Technische Hilfsmittel

Frühwarnsystem: Wie aus Smartphones ein Seismograf wird

Aufzeichnung eines Seismographen zeigt Erdbebenaktivität (Symbolbild)

Aufzeichnung eines Seismographen zeigt Erdbebenaktivität (Symbolbild)

Smartphones helfen, Verschüttete mit Google und Facebook zu orten – und dank einer Schweizer Übertragungs-Technologie. Bald sollen sich Handys auch als Miniseismografen mittels GPS-Daten und Bewegungssensoren als Frühwarnsystem nutzen lassen.

Unzählige Menschen in Nepal werden noch immer vermisst. Ihre Angehörigen warten sehnlichst auf Lebenszeichen. Informationen sind oft schwierig zu bekommen. Das soziale Netzwerk Facebook nutzt seine grosse Verbreitung, um Nutzer zu informieren, ob sich all ihre Freunde ausser Gefahr befinden.

Wenige Stunden nach dem Beben schaltete das Unternehmen sein Hilfswerkzeug «Safety Check» auf. Facebook ortet die Menschen im Katastrophengebiet über ihr Handy und fordert sie auf, zu bestätigen, ob sie sich in Sicherheit befinden oder sich momentan gar nicht in dem betroffenen Gebiet aufhalten.

Umgekehrt können Facebook-Nutzer auf «Safety Check» nachschauen, ob ihre Freunde alle sicher sind. Das Werkzeug wurde nach dem Tsunami in Japan 2011 entwickelt, letzten Herbst vorgestellt und nun zum ersten Mal aufgeschaltet.

Schon notfallerprobt ist der «Person Finder» von Google. Der Dienst wurde erstmals nach dem Erdbeben in Haiti aktiviert. Freunde und Angehörige von vermissten Menschen im Erdbebengebiet können deren Namen in einer Datenbank eintragen. Ebenso können Überlebende dort ihre Daten hinterlassen, um ihre Freunde zu beruhigen. Derzeit enthält der Dienst Informationen von etwa 5500 Menschen.

Notrufe springen von Handy zu Handy

Voraussetzung für solche und ähnliche Hilfswerkzeuge ist aber eine funktionierende Internetverbindung. Erfahrungsgemäss bricht diese aber nach Katastrophen oft zusammen. Eine in der Schweiz entwickelte Technologie könnte helfen, dass künftig Notrufe oder Entwarnungsnachrichten von Menschen in Katastrophengebieten auch ohne Internet- und Mobilfunkverbindung übermittelt werden können.

Dabei werden Daten über ein Peer-to-Peer-Netzwerk via Bluetooth oder WLAN-Protokoll von einem Handy auf das nächste übertragen, bis sie ein Gerät erreichen, das Verbindung zum Internet hat. Die maximale Distanz, die von Handy zu Handy überbrückt werden kann, beträgt 450 Meter.

Basierend auf dieser Technologie, hat das Schweizer Start-up «Uepaa!» eine gleichnamige Notfall-App für Schweizer Bergsportler entwickelt. «Auf diese Weise lassen sich auch Notrufe von Erdbebenopfern übertragen», erklärt «Uepaa!»-Gründer Mathias Hussmann.

Die Peer-to-Peer-Technologie stellen Hussmann und seine Kollegen seit kurzem auch anderen App-Entwicklern zur Verfügung. «Es ist denkbar und wünschenswert, dass Drittentwickler oder gar Handynetzbetreiber unsere Technologie nutzen und so Katastrophen-Services aufbauen», sagt Hussmann.

Smartphones können aber nicht nur helfen, dass Angehörige ihre Verwandten und Retter Verschüttete finden. Bewegungsdaten können Helfern zeigen, wohin Menschen nach einer Katastrophe fliehen. Nach dem Erbeben von Haiti 2010 haben schwedische und amerikanische Wissenschafter anonymisierte Ortungsdaten von Mobiltelefonen untersucht und festgestellt, dass die meisten Menschen dort Zuflucht suchen, wo sie auch vorher oft hingereist sind und insbesondere ihre Weihnachts- und Neujahrsfeiertage verbracht haben.

Aus dem Forschungsprojekt ist die Hilfsorganisation «Flowminder» entstanden. «Derzeit bemühen wir uns um Daten von Mobilfunkanbietern in Nepal», sagt Linus Bengtsson auf Anfrage. Aufgrund von diesen Daten sollen dann die Flüchtlingsströme berechnet werden, damit Hilfsgüter an die entsprechenden Orte gesendet werden können.

Das Handy als Seismograf

Dereinst könnten Mobiltelefone sogar als Seismografen verwendet werden. In einer Anfang Monat veröffentlichten Studie haben amerikanische Forscher demonstriert, dass sich GPS-Daten und Bewegungssensoren von Mobiltelefonen als Frühwarnsysteme für Erdbeben ab der Stärke 7 nutzen lassen. Zeigen mehrere Geräte dieselben Erschütterungen an, so ist davon auszugehen, dass sich nicht der Nutzer, sondern die Erde bewegt.

«Unsere Hoffnung ist, dass wir Mobiltelefone einmal nutzen können, um Länder mit Daten zu versorgen, die keine professionellen Frühwarnsysteme haben», sagt Studienleiterin Sarah Minson gegenüber der «Nordwestschweiz». Nepal, aber auch andere von Erdbeben gefährdete Gebiete verfügen derzeit über keine professionellen Frühwarnsysteme.

Derzeit läuft ein Forschungsprojekt in Kalifornien für das zwar Sensoren von Smartphones genutzt werden, aber aufgrund von technischen Unzulänglichkeiten noch nicht die Geräte der Bevölkerung selber. Daran beteiligt ist auch der Schweizer Erdbebendienst (SED). Auf Anfrage meint Philipp Kästli vom SED, dass derzeit die Verwendung von Sensordaten in Mobiltelefonen Gegenstand intensiver Forschung sei. Der Weg zur Anwendung in der praktischen Erdbebenwarnung sei aber noch steinig.

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