Erdbeben

Treten wir in eine neue Ära von Megabeben ein?

Starke Erdbeben werden häufiger.

Starke Erdbeben werden häufiger.

Seit dem Tsunamibeben von 2004 treten Ereignisse mit einer Stärke von mehr als 8 häufiger auf als vorher – eine Herausforderung für die Geophysik

«Eine Katastrophe mit Ansage» – vor fünf Jahren konnte man bereits lesen, dass das nächste schwere Erdbeben in der Nepal-Region «eine Frage der Zeit» sei. Eine solche Prognose zu machen, ist nicht schwer. Der «feste Boden», auf dem wir zu stehen glauben, ist in Wirklichkeit eine unruhige Kruste, die sich ständig bewegt, sich verschiebt, bricht – und sich hin und wieder auftut und glühend heisses Magma aus dem Erdinnern ausstösst.

«Platten» nennen die Geologen die Bruchstücke dieser Erdkruste. Und «Plattentektonik» nennt sich die Wissenschaft, welche untersucht, wie und wohin sich diese «Platten» verschieben. Die Wissenschaft ist relativ jung, seit rund 100 Jahren gibt es Daten.

In der Region von Nepal stossen nun die indisch-australische Platte und die eurasische Platte aufeinander. Mit 4 bis 4,5 Zentimetern im Jahr bewegt sich die indische Platte auf die eurasische Platte zu – geologisch eine Höllengeschwindigkeit. Die tektonische Bewegung «faltet» die Gesteinsschichten regelrecht auf. Der Himalaja «wächst» jedes Jahr um 7 bis 8 Millimeter.

Ähnliches passierte bei uns, allerdings ist der Prozess, der vor rund 130 Millionen Jahren begann, ziemlich zur Ruhe gekommen. Die Alpen «wachsen» nur noch um 1,5 Millimeter im Jahr. Ihren Höhepunkt hatte die Alpenfaltung vor 30 bis 35 Millionen Jahren.

Die Stellen, wo die indische-australische und die eurasische Platte sich treffen, sind seismisch sehr aktiv. Beim Sunda- oder Javagraben schiebt sich die australische Platte unter die eurasische (Subduktion). Dort lässt sich nicht nur gehäufte vulkanische Aktivität beobachten, in den letzten Jahren haben sich dort auch die Stark- und Megabeben gehäuft. Seit dem 26. Dezember 2004, das «Weihnachtsbeben» an der Westküste Sumatras forderte damals 230 000 Menschenleben, waren fünf Megabeben der Stärke 8,5 und höher zu beobachten. Das letzte war das sogenannte Tohoku-Oki-Erdbeben in Japan. Das Beben und der darauf folgende Tsunami töteten nicht nur rund 14 000 Menschen, sondern richteten auch in der Atomanlage von Fukushima grosse Schäden an. Die Rate der wirklich grossen Erdbeben seit 2004 ist um das Zweieinhalbfache höher als der Durchschnitt des letzten Jahrhunderts.

Sumatrabeben kam unerwartet

Das ist auffällig, denn seit Mitte der 60er-Jahre herrschte relative «Ruhe». Zwischen 1950 und 1965 hatte es sieben Megabeben gegeben, darunter das Chilebeben von 1960, mit 9,5 das stärkste je gemessene. Zwischen 1970 und 2000 überschritt kein Erdbeben eine Stärke von 8,5. Statistisch liegt das alles durchaus im Rahmen des Möglichen. Aber die Geologen sind trotzdem beunruhigt. Treten wir in eine Ära von Megabeben ein? Das Sumatrabeben kam unerwartet, man erwartete, dass die Platten dort eher aneinander vorbeiglitten als sich ineinander zu verhaken. Das Beben dauerte aussergewöhnlich lang, die Bruchlinien bewegten sich mehr als siebeneinhalb Minuten.

Geophysiker denken um

Bisher war man davon ausgegangen, dass grosse Beben die Spannungen lösten, die sich aus den Plattenverschiebungen ergeben hatten. Die letzten Ereignisse deuten darauf hin, dass das zu einfach gedacht sein könnte. Relativ «flache» Abschnitte von Platten können trotzdem grosse Tsunamis auslösen, wenn sie auf weichem Untergrund nach vorne schnellen. Und die grossen Megabeben scheinen weiter auszustrahlen, als man bisher angenommen hatte. Sowohl die Länge der Erschütterungen wie auch die neuen Szenarien zwangen die Geophysiker, ihre Modelle zu revidieren. Alles deutet aber darauf hin, dass die Erde eher «unruhiger» ist, als man vorher meinte.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1