Die neue Operationsmethode scheint geradezu mirakulös: Künftig können vielleicht Tumore aus dem Hirn entfernt werden, ohne dass der Schädel zersägt oder auch nur ein Schnitt mit dem Skalpell gesetzt werden muss.

Und ohne dass der Patient eine Narkose benötigt. «Fokussierter Ultraschall» heisst die schnittfreie Methode, die Javier Fandino soeben weltweit zum ersten Mal an einem Patienten mit Hirntumor durchgeführt hat.

Fandino ist Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik des Kantons Aargau am Aarauer Kantonsspital (KSA), und am 4. März behandelte er seinen ersten Patienten mit dieser Methode: einen 64-jährigen Mann aus San Francisco (Kalifornien) mit einem Glioblastom, einem bösartigen Hirntumor.

Das Schweizer Forschungsprojekt ist in den USA bereits besser bekannt als hierzulande. Der Patient hatte sich spontan als «Versuchskaninchen» gemeldet.

«Die Ethikkommission hat alles abgesegnet», sagt Fandino. «Der Patient erhält alle anderen Standardtherapien, und der Eingriff ist vorerst einmal eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit.»

Vor dem Eingriff erhielt der Patient einzig ein leichtes Beruhigungsmittel. Sein Kopf wurde in eine Schale mit zirkulierendem Wasser gelegt, was einerseits kühlend wirkt und andererseits erst möglich macht, dass sich die Ultraschallwellen verbreiten. Danach fixierte das Operationsteam den Schädel sehr gut, bevor es den Patienten auf seiner Liege in den Magnetresonanz-Tomografen fahren liess.

Vorderhand werden die schnittfreien Operationen am Kinderspital Zürich durchgeführt, in Zusammenarbeit mit Ernst Martin vom dortigen Zentrum für MR-Forschung.

«Das erforderliche Magnetresonanz-Gerät steht im Keller des Kinderspitals Zürich», erklärt Fandino. Und dieses Gerät ist ein wichtiger Teil der Behandlung: Während des Eingriffs liefert es alle drei Sekunden ein Bild, sodass der Neurochirurg genau sieht, an welcher Stelle im Gehirn er sich befindet.

Sobald Javier Fandino den Tumor anhand von MR-Zielpunkten ganz exakt angezielt hat, kann er anfangen, ihn mit gebündelten Schallwellen zu «beschiessen».

Dabei wendet er eine Technik an, die Magnetresonanztomografie und Ultraschall miteinander zu einem hochwirksamen Strahl kombiniert. «Durch die sogenannte Sonifikation erhitzt sich das angezielte Gewebe auf ungefähr 60 Grad Celsius, und dadurch werden die Tumorzellen getötet», sagt der Neurochirurg.

Ganz korrekt heisst diese Operationsart «MRgFUS», magnetresonanz-gesteuerter, fokussierter Ultraschall, und sie wird bereits beim Operieren von Tumoren in der Gebärmutter, der Leber, der Brust und dem Knochenmark eingesetzt.

In einer klinischen Studie wollen nun das Aarauer Team, die Neurochirurgen Javier Fandino und Daniel Coluccia, und das Zürcher Team, MR-Spezialist Ernst Martin und Physiker Beat Werner, gemeinsam herausfinden, ob die Behandlung auch für bösartige Hirntumore und Hirnmetastasen anwendbar ist. Und vor allem: Wie sicher sie ist.

In einer ersten Phase wollen sie jetzt einmal zehn Patienten so operieren. «Momentan suchen wir noch geeignete Patienten», sagt Javier Fandino.

«Geeignet» heisst, sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein, ihr Tumor darf ein Volumen von höchstens 14 Kubikzentimetern haben, muss solid sein und in der Mitte des Gehirns liegen. Für die Behandlung von Tumoren am Rand des Gehirns müssen die Maschinen zuerst noch weiterentwickelt werden.

Suche nach Patienten

Fandino hofft, bald genügend Patienten zu finden: «Wir müssen so rasch wie möglich die Wirksamkeit herausfinden, damit wir mit der richtigen Studie beginnen können.» Erst wenn sich die erhofften Erfolge bestätigen, wird diese Therapie dereinst auch von Krankenkassen anerkannt werden.

Aber schon die erste Testoperation deutet auf grossartige Möglichkeiten hin. «Mit dieser Methode sehen wir schon während des Eingriffs, ob wir alles kranke Gewebe erreichen, aber auch, welche Nebenwirkungen zu erwarten sind», sagt Fandino.

Ausserdem war der amerikanische Patient während der ganzen Operation ansprechbar und trug kein Risiko für allfällige Narkosezwischenfälle. «Zwischendurch machten wir sogar eine kleine Pause, in der wir den Patienten aus der Röhre herausfuhren, und mit ihm redeten.» Der Mann habe vom ganzen Eingriff absolut nichts gespürt, ausser dass er ein wenig unbequem liegen musste. Nach der Pause verschwand er wieder im Magnetresonanztomografen, und Fandino nahm einen weiteren Teil des Tumors ins Visier. «Vorerst haben wir erst einen Teil zerstört», sagt er.

Inzwischen ist der Patient wohlauf und bereits wieder nach San Francisco zurückgeflogen. In zwei Wochen soll ein neuer Hirnscan zeigen, wie erfolgreich der Eingriff verlaufen ist. Allenfalls fliegt er dann noch einmal in die Schweiz, um sich einen weiteren Teil des Tumors entfernen zu lassen. «Das ist problemlos möglich», sagt Fandino. Die Behandlung, glaubt er, könnte ein wichtiger Schritt in der Behandlung von bösartigen Hirntumoren und Metastasen sein. «Diese Methode bietet ganz neue revolutionäre Möglichkeiten.»