Elon Musk strahlt. Dass seine Vision so schnell so konkret werden würde, das hatte wohl selbst er nicht erwartet – geschweige denn seine Kritiker. Als er vor vier Jahren seinen Plan vom Transportsystem der Zukunft skizzierte, den Hyperloop, war das für viele nämlich nicht mehr als ein Fiebertraum auf 57 Seiten. Die luftleere Röhre, in welcher bemannte Kapseln mit bis zu 1200 Stundenkilometern und ohne Luftwiderstand hin und her rasen, schien zu diesem Zeitpunkt in weiter Ferne. Das hat sich unterdessen geändert. Am vergangenen Sonntag stand der Gründer von Tesla und SpaceX neben einer 1,4 Kilometer langen Vakuum-Röhre im kalifornischen Hawthorne und sprach zu jenen Studenten und Ingenieuren, welche für ihn die Prototypen der dazupassenden Hightech-Kapseln entwickelt hatten. Hunderte Teams hatten sich mit einem digitalen Entwurf für den Hyperloop-Wettbewerb von Elon Musk beworben, die 30 besten traten am Sonntag in einem Rennen gegeneinander an. Es war der erste Test eines funktionierenden Hyperloops überhaupt. Der vermeintliche Fiebertraum wurde damit zwar noch nicht Realität, aber zumindest greifbar.

«Es ist eigentlich schon recht beeindruckend, das alles in Aktion zu sehen», sagte Musk in seiner gewohnt introvertierten, leicht verlegenen Art. Bei der Veranstaltung hielt er sich noch mit den für ihn so typischen utopischen Versprechen zurück – schliesslich weiss er, dass sich diese Technologie noch ganz am Anfang befindet: Die Teströhre ist derzeit erst halb so breit wie der von Musk beschriebene Hyperloop, die Prototypen fliegen nur mit rund 100 Stundenkilometern, sind gleichzeitig auch noch weit davon entfernt, tatsächlich Menschen zu transportieren. Momentan geht es vor allem darum, die richtige Technologie für dieses revolutionäre System zu finden. Dereinst soll der Hyperloop nämlich schneller sein als der Zug, billiger als das Flugzeug, dazu dank Solarkraft klimaneutral und – falls unter der Erde gebaut – komplett unsichtbar. Die Vision von Elon Musk ist ein Potpourri aus Rohrpost, Hochgeschwindigkeitszug und Bobbahn, gewürzt mit viel Hightech und einer ordentlichen Prise Science Fiction.

MIT Hyperloop test 29 January 2017

Hyperloop Test

 

«Die Kindheitsträume ausleben»

Vor zwei Jahren lancierte Elon Musk einen Wettbewerb für den Bau eines Kapsel-Prototyps; selber habe er dafür leider viel zu wenig Zeit, betont er immer wieder. Mit diesem Aufruf richtete er sich primär an Universitäten, reagiert hat aber auch das Internet: «Hey, hat jemand Lust, da mitzumachen», las man schon kurze Zeit nach der Ankündigung auf Reddit, einem der bekanntesten Internetforen überhaupt. Hier tummeln sich junge Hobby-Tüftler, Studenten und Computer-Freaks. Es waren jene Geeks, welche einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag im Internet innerhalb von 18 Monaten in eine funktionstüchtige, orange Hyperloop-Kapsel verwandelten – ausgestattet mit modernster Technik und unzähligen Sensoren.

Der rPod, wie sie ihren Prototyp heute nennen, trat am Wochenende gegen die Eliteuniversitäten dieser Welt an; entwickelt wurde er fast ausschliesslich über das Internet. Insgesamt waren rund 140 Hobby-Tüftler aus der ganzen Welt am Projekt beteiligt – alle mit unterschiedlichem Fachwissen und kulturellem Hintergrund. In riesigen Gruppenchats habe man jeweils nach dem optimalen Antrieb und den besten Batterien gesucht, erzählt Brent Lessard, Leiter des Reddit-Teams. Der Hyperloop-Wettbewerb hat sich für ihn und seine Kollegen innerhalb des letzten Jahres zum zentralen Bestandteil ihres Lebens entwickelt. Selber habe er jede Woche neben seinem normalen Job auch noch rund 30 Stunden ehrenamtliche Arbeit in den rPod investiert, erzählt Lessard: «Früher wollte ich immer die Welt verändern, heute sitze ich jeden Tag im Büro, ohne wirklich viel zu bewirken. Dieses Projekt bietet für mich und meine Kollegen die einmalige Chance, unsere Kindheitsträume doch noch auszuleben. Nach Feierabend mal ein bisschen Elon Musk sein, mal ein bisschen vom ganz Grossen träumen.»

Die Crowd für die Krone

Erst sechs Monate nach dem Projektstart trafen sich zwei Mitglieder des Reddit-Teams zum ersten Mal persönlich – damals war die Kapsel bereits fertig geplant, designt und berechnet. Als das Team dann bei der ersten Qualifikationsrunde vor einem Jahr unter die 30 Finalisten gewählt wurde, war das gleichzeitig eine grosse Genugtuung und ein riesiger Schock: Jetzt mussten sie die futuristische Kapsel, die sie in Hunderten Arbeitsstunden erdacht hatten, auch tatsächlich bauen. Und zu den Problemen mit der Logistik und mit den Zeitzonen kam auch noch das Problem mit dem Geld: Im Gegensatz zu allen anderen qualifizierten Teams hatten die Geeks von Reddit nämlich keine Universität im Hintergrund, welche die teure Entwicklung finanziell unterstützte. Ermöglicht haben sie sich den Traum des Prototyps deshalb mithilfe eines Crowdfunding-Projekts, bei dem fast 65 000 Dollar gesammelt wurden. Nach unzähligen Arbeitsstunden wurde die Kapsel schliesslich im kalifornischen Silicon Valley von rund einem Dutzend der 140 Mitglieder gebaut – begleitet von einem ständigen Livestream. Obdach gefunden haben sie übrigens bei der Schweizer Firma TE Connectivity, welche ihren Hauptsitz in Schaffhausen hat.

Das enorme Engagement hat sich gelohnt: Der rPod wurde am vergangenen Wochenende zwar nicht als schnellster, sicherster oder als gesamthaft bester Prototyp ausgezeichnet – diese Awards gingen nach München, ins niederländische Delft und an die amerikanische Elite-Universität MIT. Jedoch konnte das Reddit-Kollektiv die Auszeichnung für das innovativste Produkt entgegennehmen. Und auch Elon Musk zeigte sich absolut begeistert, als er die orange Kapsel, umringt von Hunderten Fans, genauer inspizierte. Es ist eine Machtdemonstration des Crowdsourcing; das Internet als Katalysator für technologische Innovation. Es ist aber vor allem auch ein wichtiger Schritt zur Umsetzung des Hyperloops. Denn obwohl vergangenes Wochenende erste Erfolge des ambitionierten Projekts sichtbar waren, ist es noch ein weiter Weg bis zu einer konkreten Anwendung. Im Moment ist der Hyperloop noch näher an der reinen Vision als an der tatsächlichen Revolution.