine Gefahr für Menschen geht von dem Giganten nicht aus. "Er schwimmt in einem sehr abgelegenen Teil der Erde", erläutert die Wissenschaftlerin. "Und einen Eisberg dieser Grösse kann man per Satellit super verfolgen." Schiffe wüssten somit, wo er sich gerade aufhalte.

Kollabiert das Schelfeis komplett?

Jetzt, wo der Eisberg abgebrochen ist, ist er für die Wissenschaftler eigentlich nicht mehr ganz so spannend. "Uns interessiert, wie es an der Kalbungsfront des Larsen-C-Schelfeises weitergeht", betont Jansen.

Schelfeise sind auf dem Meer schwimmende Eisplatten, die von Gletschern gespeist werden und mit ihnen noch verbunden sind. Das Larsen-C-Schelfeis ist das viertgrösste Schelfeis der Antarktis. Es hat eine Fläche von fast 50'000 Quadratkilometern.

Wissenschaftler befürchten, dass sich mit dem Abbruch des Eisbergs die neu entstandene Eiskante durch permanentes Krümeln weiter zurückzieht und das Schelfeis schliesslich in absehbarer Zeit komplett zerfällt.

Diesen Prozess haben Forscher schon mehrfach beobachtet: In den letzten 20 Jahren sind sieben Schelfeise an der Antarktischen Halbinsel zerfallen oder stark zurückgegangen. In der Folge können die Eisströme der Gletscher langsam, aber ungebremst ins Wasser fliessen, was letztlich zur Erhöhung des Meeresspiegels führt.

Langsamer Prozess

Steffen schätzt jedoch, dass es beim Eisschelf Larsen-C deutlich länger dauern dürfte als beispielsweise beim Larsen-B-Schelfeis, das 2002 abbrach und danach relativ schnell kollabierte. "Dort haben Seen auf dem Schelfeis bereits auf die Instabilität hingedeutet. Das sehen wir beim Larsen-C-Schelfeis noch nicht."

Sollten sich mit dem Klimawandel die Meerestemperaturen jedoch weiter erwärmen, sei das Larsen-C-Schelfeis prädestiniert, im Laufe der nächsten 20 Jahre auseinander zu brechen.