Datenbrille

Google Glass: Für den lückenlosen Durchblick im Spital

«Okay Glass, überprüfe die Vitalfunktionen»: Der Mediziner David Feinstein testet gerade die neue Google-Brille.HO

«Okay Glass, überprüfe die Vitalfunktionen»: Der Mediziner David Feinstein testet gerade die neue Google-Brille.HO

Ein am Kopf getragener MIniaturcomputer, das sogenannte Google Glass, soll die Arbeit der Ärzte erleichtern – ein Schweizer Unispital ist an der neuen Technologie, an der man zum Beispiel live eine Operation mitverfolgen kann, interessiert.

Konzentriert blickt David Feinstein auf den Patienten, der vor ihm auf dem Operationstisch liegt. Auf seiner Nase sitzt ein Google Glass, die neuste technische Entwicklung aus dem Labor des Internetkonzerns.

Ohne den Blick vom Operationsfeld zu wenden, sagt Feinstein deutlich: «Okay Glass, überprüf die Vitalfunktionen.»

Sofort erscheint vor seinen Augen dieselbe Anzeige wie auf dem Monitor hinter ihm: Die Brille mit Spezialdisplay zeigt ihm auf einen Blick alle Daten wie Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung des Patienten, ohne dass er sich dafür umdrehen muss.

Vorläufig funktioniert das Ganze erst im Modell: Ein erster «So-könnte-das-aussehen»-Film mit Feinstein als Testmediziner soll vor allem einmal zeigen, was möglich ist.

Aber Feinstein ist bereits jetzt begeistert: «Das ist eine sehr hilfreiche Möglichkeit», kommentiert er.

«Wenn ich mich nämlich zum Monitor wegdrehen muss, erschwert das die Arbeit», sagt der Anästhesist des Beth Israel Deaconness Medical Center in Boston, einem Lehrspital der Harvard-Universität.

Google Glass - die Datenbrille

Live bei Operationen dabei

Die oben beschriebene Anwendung ist nur eine der vielen Möglichkeiten, welche Google Glass im Spitalbereich eröffnen soll: In absehbarer Zeit sollen Chirurgen jederzeit einen spezialisierten Kollegen aus irgendeinem anderen Spital zuschalten können.

Dieser kann eine Operation live mitverfolgen und wertvolle Tipps abgeben. Später, im Aufwachraum, können die Chirurgen dereinst Puls und Allgemeinzustand ihrer Patienten lückenlos überwachen, ohne danebensitzen zu müssen.

Auch Videokonferenzen von spezialisierten Tumorboards könnten künftig mit Google Glass unterstützt werden.

Und noch etwas später sollen Röntgenbilder und Scans direkt über Google Glass angezeigt und interaktiv auf dem Körper eines vor dem Arzt stehenden Patienten abgebildet werden können.

«Damit liessen sich auf einen Blick Lage und Grösse eines Tumors im Gewebe feststellen», erklärt Markus Hartmann, zuständig für Innovationen in der Medizintechnik beim Technologie-Dienstleister Accenture. «Das braucht jedoch noch ein wenig Entwicklungszeit.»

Der Grund für das Projekt drängte sich auf: «Der Bedarf nach Patientensicherheit steigt ständig, gleichzeitig müssen Kosten gesenkt werden», erklärt Hartmann. Zudem werden auf der ganzen Welt Digitalisierung und Vernetzung der Medizin immer wichtiger.

Deshalb taten Accenture und Royal Philips, unter anderem in Medizintechnik tätig, zusammen und begannen Ideen zu entwickeln.

«Dass Google Glass dabei ist, war von Anfang an klar», sagt Hartmann. Philips bietet bereits eine Patientensicherheits-Anwendung namens IntelliVue, das nun künftig nicht nur mit einem Smartphone, sondern auch mit Google Glass verknüpft werden soll.

«Okay Glass» – «very good, Glass»

Die Entwicklung bis zum einsatzfähigen Produkt dauerte ein knappes Jahr, und von Anfang an waren Ärzte involviert, die ihre Bedürfnisse einbrachten.

«Der Modellfilm ist deshalb ziemlich realistisch», sagt Hartmann. Und die Neuerung dürfte sogar schon bald in der Schweiz Fuss fassen: «Wir sind bereits mit einem Schweizer Universitätsspital im Gespräch», freut sich Christoph Krammer, Leiter des Bereiches Health & Public Service Schweiz von Accenture. Welches Spital das ist, und wann genau es Google Glass testen will, verrät er noch nicht.

David Feinstein, der Mediziner aus dem Modellfilm, ist jedenfalls sehr angetan: «Very cool», kommentiert er im Film. «Sogar besser, als ich es mir beim Lesen des Beschriebs vorgestellt hatte.»

Bis Google Glass im Spitalalltag eingesetzt werden kann, müssen allerdings wichtige Fragen bezüglich Datenqualität und vor allem Datensicherheit geklärt werden. «Wir haben bereits einen sehr guten Stand», sagt Krammer zuversichtlich.

«Jetzt müssen wir die Infrastruktur vorbereiten.» Er ist überzeugt, dass das sehr bald möglich ist: So setzt etwa die Charité Universitätsmedizin in Berlin bereits iPads mit klinischen Informationen im Behandlungspfad ein. Dieses System lasse sich problemlos auf Google Glass anpassen.

Dann könnten auch Schweizer Chirurgen bald sagen: «Okay Glass, überprüf die Vitalfunktionen», ohne den Blick vom Patienten zu nehmen.

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