Er war der erste und bislang einzige Schweizer im All: Claude Nicollier (73) nahm an vier Missionen mit den US Space Shuttle teil, darunter zwei Wartungsmissionen zum Hubble-Weltraumteleskop. Heute präsidiert er den Verwaltungsrat des Schweizer Zentrums für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM).

Herr Nicollier, waren Sie von Weltraumschutt betroffen auf ihren Missionen?

Claude Nicollier: Wir mussten einige Male ein Ausweichmanöver durchführen. Wobei man sich das nicht vorstellen darf, als würde im letzten Moment einer ein Steuerrad herumreissen. Sondern wir wurden frühzeitig gewarnt, vielleicht ein oder zwei Tage im Voraus, ein Stück Weltraumschutt würde uns zu nahe kommen. Wir wechselten dann in einen leicht anderen Orbit (Umlaufbahn; Anm. d. Red.), um die Distanz zu diesem Schutt zu vergrössern.

Wer hat Sie gewarnt?

Die Amerikaner haben eine Datenbank angelegt, mit der sie rund 20 000 Stücke von Schutt verfolgen: Wo sich ein solches Stück aktuell befindet, wo es in Zukunft sein wird. Alles wird erfasst, was 10 Zentimeter und grösser ist. Allerdings hat es viele kleinere Stücke, die in dieser Datenbank nicht enthalten sind.

Was wäre passiert, wären Sie nicht ausgewichen?

Schon ein 10 Zentimeter grosses Stück kann einen signifikanten Schaden anrichten, das kann fatal sein. In unserem Fall wäre der Aufprall aller Wahrscheinlichkeit nach auch fatal gewesen, für das Raumfahrzeug wie für die Crew. Das hat etwa die US-Raumfähre Columbia gezeigt, die 2003 verunglückte (ein kleines Stück abgefallener Isolierschaum schlug ein Loch in die Vorderkante des linken Flügels. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überhitzte der Flügel und brach auseinander; Anm. d. Red.)

Um die Erde kreisendem Schutt kann man wenigstens ausweichen.

Ja, aber Satelliten können das nicht. Oder ein anderes Beispiel: Als ich 1993 am Raumteleskop Hubble arbeiten musste, entdeckte ich Schäden durch Weltraum-Schrott. Ein etwa 5 Zentimeter grosses Loch an einer von zwei Kommunikationsantennen.

Sind Weltraum-Trümmer heute eine grössere Gefahr als zu Ihrer Zeit?

Die Gefahr eines Aufpralls ist heute grösser. Zwar hat jedes dieser Teile eine endliche Lebenszeit. Es kommt allmählich auf die Erde herunter: je tiefer es ist, desto schneller. Die allermeisten Teile verglühen dann beim Eintritt in die Erdatmosphäre. Dennoch nimmt die Zahl der Schutt-Teile laufend zu. Zum Glück treffen heute mehr Raumfahrtbehörden dagegen Massnahmen.

Zum Beispiel?

Verschiedene Behörden haben sich verpflichtet, dass sie jeden Satelliten nicht später als 25 Jahre nach Ablauf seiner Lebenszeit aus seinem Orbit herausnehmen. Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA hat so ein Programm, die amerikanische Nasa auch. Die Schweiz will den Swisscube nach Ablauf seiner Lebenszeit aus seiner Umlaufbahn entfernen.

Swisscube war der erste in der Schweiz gebaute Satellit.

Ja, und die Eidgenössische Technische Hochschule in Lausanne (EPFL) hat ein Programm gestartet, Cleanspace One. Mit einem eigens dafür entwickelten Satelliten werden neue Technologien getestet, die verbrauchte Satelliten oder Weltraumschrott entfernen sollen. Am Swisscube sollen diese Technologien getestet werden.

Die Schweiz geht mit gutem Beispiel voran?

Ja, wir wollen an dieser Reinigung des Weltraums in Erdnähe beteiligt sein. Am Anfang werden wir uns nur um unseren eigenen Satelliten kümmern. Die globale Aufgabe ist aber enorm. Die Amerikaner und andere Nationen haben Tausende nicht mehr funktionierende Satelliten!

Sie als ehemaliger Astronaut nehmen es wohl persönlich, wenn banaler Schrott die Erhabenheit des Weltalls stört.

Nein, das Weltall wird ja nicht zur Müllhalde, das wäre das falsche Bild. Wenn man aus einer Raumfähre schaut, so ist das Weltall noch immer extrem pur, extrem gross. Man muss das Problem des Weltraumschrotts richtig einordnen. Bis heute hat zum Beispiel die Internationale Raumstation keinen grossen Schaden erlitten, kein Astronaut wurde je verletzt. Aber die Menge an Schutt nimmt derzeit stetig zu. Es ist ein wenig wie mit der Erderwärmung: Ergreifen wir früh genug die richtigen Massnahmen, haben wir die Chance, erfolgreich zu sein.

Aber jedes Land lässt doch lieber seinen eigenen Schutt im All und überlässt die Kosten den anderen.

Es gilt sicherlich einige Fragen zu klären. Die Rechtsspezialisten für das Weltall werden viel zu tun bekommen. Verheerend wäre es, wenn eine Nation bei einer Aufräumaktion versehentlich einen Satelliten einer anderen Nation beschädigt. Vor allem militärische Satelliten sind heikel. Die Amerikaner geben heute schon zu verstehen: Kommt bloss nicht in die Nähe unserer Satelliten.

Also sind die politischen, rechtlichen und finanziellen Fragen noch schwieriger als die technischen.

Ich glaube, dass es eine menschliche Weisheit gibt. Sind die Menschen mit grossen Gefahren konfrontiert, denken sie an die ganze Welt, nicht nur an sich. Die Menschen sind dazu fähig.

Haben Sie Beispiele?

Es gibt viele. Der Antarktis-Vertrag etwa, der den Abbau von Ressourcen verbietet und die Nutzung für militärische Zwecke. Oder der Kampf gegen die Ausdünnung der Ozonschicht.

Sie präsidieren den Verwaltungsrat des CSEM, wo die gesamte Schweizer Uhrenindustrie vertreten ist. Wie kamen Sie als ehemaliger Astronaut dazu?

Nicolas George Hayek hatte mich angefragt (der verstorbene CEO der Swatch Group; Anm. d. Red.). Ich habe sofort zugesagt. Zeitmessung und die praktische Anwendung hochstehender Technologie haben mich immer begeistert.

Warum?

Präzise Zeitmessung ist im Weltraum ein zentraler Parameter. Nehmen Sie das GPS, ein globales System von Satelliten zur Positionsbestimmung. Im Kern ist das ein glorioses Projekt der präzisen Messung und Aufzeichnung von Zeit. Natürlich hat die Schweiz da sehr viel einzubringen. Als die Europäer ihr eigenes GPS aufsetzen wollten, Galileo, suchten sie eine äusserst präzise Form der Zeitmessung. Sie fanden diese in Neuenburg, in den Atomuhren des Unternehmen Spectratime.

Was hat die Schweiz sonst zu bieten in der Raumfahrt?

Sehr viel. Die Schweiz ist eine Raumfahrer-Nation. Zugegeben eine kleine. Aber wir werden von der ESA sehr geschätzt für unsere Technologie und unsere Zuverlässigkeit. Insbesondere die führenden Mitglieder – Deutschland, Frankreich, Italien – sind sehr zufrieden mit unserem Beitrag.