Raumfahrt
Requiem für eine Raumsonde: «Cassini» erwartet den Todeskuss des Saturn

Heute wird die Cassini-Sonde in der Atmosphäre Saturns verglühen. Ihre Zerstörung dient der Wissenschaft.

Niklaus Salzmann
Drucken
Teilen
Die Raumsonde Cassini drang in Regionen um den Planeten Saturn vor, in denen kein Raumgefährt zuvor gewesen war.

Die Raumsonde Cassini drang in Regionen um den Planeten Saturn vor, in denen kein Raumgefährt zuvor gewesen war.

NASA/JPL.

Das letzte Lebenszeichen der Raumsonde Cassini wird die Erde Freitag Nachmittag um 13.54 Uhr erreichen. Die Sonde selber verglüht 83 Minuten früher in der Atmosphäre Saturns — so lange benötigen die Signale, um mit Lichtgeschwindigkeit zur Erde zu gelangen. Es ist das geplante Ende einer grossen Mission.

Zwanzig Jahre lang raste die Sonde im Auftrag der Raumfahrtbehörden der Vereinigten Staaten (Nasa), Europas (Esa) und Italiens (Asi) durchs All und belieferte die Erde mit Hunderten Gigabytes an Bildern und sonstigen Daten von Saturn und dessen Monden. Bis sich die Nasa entschied, Cassini auf Saturn stürzen zu lassen — ein finales Manöver im Namen der Wissenschaft. Mit den letzten Treibstoffresten steuerte die Sonde nochmals in die Nähe Titans, des grössten Saturnmondes, den wir dank Cassini inzwischen recht gut kennen. Die Anziehungskraft des Mondes reichte, um die Flugbahn der Raumsonde so weit abzulenken, dass sie auf spiralförmigen Kurs in Richtung Saturn geriet.

Bis zum letzten Moment soll die Cassini-Sonde von ihren Beobachtungen berichten. Besonders ganz am Ende beim Eintritt in die Atmosphäre — eine, vielleicht zwei Minuten lang werde die Sonde dann ihre Antenne noch in Richtung Erde ausgerichtet halten können, schätzen die Nasa-Wissenschafter. In dieser Zeit soll sie Messungen der Temperaturen, des Magnetfelds und insbesondere die Daten eines Spektrometers, aus denen die Physiker auf die Zusammensetzung der Saturnatmosphäre schliessen wollen, zur Erde übermitteln. Dann verliert die Sonde den Kontakt zur Erde, beginnt wild herumzuschleudern, zerbricht und verglüht wie ein Meteorit.

Nach ihrem Ende wird die Cassini-Sonde die Wissenschaft aber noch einige Jahre beschäftigen. Es bleiben riesige Datenmengen auszuwerten. Aus den Messungen der Schlussphase wollen die Forscher zum Beispiel die Frage zu klären, wie lange ein Tag auf dem Saturn dauert. Denn frühere Messungen gaben ihnen Rätsel auf: Scheinbar dauert es manchmal 10,6 Stunden, andere Male aber 10,8 Stunden, bis der Planet sich einmal um seine Achse gedreht hat. Das ist, als würde ein Tag auf Erde mal eine halbe Stunde länger, manchmal eine halbe Stunde kürzer dauern.

Landung auf fremdem Mond

Doch nicht nur Saturn selber interessiert die Forscher. Cassini trug eine kleinere Sonde namens Huygens bei sich. Im Dezember 2004 trennte sich Huygens von Cassini — der Abkoppelungsmechanismus, gebaut von der Schweizer Firma Contraves Space, funktionierte einwandfrei. Drei Wochen später landete die Huygens-Sonde auf Titan, dem grössten Saturnmond. Es war die erste Landung auf einem fremden Mond in der Geschichte der Menschheit.

Die Oberfläche Titans gleicht auf den ersten Blick derjenigen der Erde. Es gibt Flüsse, Seen, Meere — allerdings mit flüssigem Methan und Ethan statt Wasser. Dagegen bestehen die Schluchten und Dünen aus Eis, das bei den dort herrschenden unvorstellbar tiefen Temperaturen steinhart ist. Eine Stunde und zehn Minuten lang sendete die Huygens-Sonde von der Oberfläche des Saturnmondes aus Daten. Das war länger als erwartet und reichte, um die Wissenschafter ins Schwärmen geraten zu lassen. Unter anderem hatte die Sonde Hinweise auf einen See mit flüssigem Wasser unter dem Eis gefunden.

Was die Frage aufwarf: Könnte es auf Titan Leben oder zumindest Vorstufen davon geben? Grössere Chancen auf ausserirdisches Leben sehen die Wissenschafter aber auf einem viel kleineren Saturnmond. Er heisst Enceladus, und dank Cassinis Beobachtungen ist sich die Nasa ziemlich sicher, dass dort nebst flüssigem Wasser auch die chemische Energie vorhanden ist, die bei Abwesenheit von Sonnenlicht als Voraussetzung für das Entstehen von Leben gilt.

Diese Erkenntnisse tragen dazu bei, dass die Cassini-Mission als voller Erfolg gefeiert wird. «Es war eine der ehrgeizigsten Missionen, die je ins All gestartet sind», sagt Kamlesh Brocard, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Raumfahrt im Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation in Bern. Und sie sieht auch ganz praktischen Nutzen für die Menschheit. «Wir können damit rechnen, dass die meisten dafür entwickelten Technologien in verschiedenen Bereichen zur Anwendung kommen, von der Medizin über Automobile bis hin zur Unterhaltungsindustrie.»

Irdische Mikroben müssen weg

Sieben Jahre hatte die Reise zu Saturn gedauert, 13 Jahre lang erforschte Cassini dann den Planeten. In den letzten Monaten wagte sich die Nasa mit der bereits todgeweihten Sonde näher heran als je zuvor: Cassini tauchte zwischen dem Planeten und dessen Ringen durch, nur ein paar Tausend Kilometer über den Saturnwolken. Der Ehrgeiz, diese inneren Regionen und sogar die Atmosphäre zu erkunden, gaben den Ausschlag für den Entscheid, Cassini abstürzen zu lassen. Stattdessen hätte die Sonde weiter kreisen können. Mangels Treibstoff wäre sie aber nicht mehr steuerbar gewesen und möglicherweise eines Tages mit dem Mond Enceladus kollidiert. Dabei hätten irdische Mikroben auf den Mond gelangen können. Das hätte den Erfolg künftiger Missionen gefährdet – denn eines Tages möchten die Weltraumforscher klären, ob Enceladus bereits von Mikroben besiedelt ist. Mit dem Absturz opfert sich Cassini also, um den Weg für die nächste Saturn-Mission frei zu machen.

Aktuelle Nachrichten