Montagsinterview
«Sie sollten sich fragen, ob Ihre Arbeit bald ein Roboter ausführen kann»

Flexibilität ist ein wichtiges Talent, um in der Zukunft zu bestehen. Denn auf uns werden in den nächsten Jahren fundamentale Veränderungen zukommen. Trendforscherin Karin Frick über arbeitslose Bus-Chauffeure und die grosse Chance des Teilens.

Raffael Schuppisser
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In Zukunft werden wir mehr miteinander teilen und ein schwankendes Einkommen haben, sagt Trendforscherin Karin Frick.

In Zukunft werden wir mehr miteinander teilen und ein schwankendes Einkommen haben, sagt Trendforscherin Karin Frick.

Jiri Reiner

Zur Person

Karin Frick (54) ist Forschungsleiterin des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI). Die Ökonomin erforscht und analysiert für den Think-Tank Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Sie befasste sich seit ihrem Studium an der Universität St. Gallen (HSG) in verschiedenen Funktionen mit Zukunftsthemen, gesellschaftlichem Wandel, Innovation und Veränderungen von Menschen und Märkten. Frick ist in Liechtenstein aufgewachsen, Mutter von zwei Söhnen und läuft in ihrer Freizeit Marathons.

Frau Frick, was sollen junge Leute im Jahr 2015 lernen oder studieren, um einmal einen Beruf mit Zukunftsperspektiven ausüben zu können?

Karin Frick: Sie sollten sich fragen, ob die Arbeit, die sie gerne machen würden, in zehn Jahren von einem Roboter oder einer künstlichen Intelligenz ausgeführt werden kann. Falls ja, sollte man seine Wahl noch einmal überdenken.

Angenommen, jemand wollte Bus-Chauffeur werden. Eine gute Wahl?

Es gibt jetzt schon selbststeuernde Autos – zum Beispiel von Google. Auch selbststeuernde Lastwagen sind bereits im Einsatz, die Rohstoffe transportieren. Es geht nicht mehr allzu lange und Busse werden ohne menschliche Chauffeure fahren. Keine gute Wahl also.

Dann doch besser Journalist?

Künstliche Intelligenzen können jetzt schon Texte schreiben. In einigen amerikanischen Online-Medien werden diese Algorithmen genutzt, um Sport- und Finanzberichte zu verfassen. Die künstliche Intelligenz wird sich in den nächsten Jahren exponentiell verbessern. Das wird die Arbeit der Journalisten zwar nicht gänzlich überflüssig machen, aber stark verändern.

Also doch besser Trendforscherin werden wie Sie?

Auch mein Beruf wird sich in den nächsten Jahren fundamental verändern. Selbstlernende technische Systeme werden immer besser darin, Trends vorauszusagen, wenn man sie mit den richtigen Daten speist. Solche Systeme sind noch in den Kinderschuhen, aber sie werden unsere Arbeit teilweise ersetzen.

Dann frage ich anders: Welcher Beruf ist in 20 Jahren sicher noch gefragt?

Unternehmer. Wir werden immer mächtigere Werkzeuge zur Verfügung haben – künstliche Intelligenzen, neue Fertigungstechniken wie 3-D-Drucker, aber auch Kapital, das sich übers Internet durch Crowdfunding generieren lässt. Wirklich nützlich sind diese Tools aber nur, wenn wir kreative Ideen haben, für die wir sie nutzen wollen. Das setzt Unternehmergeist voraus.

Wir werden in der Schweiz aber nicht acht Millionen Unternehmer brauchen können.

Doch, das werden wir. Grossunternehmen sind ein Konstrukt des letzten Jahrhunderts. Neue Ideen und innovative Geschäftsmodelle entstehen aber immer in kleinen Gruppen. Durch 3-D-Drucker wird es auch wieder sinnvoll, die Produktion hierzulande anzusiedeln. Massenprodukte wird es in Zukunft kaum noch geben, dafür individuelle Einzelstücke und Kleinstserien. Grossunternehmen braucht es dafür keine.

Eine gewagte These.

Der Umbruch hat bereits begonnen. Die Zahl der Festangestellten in Grossfirmen schrumpft, und die am schnellsten wachsende Berufsgruppe in Europa besteht aus unabhängigen, selbstständigen Experten. Die wirklich spannenden Unternehmen sind derzeit nicht Google und Apple, sondern Uber und Airbnb. Diese Firmen kommen mit nur sehr wenigen Festangestellten aus. Der grösste Teil der Mitarbeiter sind Freelancer, die bei Uber ihre Fahrdienste oder bei Airbnb ihre Wohnungen anbieten. Es wird eine «Uberisierung» weiterer Branchen sattfinden. In Zukunft wird man kaum mehr eine andere Wahl haben, als zum Unternehmer zu werden, der selber kreativ ist und sich mit anderen Unternehmern vernetzt.

