Archäologie ist zwar nur die Beschäftigung mit alten Knochen und Sachen. Aber sie kann spannend sein, wenn wir die ausgegrabenen Dinge und Knochen zu uns sprechen lassen. Wie haben diese Leute gelebt? Was haben sie geglaubt? Wie waren sie sozial organisiert? Werkzeuge und Waffen geben Aufschluss über den erreichten technischen Stand. Nahrungsreste geben Aufschluss, wie die Menschen damals gelebt haben. Reste von Wohnungen und Behausungen deuten ebenfalls auf eine bestimmte Lebensweise hin. Am spannendsten sind aber Reste, die uns etwas über kultische oder religiöse Praktiken erzählen. Was hatten die Menschen damals für eine Vorstellung von der Welt, von sich – und dem Rest?

Das Leben - und der Tod

Wir schreiben nur dem Menschen das Vermögen zu, Ideen zu haben. Dass er sich Dinge bewusst machen kann, die nicht vorhanden sind (auf der Hand liegen). So auch den Gedanken, dass alles, was da ist, auch da ist, wenn ich nicht da bin. Das ist der Kern des menschlichen Selbstbewusstseins. Dass man sich dauernd vorhalten muss, wer man ist und was man da tut. Und dass das Leben etwas ist, was weit über mich hinausgeht. Einen Willen, das eigene Leben zu erhalten, haben wohl alle Lebewesen. Aber den Tod fürchten – im eigentlichen Sinn – kann nur der Mensch. (Auch wenn der griechische Philosoph Epikur ein scharfsinniges Argument dagegen gebracht hat: Im Tod sind wir nicht mehr, wie können wir etwas fürchten, das uns nicht betrifft?)

Gegen die Todesfurcht entwickelten die Menschen allerlei Ausflüchte. Unter anderem die Religion. Religion hat auf jeden Fall mit dem Leben zu tun, aber begonnen hat sie wahrscheinlich mit dem Tod. Man muss irgendwie mit diesem lästigen Gedanken fertig werden, dass es mich irgendwann nicht mehr geben wird. Dazu gehört sicher, dass man die Toten bestattet, dass man ihnen eine Art Dasein zuschreibt, auch wenn sie nicht mehr leben.

Wann haben die Menschen begonnen, ihre Toten zu bestatten? Werkzeuggebrauch und Sprache schreiben viele Paläoanthropologen schon den frühesten Menschen zu. Ja, sie sind das eigentliche Merkmal des Menschseins. Mit dem aufrechten Gang war alles schon da, behauptet der französische Paläoanthropologe André Leroi-Gourhan. Aufrechtgehende Wesen wenden einander das Gesicht zu, das geht nicht ohne irgendeine Äusserung ab. Vielleicht noch nicht grammatikalisch so korrekt und semantisch so reich wie sich die Sprachen heute präsentieren, aber in den Grundzügen waren sie da. Und – das ist eine faszinierende Formulierung von Leroi-Gourhan – einem aufrechtgehenden Wesen mit freien Vordergliedmassen «springen die Werkzeuge direkt in die Hände».

Bereits die Neandertaler hatten ihren Toten besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Dafür gibt es archäologische Zeugnisse, die kaum anders interpretiert werden können. Und man rätselt auch, ob die in einer – eigentlich unzugänglichen – Höhle in Südafrika gefundenen Exemplare des Homo Naledi (genaues Alter noch unbestimmt, um die 2,5 Mio. Jahre) dort hineingeworfen wurden, um sie zu «bestatten».

An der Schwelle der Jetztzeit

Und jetzt hat man in Israel am Ufer des Hilazon-Flusses in einer Höhle ein Grab gefunden, das ziemlich einzigartig ist. Es ist nicht nur unversehrt, sondern an ihm lassen sich auch Begräbnisrituale der damaligen Menschen ablesen. Interessant ist das Grab auch, weil es aus der Epoche des Natufien stammt. Rund 12 000 Jahre alt, wurde es in einer Zeit angelegt, als sich die Menschheit auf ihre nächste Zivilisationsstufe hievte: vom Jäger- und Sammlertum zu Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit. Die Natufien-Menschen lebten in der Levante (heute Israel, Libanon und Syrien) und ernährten sich bereits von Getreide, allerdings noch unkultiviert, eher Grassamen.

Im Grab liegt eine Frau, ungefähr 1,50 Meter gross. Professorin Leore Grosman von der Hebrew University Jerusalem vermutet, es könnte sich um eine «Schamanin» gehandelt haben. Sie muss in ihrer Gruppe eine hohe Stellung inne gehabt haben, darauf deutet die aufwendige Art ihrer Bestattung hin. In der Höhle wurde zuerst ein Loch gegraben, in einer ersten Schicht aus grossen Steinen fand man Muscheln, Ocker, eine Basaltplatte und komplette Schildkrötenpanzer. Darüber lag eine Ascheschicht versetzt mit Feuerstein und Tierknochen. Nach dieser Opferzeremonie wurde der Leichnam in die Grube gelegt zusammen mit vielen Schildkrötenpanzern. Auf die Leiche wurden Muscheln, ein Adlerflügel, ein Leopardenbecken, der Oberschenkel eines Ebers und ein menschlicher Fuss gelegt. Die Leiche wurde dann mit Erde und Steinen bedeckt und das Grab mit einem grossen Deckstein verschlossen. «Offenbar gab es eine Art ‹to-do-Liste›», vermutet Professorin Grosman. Es muss sich um ein kulturell definiertes Ritual gehandelt haben. Und das deutet darauf hin, dass die Gruppe, der die Frau angehörte, sozial schon ziemlich komplex strukturiert war. Immerhin mussten auch die 86 Schildkröten erst beschafft werden.