Liam will keine spirituelle Grenzerfahrung machen, er will sich nicht selber finden und sich nicht in der Unendlichkeit des Universums verlieren. Liam will nur seinen Computercode optimieren. «Das LSD hilft dabei», sagt er und leert das Glas mit der Drogen-Mischung. Seine Angestellten schauen nicht mal von ihren Bildschirmen auf.

Als der Informatiker vor drei Jahren nach San Francisco zog, brachte er nicht die viel besungenen Blumen im Haar, sondern seinen Laptop und einen ambitiösen Businessplan mit. Liam ist 26 Jahre alt, Startup-Gründer und Arbeitstier. Mit den Hippies, welche diese Stadt in den 60er-Jahren bevölkerten, hat er nichts gemeinsam. Ausser eben die Begeisterung für Lysergsäurediethylamid, kurz LSD: jene psychedelische Droge, die mit ihrer bewusstseinserweiternden Wirkung eine ganze Generation geprägt hat.

Nur knappe zwei Kilometer ist Liams Büro vom Golden Gate Park entfernt, wo 1967 während des «Summer of Love» Tausende Menschen gemeinsam psychedelische Trips erlebten. «Turn on, tune in, drop out» hat sich zum Slogan für die revolutionäre Gegenkultur der Hippies entwickelt, welche ohne LSD wohl nicht möglich gewesen wäre. Jetzt, 50 Jahre später, erlebt dieselbe Droge in derselben Stadt eine Renaissance – auch wenn sich diese weit weniger farbig und ausgelassen präsentiert als damals.

Kleine Dosis, grosse Wirkung

Liam konsumiert durchschnittlich einmal pro Woche LSD – nicht wenn er zu einer ausschweifenden Partynacht aufbricht, sondern wenn ihm ein intensiver Arbeitstag bevorsteht. Denn im Fläschchen, welches er in der obersten Schublade seines Schreibtisches aufbewahrt, befinden sich nur winzige Spuren der Droge. Etwa zehn Mikrogramm nehme er jeweils ein, erklärt der Informatiker, das sei für ihn die perfekte Menge. Es ist nur gerade ein Zehntel einer klassischen LSD-Dosis. Denn beim Microdosing werden psychedelische Substanzen – meist LSD oder psilocybinhaltige Pilze – in derart geringen Mengen konsumiert, dass man zwar eine leichte Wirkung spürt, aber weit weg ist vom eigentlichen Trip.

Stattdessen sollen damit Konzentration und Kreativität gesteigert werden. «Wenn ich eine Mikrodosis nehme, kann ich mich danach viel besser auf meine Arbeit fokussieren, ich brenne nicht aus und bin kreativer», erklärt Liam. Die Wirkung halte etwa zwei Tage an, wirke sich zudem auch noch positiv auf seine Stimmung aus. Er ist überzeugt, dass die Substanz auf diese Weise wesentlich zu seinem beruflichen Erfolg beiträgt. Mit dieser Haltung ist er nicht allein: Microdosing als Leistungssteigerung ist im Silicon Valley schon länger im Trend und verbreitet sich derzeit auf der ganzen Welt. Die Droge gilt als «gesunde Alternative» zum beliebten Ritalin, welches für einen ähnlichen Effekt bekannt ist, aber auch für die Gefahr der Abhängigkeit und diverse Nebenwirkungen. Sowohl in der Schweiz als auch in Amerika ist LSD nach wie vor illegal und der Besitz strafbar.

Die Wirkung von LSD ist faszinierend. Vor dem amerikanischen Verbot im Jahr 1966 wurde es regelmässig in der Psychotherapie eingesetzt, unter anderem als Mittel gegen Zwangsneurosen und Depressionen. Auch das amerikanische Militär hatte damals Interesse an der Substanz, wollte sie zuerst als Wahrheitsserum und danach als psychochemische Waffe nutzen. Heute wird LSD vor allem als Partydroge konsumiert oder für spirituelle Erfahrungen genutzt. «Microdosing ist dabei die von der Wissenschaft am stärksten vernachlässigte Anwendung», wird Albert Hofmann in mehreren Fachbüchern zitiert.

Unispital Basel forscht

Der Schweizer Chemiker hatte 1938 in einem Basler Labor verschiedene Amid-Derivate der Lysergsäure synthetisiert und dabei per Zufall das LSD und dessen berauschende Wirkung entdeckt. Während den letzten Jahrzehnten seines Lebens – Hofmann starb 2008 im Alter von 102 Jahren – habe der Schweizer selber wöchentlich Mikrodosen LSD eingenommen, erzählt sein Kollege James Fadiman gegenüber der «Schweiz am Wochenende». Fadiman gehört zu den weltweit renommiertesten Forschern auf dem Gebiet des Microdosings und hat bereits in den 1960er-Jahren diverse wissenschaftliche Versuche mit LSD durchgeführt. Dabei hat er festgestellt, dass Testpersonen mithilfe der Substanz komplexe Probleme kreativer angingen und so auch schneller lösten. Kurz darauf wurde die Substanz aufgrund des politischen Drucks aber für die Forschung verboten.