Diese Entwicklung muss Grossunternehmen Angst machen.

Sie müssen sich anpassen. Das tun sie teils schon jetzt. Apple beispielsweise: Der Erfolg des iPhones beruht unter anderem darauf, dass jeder für den App-Store Programme entwickeln kann. Für die besten Applikationen zeichnet nicht Apple verantwortlich, stattdessen stammen sie von Drittentwicklern. Was mit Software jetzt schon geht, wird künftig auch mit physischen Objekten möglich sein, die am 3-D-Drucker hergestellt und über eine Plattform vertrieben werden.

Reich davon werden aber nicht die Entwickler, sondern die Betreiber der Plattformen. Das zeigt das Beispiel Apple.

In einer Zeit, in der freie Unternehmer dominieren, die sich zu Netzwerken zusammenschliessen, werden sich einzelne, zentralisierte Plattformen mit überdimensionierten Gewinnmarchen nicht lange halten können.

Wenn jeder ein Unternehmer ist, wird das unser Leben stark verändern. Wir werden keine Sicherheit mehr haben, was Job und Einkommen anbelangt.

Das haben wir doch schon lange nicht mehr. Vor 30 Jahren machte einer das KV, fand einen Job bei einer Bank und stieg dann kontinuierlich die Karriereleiter hoch. Heute geht das nicht mehr. Wer heute glaubt, er sei bei einer Firma auf Lebzeit angestellt, lebt in einer Illusion.

Aber für Kleinstunternehmer wird das Leben noch ein Stück weniger vorhersehbar.

Absolut. Unser Einkommen wird schwanken. Das fordert die Banken heraus, die heute noch mit linearsteigenden Einkommen ihrer jungen Kunden rechnen. Die Modelle zur Einschätzung der Kreditwürdigkeit müssen neu erfunden werden. Aber auch wir selber werden herausgefordert. Wir müssen uns genauer überlegen, was wir uns leisten können und was nicht. Vielleicht nutzen wir dann in einkommensschwachen Zeiten unsere Habe als Zusatzverdienst – vermieten unsere Wohnung über das Wochenende oder unser Auto, wenn wir es nicht brauchen. Die Sharing-Economy bietet da viele neue Möglichkeiten.

Teilen wird zum neuen Grundsatz?

Ja. Durch Teilen und Mehrfachnutzung wird es möglich, mit viel weniger auszukommen. Das erfordert Flexibilität – ein wichtiges Talent eines jeden Unternehmers.

Statt im Kaufhaus suchen wir in Zukunft also zuerst bei Freunden, was wir brauchen?

Ja genau. Und das wird ganz einfach gehen. In Zukunft werden alle Produkte, die wir neu kaufen, über einen kleinen Chip mit dem Internet verbunden sein. Man spricht auch vom Internet der Dinge. So lässt sich jeder Gegenstand orten. Am Computer können wir also in Zukunft nicht nur nach Informationen und Adressen suchen, sondern auch nach Gegenständen. So sehe ich etwa, was ich im Estrich habe, ohne hinaufzusteigen. Ich kann dann auch einzelne Schränke oder Räume freigeben, sodass auch Freunde oder Fremde in meinem Estrich nach Gegenständen suchen können. Das wird das Teilen enorm erleichtern und das Bedürfnis nach Besitz verringern. Man weiss, dass man innert wenigen Augenblicken Zugriff auf fast alle möglichen Gegenstände hat: Autos, Kleider, Schuhe etc.

Ich möchte aber nicht, dass jeder weiss, welcher Ramsch in meinem Keller herumliegt.

Dann müssen Sie halt ihren Keller nicht freigeben.

Ich weiss auch nicht, ob ich Schuhe tragen möchte, die einen solchen Chip integriert haben. Immerhin weiss dann der Fabrikant, wann ich sie trage, wozu ich sie trage und wo ich bin, wenn ich sie trage.

Dann entfernen Sie den Chip des Herstellers und hängen einen eigenen daran, auf den nur sie Zugriff haben. Vielleicht werden Turnschuhhersteller aber auch smarte Angebote für uns haben, uns beispielsweise die Schuhe billiger geben, wenn wir ihnen erlauben, Daten zu sammeln.

Das heisst, in Zukunft werden wir nicht nur bei Google und Facebook mit unseren Daten bezahlen, sondern auch bei Nike und Adidas?

Das ist denkbar. Es muss den Textilunternehmen aber gelingen, ein Angebot zu entwickeln, von dem sowohl die Kunden als auch die Unternehmen selber profitieren können. Daten über ein einzelnes Paar Schuhe nützen noch nicht viel – da ich nicht immer dieselben trage. Wenn aber viele verschiedene Daten vernetzt werden, kann man interessante Muster ablesen.

