Sie waren wild, sie waren brutal, sie waren unwiderstehlich – und niemand in der zivilisierten Welt wusste, dass es sie überhaupt gab. Bis zum 8. Juni 793 wenigstens. Die zivilisierte Welt war damals allerdings sehr klein, in unserem Fall eine kleine (Halb-)Insel, auf der das Kloster Lindisfarne lag. Die Mönche waren völlig ahnungslos, als zwei Schiffe aus dem Nebel auftauchten, bärtige Männer an Land wateten und ohne viel Federlesens töteten, wen sie antrafen, zusammenrafften, was sie fanden, anzündeten, was brannte, und sich wieder davonmachten.

Das war der erste Kontakt – wenigstens der erste, der sich in schriftlichen Urkunden erhalten hat – der zivilisierten Welt mit der wilden Welt des Nordens. So wollte es bisher die historische Forschung. Oder wenigstens erzählte sie es am liebsten so.

Nun haben Archäologen der Universität York in den Abfallbergen der uralten dänischen Stadt Ribe gewühlt. Nicht in den aktuellen, sondern in den Schichten, die aus der Frühzeit stammten – unter anderem älter als das erwähnte Datum 793. Und sie fanden dort vor allem Reste von Geweihen, von Rentieren und anderen Huftieren. Geweihknochen brauchte man, um Kämme herzustellen. Und die Kammmacher fanden den Rohstoff lokal offenbar nicht in der benötigten Menge vor, sondern waren auf den Import angewiesen. Die frühen Wikinger – «vikingr» heisst altnordisch etwa so viel wie «Seekrieger» – hatten diese Geweihe und sie handelten auch damit.

Professor Sören Sindbaek von der Universität Århus zieht daraus den Schluss, dass die Wikingerkultur friedlicher und kooperativer gewesen sein muss, als die Überlieferung will. Handel treiben und plündern – das gehe nicht gleichzeitig. Man kann das Argument allerdings auch anders drehen: Die Männer des Nordens waren versierte Seefahrer, niemand fühlte sich auf den Meeren mehr zu Hause. Vielleicht dienten die ersten Fahrten dem Handel. Aber als sie dann die leichte Beute sahen, änderten sie ihr Geschäftsmodell.