Kryptografie ist nicht erotisch. Gespräche über dezentrale Computernetze, Datenbanksysteme und Verschlüsselungsalgorithmen erwartet man an einer Informatikkonferenz, nicht an einer Pornomesse. Trotzdem waren an der «Adult Entertainment Expo», welche im Januar in Las Vegas stattfand, genau diese Themen omnipräsent.

Man diskutierte über Blockchains – also über die Technologie hinter dem Bitcoin, welche gemäss Experten unseren digitalen Alltag für immer verändern wird. Die Versprechen der Visionäre sind gross, aber wirklich verbreitet sind die dezentralen Datenbanken bisher noch in keinem Sektor. Ausgerechnet die Pornobranche könnte dies nun ändern – und damit der Technologie zum Durchbruch verhelfen. Es wäre nicht das erste Mal.

Wer meint, dass sich die technologischen Errungenschaften der Pornobranche auf pinkfarbene Vibratoren und blinkende Internetwerbung beschränken, liegt falsch: Die Sex-Industrie hat diverse Erfindungen, die für uns heute selbstverständlich sind, erst massentauglich gemacht. Oder diese sogar selber entwickelt. Eindrücklich gezeigt hat sich dies in den Siebzigern, als die ersten Videokassetten auf den Markt kamen: Aus Furcht vor Raubkopien weigerten sich nämlich Hollywood-Studios anfangs, ihre Filme für das Heimkino zu verkaufen. Zudem kostete eine einzige Kassette damals noch das Vielfache eines Kinobesuchs.

Nur Pornostudios nutzten das neue Medium von Anfang an mit Begeisterung. Die Kunden stürzten sich darauf, schliesslich lassen sich Erotikfilme in den eigenen Wänden ungehemmter geniessen als im gefüllten Kinosaal. Anfang der Achtziger enthielten deshalb mehr als die Hälfte aller verkauften Videokassetten Sex-Filme. Viele Experten sind überzeugt, dass die Sex-Industrie damit den Krieg zwischen den Videoformaten VHS und Betamax entschied. Denn während VHS-Pornos im Akkord produziert wurden, weigerten sich die Verantwortlichen von Betamax, solche Inhalte zu verkaufen. Das jugendfreie Format war bald verschwunden.

In Unterwäsche für Blockchain

Dass Kryptografie eben doch erotisch sein kann, beweist Porno-Darstellerin Kayden Kross in einem knapp jugendfreien Internetvideo. Leichtbekleidet räkelt sie sich auf einem Billardtisch und erzählt von der «Revolution», welche die neuen Blockchain-Plattformen in der Erotik-Industrie auslösen werden. Dabei werden Daten nicht auf einem einzigen Server gespeichert und verarbeitet, sondern dezentral auf Tausenden verschiedenen Rechnern.

Wie bei so manchen digitalen Trends war die Pornobranche auch bei der Adaption von Kryptowährungen ganz vorne dabei: Schon bald nach der Einführung des Bitcoins ermöglichten verschiedenen Plattformen das Bezahlen mit digitalem Geld. Das macht Sinn, schliesslich kann man so als Nutzer auf die Angabe von Kreditkarten und anderen persönlichen Daten verzichten. Es wurden sogar eigenständige Währungen lanciert wie der Sex-Coin oder der Tit-Coin, welche sich bis jetzt allerdings noch nicht durchsetzen konnten.

Mit dem Internet sind erotische Inhalte ständig verfügbar geworden. Eine Studie aus dem Jahr 2010 vermutet, dass es sich bei jeder zwanzigsten Seite im Web um eine Sexseite handelt – andere Organisationen schätzen den Anteil um ein Vielfaches höher. Offizielle Zahlen gibt es von Pornhub, einer der grössten Porno-Plattformen im Internet: Pro Tag besuchen über 80 Millionen Personen die Seite und im vergangenen Jahren wurden über vier Millionen Videos hochgeladen.

Dass solche Plattformen heute auch mit anderen Inhalten existieren – und dass man mit ihnen erst noch Geld verdienen kann –, dafür ist die Porno-Industrie mitverantwortlich: Die ersten kommerziell erfolgreichen Internetseiten boten in den Neunzigern nämlich pornografische Inhalte zum Kauf an und haben damit den Weg für das Zahlen im Internet bereitet. Bekannte Firmen wie PayPal wären ohne die Vorarbeit der Pornoplattformen nicht möglich gewesen.

Zudem hat die Erotikbranche schon früh mit verschiedenen Abo-Modellen experimentiert, um aus exklusiven Inhalten Geld zu generieren. Davon liessen sich unter anderem Zeitungen inspirieren, welche die Paywall-Konzepte heute aber weniger erfolgreich umsetzen als die Pornobranche in den Anfangsjahren.