Durch solche Vernetzungen wird unsere Privatsphäre weiter ausgehöhlt.

Diese Entwicklung wird stattfinden. Historisch gesehen ist das aber nicht neu. Im Altertum war praktisch alles öffentlich. Ich glaube, dass das Bedürfnis an Privatsphäre abnehmen wird. Gleichzeitig wird aber das Bedürfnis nach Selbstbestimmung bestehen bleiben. Die grosse Herausforderung wird deshalb sein, dass wir die Kontrolle über unsere Daten behalten können.

Wie schaffen wir das?

Ein Ansatz besteht darin, dass unsere Daten nicht mehr zentral auf einem Server gespeichert werden, sondern in Einzelteile zerkleinert und verschlüsselt auf einer Vielzahl von Computern ruhen. Die Hoheit über die Daten behält so der Nutzer, da nur er über den zur Datenauslese nötigen Schlüssel verfügt. Jeder einzelne Nutzer bestimmt dann, wozu seine Daten verwendet werden dürfen.

Das klingt utopisch.

Ich glaube nicht, dass das utopisch ist. Wenn das Bedürfnis nach Kontrolle besteht, dann wird es auch die Kreativität geben, um Lösungen zu entwickeln.

Die letzten sieben Jahre wurden vom Smartphone und dem mobilen Internet geprägt. Welches wird die wichtigste technische Entwicklung der nächsten sieben Jahre sein?

Smart Assistant. Eine künstliche Intelligenz also, die uns im Alltag unterstützt und uns stets mit den Informationen versorgt, die in einem bestimmten Moment für uns wichtig sind. Ein solcher smarter Assistent wird Dutzende von Apps ersetzen beziehungsweise die Bedienung derselben für uns übernehmen. Erste Entwicklungen in diesem Bereich wie Siri oder Google Now sind in ihren Fähigkeiten noch ziemlich beschränkt. Sie werden aber rasch dazulernen.

Wenn uns künftig ein smarter Assistent sagt, was wir tun sollen, besteht die Gefahr, dass wir von der Firma, die ihn entwickelt hat, manipuliert werden.

Es wird verschiedene Anbieter von smarten Assistenten geben. Die Chancen sind sehr gross, dass sich solche durchsetzen werden, die nach dem Open-Source-Prinzip entwickelt werden und nicht von einer einzelnen Firma. Wenn ich heute nach einer Information suche, rufe ich in der Regel nicht eine Firmenwebsite auf, sondern Wikipedia, weil dieses Lexikon einen höheren Grad an Unabhängigkeit bietet. Smarte Assistenten, die nach diesem Prinzip funktionieren, werden vertrauenswürdiger sein.

Wie werden wir mit den smarten Assistenten interagieren?

Per Touch mit dem Smartphone, per Sprachsteuerung mit der Smartwatch oder der Datenbrille. Es wird verschiedene Lösungen geben. Da ein smarter Assistent uns im Idealfall mit den gewünschten Informationen versorgt, bevor wir ihn danach fragen, wird kein grosser Bildschirm nötig sein, um ihn zu bedienen.

Das klingt alles spannend. Doch wie kann man überhaupt die Zukunft voraussagen?

Die Zukunft fällt nicht einfach so vom Himmel. Sie kündigt sich an, in Ideen von Künstlern und Science-Fiction-Autoren. Dann werden diese Ideen von der Gesellschaft aufgenommen, Forscher und Ingenieure begegnen ihnen und versuchen sie zu verwirklichen. Wir suchen die radikalsten Ideen, schauen, wie schwierig es ist sie umzusetzen und wie kritisch oder begeistert die Gesellschaft ihnen gegenübersteht. So versuchen wir abzuschätzen, was auf uns zukommt.

Ein berühmtes Zitat des Zukunftsforschers Roy Amara lautete: «Wir neigen dazu, die Wirkung einer Technologie kurzfristig zu überschätzen und langfristig zu unterschätzen.» Passiert Ihnen das auch?

Das ist quasi das Grundgesetz der Zukunftsforschung. Am Anfang glaubt man, eine neue Entwicklung werde alles komplett umstellen, dann merkt man, dass sie doch nicht so toll ist, wie man zunächst glaubte. Das Interesse nimmt wieder ab, doch die Technologie entwickelt sich weiter und plötzlich hebt sie ab und ist nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Das war mit der Digitalfotografie und mit dem E-Shopping so und wird auch mit den 3-D-Druckern und den Smart Assistants so sein. Wir versuchen, dieses Muster in unsere Prognosen mit einzubeziehen. Mal gelingt das besser, mal schlechter.

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