Seither kann Fadiman Probanden kein LSD mehr abgeben und sammelt stattdessen Erfahrungsberichte von Personen, welche über andere Wege zur Substanz kommen: «Unterdessen haben Tausende an unserer Studie teilgenommen und unsere Fragebogen ausgefüllt. Wir sehen, dass kleine Mengen LSD keinerlei psychedelische Effekte haben, dass sie sicher sind und die Leute damit schlicht besser funktionieren.»

Weniger überzeugt von dieser Leistungssteigerung ist der Schweizer Forscher Matthias Liechti: «Derart kleine Mengen LSD – also zwischen 10 und 30 Mikrogramm pro Tag – sind kaum wirksam. Früher hat man solche Dosen in der Forschung als Placebo verwendet.» Als einer der wenigen haben Liechti und sein Team vom Universitätsspital Basel momentan eine Bewilligung, um LSD in wissenschaftlichen Studien zu verwenden. Das sei zwingend nötig, um abschliessende Aussagen zu machen: «Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Wirksamkeit einer Substanz und eine Umfrage, wie James Fadiman das scheinbar macht, sind ganz verschiedene Dinge. LSD ist zwar für den Körper nicht schädlich, aber im psychologischen Bereich birgt die Droge durchaus Gefahren. Solange die Wirkung von Microdosing nicht besser untersucht ist, rate ich vom Konsum ab.»

LSD direkt vom Vorgesetzten

Wird LSD nicht in der richtigen Menge eingenommen, sind Horrortrips und heftige Halluzinationen keine Seltenheit. Das ist auch den meisten Microdosern bewusst, welche LSD als kognitives Doping nutzen. Rund um die polarisierende Substanz hat sich eine riesige Community gebildet, deren Mitglieder sich sowohl im Internet als auch bei regelmässigen Veranstaltungen über ihre Erfahrungen austauschen.

Die Droge ist im liberalen Kalifornien längst kein Tabu mehr. Dazu hat auch Apple-Gründer Steve Jobs beigetragen, der immer wieder betonte, dass seine LSD-Trips zu den wichtigsten Erfahrungen seines Lebens gehörten. Gegenüber der «Schweiz am Wochenende» bestätigen mehrere Informatiker und Ingenieure aus unterschiedlichen Firmen im Silicon Valley, dass sie LSD direkt von ihrem Vorgesetzten beziehen. Die Situation ist aber keineswegs so extrem, wie Medienberichte das immer wieder suggerieren: Zwar wird offen über LSD-Microdosing diskutiert, aber nur wenige Entwickler nehmen die Droge regelmässig. Die Besorgnis, dass die künstliche Substanz ihre analytische Denkweise beeinträchtigen könnte, ist bei vielen von ihnen zu gross. Und manche wollen sich auch schlicht nicht mit der «Hippie-Droge» identifizieren.

Wenn es um leistungssteigernde Mittel geht, ist LSD im Silicon Valley lediglich die Spitze des Eisbergs. In den vergangenen Jahren hat sich neben Microdosing auch der Konsum von Nootropics zum Trend entwickelt. Dabei handelt es sich um Arznei- oder Nahrungsergänzungsmittel, welche die kognitiven Funktionen bei gesunden Menschen verbessern. Einige davon sind legal, andere müssen im Darknet bestellt werden. Die Auswahl ist gigantisch – wissenschaftlich erforscht sind viele Mittel nicht. In der Schweiz würde man wohl von Medikamentenmissbrauch sprechen, in San Francisco bezeichnet man das Ganze als «Bio-Hacking».

Die rigorose Arbeitsmoral und der gigantische Leistungsdruck schaffen im Silicon Valley den idealen Nährboden für alle Substanzen, mit denen man länger, besser und fokussierter arbeiten kann. Bei den «Smart Drugs» geht es nie um den Spass oder die spirituelle Selbstfindung, es geht immer nur um das Steigern der eigenen Produktivität. Drogen sind in San Francisco heute wieder auf dem Vormarsch – aber aus komplett anderen Gründen als damals bei den Hippies. Von «Turn on, tune in, drop out» ist nichts mehr zu spüren. Der technologische Fortschritt hat den Hippie-Spirit grösstenteils aus San Francisco vertrieben. Doch LSD ist geblieben.