Zuerst waren die Signale widersprüchlich. Sie erreichten die Erde aus einer Entfernung von mehreren Milliarden Kilometern und die Nasa-Wissenschafter wussten nicht recht, wie sie zu interpretieren sind. Doch nach einer ausgiebigen Analyse stand fest: Die Raumsonde Voyager 1 hat die Plasmagrenze des Sonnensystems verlassen. Von einem «historischen Schritt in den interstellaren Raum», sprach Nasa-Projektleiter Edward Stone.

Ob die Raumsonde mit diesem «historischen Schritt» auch gleich das Sonnensystem verlassen hat, wie es in den ersten euphorischen Medienberichten letzte Woche hiess, ist eine Frage der Definition. Klar ist aufgrund der Signale, die die Sonde noch immer zuverlässig zur Erde schickt, dass Voyager 1 sich so weit von der Sonne entfernt hat, dass keine Sonnenwindteilchen mehr bis zum Flugobjekt vorstossen. «Die Gravitationsgrenze des Sonnensystems ist aber viel weiter draussen», erklärt Peter Wurz, Professor für Weltraumforschung an der Universität Bern.

Das letzte Foto der Erde

So gesehen gehört die Raumsonde noch immer unserem Sonnensystem an – und das, obwohl sie bereits 1977 auf die Reise geschickt worden ist. Dabei bewegt sie sich nicht etwa langsam. Derzeit fliegt sie mit einer Geschwindigkeit von über 17 Kilometern pro Sekunde durch das Weltall. Den Saturn, den Planeten mit dem faszinierenden Ring, erreichte sie bereits 1980, und Neptun, den äussersten Planeten, passierte sie 1989. Dann schoss sie noch ein letztes Foto aus der Ferne von der Erde – und brauste weiter.

An Bord befinden sich verschiedene wissenschaftliche Instrumente, von denen die Forscher immer mehr abschalteten, um Energie zu sparen. Doch Voyager 1 – und ihre Zwillingsschwester, Voyager 2, die noch nicht ganz so weit gekommen ist – fliegen nicht nur für die Wissenschaft durch die Weite des Alls. Sie sind auch in einer kulturellen Mission unterwegs. Im Innern jeder Sonde befindet sich eine goldene Schallplatte, worauf das kulturelle Erbe der Menschheit in Bild und Ton gespeichert ist.

Bestimmt ist die Platte für Ausserirdische, zu denen die Raumsonde einmal vorstossen könnte. So gesehen, ist die «Golden Record» eine Art intersolare Flaschenpost, unterwegs in einer Blechbüchse durch die Weite des Alls, losgeschickt in der Hoffnung, einmal einen Empfänger zu erreichen.

Zu hören bekäme dieser 90 Minuten Musik. Eine Kompilation, die eigentlich zuerst Ex-Beatle John Lennon zusammenstellen sollte. Doch der wollte nicht, also musste die Nasa-Projektgruppe selber ran.

Von J. S. Bach bis Chuck Berry

Das «Opus der Menschheit» beginnt mit dem ersten Satz aus Johann Sebastian Bachs 2. Brandenburgischen Konzert, dann folgen Beethoven und Mozart, ehe Stücke aus dem 20. Jahrhundert an der Reihe sind – etwa von Rock-’n’-Roll-Pionier Chuck Berry oder Jazzer Louis Armstrong. Das so entstandene Werk gibt es bloss in einer streng limitierten Auflage von zwei Exemplaren – eines für Voyager 1 und eines für Voyager 2. Auf der Erde sind keine Kopien verblieben, denn die Plattenlabels, so heisst es, hätten nur das Abspielen jenseits der Erdatmosphäre erlaubt.

Neben der Musik sind auch Bilder auf der Platte abgespeichert. Das erste ist ein Kreis – eine universelle Form aus der Geometrie gewissermassen. Dann folgt eine Karte, in der die Lage unseres Sonnensystems eingezeichnet ist – schliesslich sollen die Aliens ja wissen, woher die Botschaft kommt. Dann wird unser Zahlensystem erklärt, Moleküle und DNA-Strukturen werden gezeigt und eine befruchtete Eizelle schematisch dargestellt. Unsere Sprache werden die Ausserirdischen kaum verstehen, Piktogramme, so nimmt die Nasa an, schon eher.

Doch kann es den Ausserirdischen überhaupt gelingen, die Platte abzuspielen und die drauf gespeicherten Informationen zu sehen und zuhören? Als Abspielgerät wurde eine Art Plattenspieler gleich in die Sonde gelegt. Und auf der Oberfläche der «Golden Record» ist eine Anleitung eingraviert. Für die Generation iPod dürfte die Nutzung dieser Technologie mit Nadel und Schallplatte eine wahre Herausforderung darstellen. Wie das für Wesen aus einem anderen Sonnensystem ist, kann man nur mutmassen.

Für die Technologie mit der Platte, die übrigens nicht aus Vinyl besteht, sondern aus Kupfer, das mit einer Goldschicht überzogen wurde, entschieden sich die Nasa-Leute, weil die Informationen darauf auch nach mehreren Millionen Jahren noch lesbar sein sollen. Und eine lange Reise scheint der Voyager-Sonde gewiss zu sein.

Vom Stern verschluckt

Nach 36 Jahren hat sie erst den Rand des Sonnensystems erreicht und ist noch in weiter Ferne vom nächsten extrasolaren Planeten. Dieser befindet sich 4,3 Lichtjahre von uns entfernt und kreist um den Stern Alpha Centauri B. Dass es dort Leben gibt, ist zwar ausgeschlossen, doch die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass es dort noch weitere Planeten gibt, womöglich sogar solche mit Leben. Nur: Bis dorthin brauchte Voyager 1 mit der aktuellen Geschwindigkeit rund 77 000 Jahre. Doch derzeit fliegt sie ohnehin in eine andere Richtung. Sie wird gemäss Nasa in rund 40 000 Jahren im Abstand von 1,6 Lichtjahren den Stern AC+793888 passieren. Dieser bewegt sich auf die Erde zu und wäre deshalb mit der Sonde schneller zu erreichen als Alpha Centauri. Doch Voyager 1 wird weiterfliegen, Richtung Ophiuchus.

Dass sie einmal auf einen bewohnten Planeten trifft, ist zumindest nicht ausgeschlossen. Fast täglich entdecken Astronomen neue Exoplaneten, auf einigen von ihnen könnten Bedingungen von Leben vorherrschen. Dennoch ist es natürlich höchst unwahrscheinlich, dass Voyager 1 auf ihrer Reise durch die Weite des Alls einmal von der Gravitationskraft eines solchen Planeten angezogen wird. «Die Sonde wird wahrscheinlich noch Millionen von Jahren im Raum herumfliegen und dann vielleicht von einem Stern geschluckt – so wie die sonnennahen Planeten, die man oft beobachten kann», sagt Peter Wurz.

Wenn die Menschen es bis dann nicht geschafft haben, Voyager 1 ins All zu folgen, wird dann mit der goldenen Schallplatte vielleicht die letzte Erinnerung an einen Planeten namens Erde und einer Rasse namens Menschen verglühen.

Welche Musik sollte die nächste Sonde ins All mitnehmen? Diskutieren Sie mit!