Mobilfunk

Natelantennen am Limit: Was eine Erhöhung der Strahlengrenze bedeuten würde

Um mit dem riesigen Datenvolumen klarzukommen, sollen Handyantennen bald stärker strahlen dürfenFRANK AUGSTEIN/Keystone

Um mit dem riesigen Datenvolumen klarzukommen, sollen Handyantennen bald stärker strahlen dürfenFRANK AUGSTEIN/Keystone

Heute behandelt der Nationalrat die Strahlungsbeschränkung von Mobilfunkantennen. Wie schädlich die Strahlen wirklich sind und weitere Antworten auf drängende Fragen.

Wir surfen im Netz, überall, immer mehr. Beim Warten auf den Zug, vor dem Rotlicht, beim Spazieren mit dem Hund. Die Datenvolumen, die wir dabei übermitteln, werden immer grösser. Fast die Hälfte aller Schweizer Mobilfunkantennen erreicht deswegen schon die geltenden Strahlungsgrenzen.

Deshalb sollen die Strahlungsgrenzen gelockert werden. Das will eine Motion der parlamentarischen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen, welche heute im Nationalrat behandelt wird. Auch der Bundesrat ist dafür. Die heftige Diskussion um die möglicherweise schädliche Wirkung von Mobilfunkstrahlung von der Jahrtausendwende ist damit zurück. Ein paar neue Antworten auf wieder aufgetauchte Fragen.

1. Warum soll die Strahlungsbeschränkung gelockert werden? 

Die meisten Bewohner der Schweiz nutzen ihr Smartphone immer intensiver. Im Jahr 2013 beispielsweise hat sich das Datenvolumen gegenüber dem Vorjahr verdoppelt und ist gegenüber dem Jahr 2010 sogar sechsmal so hoch. Um diesen Datenverkehr zu bewältigen, muss das Mobilfunknetz permanent ausgebaut werden. Laut Mobilfunkbetreibern erreichen heute bereits 6000 von schweizweit total rund 15 000 Standorten die geltenden Anlagegrenzwerte.

2. Könnte man nicht auch ein grösseres Netz mit mehr Antennen schaffen, die aber nicht stärker strahlen?

Das ist möglich. Dann müssten die Grenzwerte nicht angehoben werden. Generell führen möglichst kurze Abstände zu den Antennen zu einer geringeren Strahlenbelastung, da die Antennen ein kleineres Gebiet erreichen und deshalb mit weniger Leistung senden müssen. Viel wichtiger ist aber die Auswirkung auf das Mobiltelefon: Dieses strahlt umso schwächer, je näher eine Antenne beim Mobilgerät steht. Ein dichteres Mobilfunknetz würde also nicht nur mehr Datenverkehr ermöglichen, es wäre auch aus gesundheitlichen Aspekten besser. Es gibt deswegen Ideen, kleine Antennen innerhalb von Gebäuden zu platzieren. Denn auch je mehr Hindernisse zwischen Gerät und Antenne stehen, desto stärker muss das Handy senden.

3. Wie viele neue Antennen müssten denn gebaut werden?

Das ist nicht genau beziffert. Die Rede ist von «Tausenden zusätzlichen Sendeanlagen».

4. Welche Strahlenbelastung ist höher, jene durch die Antenne oder durchs Handy?

Telefoniert jemand mit dem Handy am Ohr, ist auf jeden Fall diese Belastung höher als jene durch den Sendemasten. Laut Bundesamt für Umwelt (Bafu) kann der Unterschied bis zum 10 000-Fachen betragen. Auch eine Studie des Tropen- und Public Health Institut der Universität Basel kam kürzlich zum Schluss, dass die durchschnittliche Strahlenbelastung eines Schweizers zu 90 Prozent oder mehr vom Gebrauch der eigenen Mobilgeräte stammt. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Strahlung mit der Distanz exponentiell ab- bzw. zunimmt. Dicht am Ohr ist sie deshalb am grössten. Es ist aber nicht klar, wie lange oder stark die Strahlung sein muss, damit sie schädliche Folgen hat.

