Interview
Vermögensforscher: «Reichtum hat einen Einfluss auf unser Gehirn»

Thomas Druyen ist Vermögensforscher und untersucht im Gespräch mit Reichen und Superreichen, wie Geld den Menschen beeinflusst. Wir treffen ihn in Zürich, wo er gerade wegen zwei Forschungsinterviews mit Vermögenden war.

Isabel Strassheim
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Thomas Druyen im Zürcher Hauptbahnhof: Der Professor reist oft in die Schweiz, um Hochvermögende zu befragen. MATHIAS MARX

Thomas Druyen im Zürcher Hauptbahnhof: Der Professor reist oft in die Schweiz, um Hochvermögende zu befragen. MATHIAS MARX

Professor Druyen, Sie sagen, wir wissen wenig bis nichts über die Reichen. Aber jede Boulevardzeitung zeigt ihre Partys oder Villen, und Offshoreleaks hat die Spur ihrer Geldströme offengelegt.

Thomas Druyen: Über die Hochvermögenden weiss man gerade in wissenschaftlicher Hinsicht erschreckend wenig. Meistens aber wird prominent und reich gleichgesetzt, obwohl das nur in seltenen Fällen wirklich zutrifft. In den Zeitungen werden oft Menschen vorgeführt, die als reich inszeniert werden, die aber nicht zu den Superreichen zählen. Da spielen Eitelkeit eine Rolle und das mediale Interesse an Geschichten und an Skandalisierungen. Die Milliardäre findet man aber kaum in den Medien. Selbst Staaten haben nur begrenzte Informationen über ihre Superreichen, sie können ja noch nicht mal die Steuerverpflichtungen richtig einschätzen. Auch in der Schweiz ist Reichtum ein Tabuthema.

Zur Person

Thomas Druyen (55) redet mit Milliardären und Millionären über ihre Überzeugungen und Lebensweise. Er leitet das Institut für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie an der Sigmund- Freud-Privat-Universität Wien.

Im Moment bricht das aber auf, das zeigen die Abzocker-Initiative oder die bevorstehende 1:12-Initiative.

Ein Kennzeichen von Gesprächen über Reichtum aber ist, dass sie alle ideologisch und interessengeleitet sind. Es ist ein Propagandathema. Mich als Vermögensforscher interessiert aber nicht, wie das instrumentalisiert wird, sondern was das Geld mit den Reichen selbst macht.

Sie interessiert, wie Geld einen Menschen formt?

Nach unzähligen Forschungsinterviews mit Menschen, die zwischen 10 Millionen und 40 Milliarden Euro besitzen, haben wir eindeutig festgestellt, dass auch der Charakter den Umgang mit Geld wesentlich bestimmt. Sehr viel Geld bedeutet eine grosse Herausforderung, die den Charakter zu korrumpieren imstande ist. Wer mit viel Geld ethisch handelt, braucht einen starken Charakter und muss sich den Verlockungen des Geldes erwehren können.

Das klingt so, als würde das Geld den Menschen steuern, und nicht der Mensch das Geld.

Reichtum hat einen Einfluss auf das Gehirn. Wenn jemand 30 Jahre mit 500 Millionen umgeht, dann verändern sich auch neuronale Strukturen. Wenn ich mir nie Gedanken machen muss, ob ich mir etwas kaufen kann oder nicht, dann ändert das meinen Zugriff auf die Umgebung. Die mich umgebende Welt erscheint materiell verfügbar und auch die Menschen, denen ich begegne. Das muss nicht so sein, aber die Gefahr ist gross.

Damit meinen Sie nicht nur Korruption?

Korruption ist ein anderes Thema. Bleiben wir beim Individuum: Man kann Ärzte und Anwälte wechseln, wie es einem gefällt. Man kann zum Kindergeburtstag Elton John einfliegen lassen oder beim Kolloquium im eigenen Salon Bill Clinton reden lassen, der 300 000 Dollar kostet. Wer über Jahrzehnte in diesen Dimensionen handelt, dessen persönliche Identität verändert sich. Das Geld wird zum Element der Selbstgestaltung. Wer dann als Superreicher nicht über einen starken Charakter und ein moralisches Grundgerüst verfügt, wird vom Geld manipuliert.

Geld selbst aber befriedigt nicht, egal wie viel man davon hat?

Geld als solches kann kein Wert an und für sich sein, nur durch bestimmte Handlungen entsteht daraus etwas. Dafür braucht es eine Vermögenskultur, wie wir das nennen. Deswegen unterscheiden wir zwischen Reichtum, der sich nur aufs Materielle bezieht und so uferlos werden kann, und Vermögen, mit dem eine Verantwortung fürs Ganze verbunden ist und dem Geld erst seine dienende Bedeutung vermittelt.

Wie zum Beispiel?

Der Reiche wird nur Wert auf das Jahresergebnis legen und für ihn ist Steuervermeidung eine faktisch ernst zu nehmende Möglichkeit. Der Vermögende sieht zwar die Option der legalen Steuervermeidung, verzichtet aber auf sie, weil er sie moralisch für illegitim hält.

Aber nicht nur die Kultur ist relevant, sondern auch die ökonomischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen der Einzelne handeln muss.

Natürlich sind die Umstände immer relevant. Aber der Eigentümer eines privaten Unternehmens kann viel stärker dem eigenen Charakter folgen. Ein angestellter Top-Manager kann zurzeit seinen Aktionären leider kaum vermitteln, dass sie aus humanitären Gründen auf Rendite verzichten sollen. Deshalb sehen wir in unserer Forschung CEOs und Topmanager nicht als Vermögende, auch wenn sie extrem hoch bezahlt sind. Denn sie sind abhängig Handelnde.

Wenn ein CEO für Sie nicht als Vermögender zählt, auch wenn er Millionen verdient, dann geht es Ihnen nicht um Geld, sondern Besitz?

Letztlich geht es um verantwortliches Handeln und den existenziellen Unterschied zwischen Quantität und Qualität. Dies wird für uns alle zur Schicksalsfrage. Die Auswirkungen des eigenen Handelns müssen mehr in Betracht gezogen werden. Uns fehlt eine Konkrethik, die für das Verantwortung übernimmt, was sie auch anstösst.

Und wieso untersuchen Sie nicht die Armut?

Am Ende geht es darum, die Schere zwischen Arm und Reich zu schliessen. Da die armen Bevölkerungen sie nicht selber schliessen können, erforschen wir den Beitrag und die Optionen der Vermögenden. Was es zu Beginn des 21. Jahrhunderts unabdingbar braucht, ist eine Vermögenskultur. Dies betrifft nicht nur die Bereitschaft der Vermögenden, für das Ganze einzutreten, sondern auch für den politischen Willen, dies konkrethisch zu realisieren.

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