Auch das Video-Streaming wurde für eine Pornoplattform entwickelt; es war der Grundstein für YouTube oder Netflix. Und selbst die Webcams haben sich in der Sex-Industrie etabliert, lange bevor die breite Bevölkerung sie für klassische Video-Chats zu nutzen begann. Einige Experten sind sogar davon überzeugt, dass die wachsende Datengrösse von pornografischen Inhalten ein Grund für das ständige Ausbauen der Internet-Infrastruktur war. In der Vergangenheit haben technologische Innovationen also durchaus davon profitiert, dass die Menschheit geil auf Sex ist.

Darsteller sollen profitieren

Auch für die Verbreitung der Blockchain-Technologie werde die Pornoindustrie mitverantwortlich sein, verspricht Kayden Kross in Unterwäsche. Die Schauspielerin ist bekannt für Filme wie «Abenteuer beim Babysitten» und «Die Tochter von meinem Boss» – jetzt wirbt sie für die Blockchain-Plattform Spankchain. Auch dieser Name ist von Sexfilmen inspiriert; «spank» ist ein Slangausdruck für «masturbieren».

Über diesen Service sollen nicht nur Zuschauer, sondern auch Pornodarsteller von der Technologie profitieren. Das amerikanische Team will die erste Erotik-Plattform bauen, die dezentral über eine Blockchain verwaltet wird. Das Geld geht also von den Kunden direkt an die Darsteller, ohne dass ein Intermediär dazwischensteht. So kann niemand hohe Gebühren verlangen oder Accounts sperren – ein weitverbreitetes Problem in der Branche. Die Darsteller werden in der Kryptowährung «Spank» bezahlt und können diese digitalen Coins dann über eine Tauschbörse in eine klassische Währung umwandeln.

Der ganze Prozess funktioniert komplett unabhängig von Banken, welche Personen, die in der Erotikbranche involviert sind, häufig nicht als Kunden akzeptieren. Die Spankchain-Plattform befindet sich momentan noch im Aufbau, jedoch wurden die digitalen Coins bereits im November lanciert. Viele Krypto-Enthusiasten setzen grosse Hoffnungen in das Projekt, weshalb sich der Wert der Währung innerhalb zweier Monate verzehnfachte.

Für 3-D reicht es nicht

Erotikfilme können einer Technologie zum Durchbruch verhelfen. Das funktioniert aber nicht immer: Lange hatte man zum Beispiel vermutet, dass die Pornoindustrie den 3-D-Fernseher zum Kassenschlager machen könnte – schliesslich werden so die Sex-Szenen noch echter. Bis anhin reichte dieses Argument aber nicht, um die hohen Kosten der Geräte zu rechtfertigen. Ähnliches zeigt sich momentan auch bei der virtuellen Realität (VR), welche es dem Zuschauer ermöglicht, mithilfe von Videobrillen selber in eine Szene einzutauchen. Auch hier hoffte man auf Pornofilme als Treiber der Technologie; diverse Erotikstudios fokussierten sich eine Zeit lang exklusiv auf die Produktion von VR-Videos. An den enttäuschenden Verkaufszahlen der VR-Geräte konnte die nackte Haut bisher aber nichts ändern.

Die goldenen Zeiten der Erotikbranche sind vorbei. Heute werden die grossen Porno-Plattformen von wenigen Firmen kontrolliert und weil ihre Videos raubkopiert werden, verdienen Filmstudios immer weniger Geld. Zudem ist das Internet heute nicht mehr so offen wie noch vor zwei Jahrzehnten: Die grossen Tech-Giganten kontrollieren, welche Inhalte und Apps sie uns Nutzern zugänglich machen – pornografisches Material wird häufig gesperrt. Das führt zu noch weniger Einnahmen für die Produzenten: Es fehlt jenes Kapital, das in der Vergangenheit grosszügig in neue Technologien investiert wurde. Das Innovationspotenzial leidet.

Trotzdem stehen die Chancen gut, dass die Blockchain ihre ersten Erfolge tatsächlich im Erotiksektor feiern wird. Die Technologie löst genau jene Probleme, mit denen die Branche schon lange kämpft: Sie nimmt den zentralen Plattformen Macht und Geld, gibt diese zurück an die Darsteller und Produzenten. Zudem arbeiten diverse Firmen an Blockchain-Lösungen, um gegen Raubkopien von Erotikvideos vorzugehen.

Blockchain-Plattformen befinden sich noch im Aufbau, aber schon heute gibt es ein Produkt auf dem Markt, welches diese innovative Technologie nutzt: Die Firma Camsoda hat ein Sexspielzeug entwickelt, das mit dem aktuellen Kurs von Kryptowährungen verknüpft ist. Je höher beispielsweise der Bitcoin-Wert steigt, desto stärker vibriert das Gerät. Bis zum finanziellen – und körperlichen – Höhepunkt. Dass dieses Gerät aber eine technologische Revolution auslöst, ist eher unwahrscheinlich.