5. Wenn die Antennen dichter stehen, gibt es aber mehr Strahlung, oder?

Beim Telefonieren mit dem Handy gäbe es dadurch eben weniger Strahlung. Natürlich würden dann mehr Leute in der Nähe von Antennen wohnen. Aber alle Anwohner würden profitieren, wenn die Grenzwerte dadurch nicht erhöht werden müssten. Direkte Anwohner gibt es heute schon viele, dies zeigt die Karte des Bundesamtes für Kommunikation.

6. Warum baut man dann nicht einfach das Netz aus?

Die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen befürchtet, dass der Ausbau zu langsam geschehen könnte, weil gegen jede geplante Antenne Einsprache erhoben werden kann. Die Kommission warnt vor «empfindlichen Einbussen bei der Versorgungsqualität in der Schweiz». Auch der Bundesrat warnt in seinem Bericht «Zukunftstaugliche Mobilfunknetze»: Die Strahlungsbeschränkung bzw. die Baubewilligungsverfahren könnten zu höheren Kosten führen und die rasche Einführung neuer, effizienter Technologien verzögern.

7. Welche Effekte hat die Mobilfunkstrahlung auf den menschlichen Körper?

Nur eine Auswirkung der nicht ionisierenden Strahlung ist zweifelsfrei nachgewiesen: Das Körpergewebe bzw. das Gehirn erwärmt sich. Wissenschaftlich ziemlich sicher ist auch, dass die Hirnströme beeinflusst werden. Die Studie des Tropen- und Public Health Institut der Uni Basel vom März zeigte ausserdem, dass Jugendliche mit einer hohen Strahlungsdosis sich Figuren und Wörter deutlich schlechter merken konnten als solche mit einer niedrigen Dosis.

8. Eine neue Studie, welche letzte Woche in Amerika publik wurde, zeigt nun aber, dass Ratten häufiger Krebs bekommen, wenn Sie Handystrahlung exponiert werden. Verursachen die Handys also Krebs?

Die Studie wurde vom US National Toxicology Program (NTP) durchgeführt und sollte endlich Aufklärung bringen über mögliche Langzeitschäden von Mobilfunkstrahlung. Ratten wurden während zweier Jahren teilweise hohen Dosen der gängigen Mobilfunkstrahlung ausgesetzt. Die Auswertung der Studie ist noch am Laufen, es wurde erst eine Zusammenfassung veröffentlicht. Gefunden hat man eine Zunahme von sonst seltenen Gehirntumoren und Wucherungen im Herzgewebe. Allerdings zeigten sie sich nur in männlichen Tieren und eigenartigerweise lebten die bestrahlten Tiere länger als diejenigen in der Kontrollgruppe. Die Ergebnisse sind also vorderhand mit Vorsicht zu behandeln. Ob und wie sie sich auf den Menschen übertragen lassen, ist dann noch einmal eine Frage für sich.

9. Wie war das schon wieder mit dem Einfluss der Strahlung auf Kühe?

Der Professor für Veterinärmedizin an der Uni Zürich, Michael Hässig, hat in fünf Studien die Auswirkungen auf Kühe und Kälber untersucht. Er fand heraus, dass sich das Blutbild der Kühe bei Bestrahlung veränderte und Embryos vermehrt Schäden an den Augen hatten. Bei gesunden Kühen war der Effekt aber gering.

10. Elektrosensible reagieren speziell heftig auch auf Handystrahlung. Gibt es zu deren Beschwerden wissenschaftliche Belege?

Das Phänomen ist verbreitet und tritt zum Teil auch heftig auf. Elektrosensibel zu sein, wünscht man niemandem, durch was auch immer das Leiden verursacht wird. Epidemiologisch oder sonst wissenschaftlich lässt sich Elektrosensibilität aber kaum fassen. Viel mehr als die Ad-hoc-Erklärung, dass die Menschen halt verschieden seien, kann man kaum anbieten. Einige leiden stärker unter Umwelteinflüssen (auch Lärm oder Smog), anderen macht es weniger aus.

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