Gesellschaft

Forscher sehen fast nur positive Seiten im Fluchen

Es gehört nicht zum guten Ton – und trotzdem machen es fast alle: Fluchen. Forscher sehen darin fast nur positive Seiten. Denn wer Wut und Ärger aufgestaut habe, müsse dies verbal zum Ausdruck bringen.

Mit einem «hueregopfertelisiechnomol» lässt der Kollege im Büro nebenan regelmässig Dampf ab. Beim Pultnachbarn wirkt ein kurzes «Scheisse», damit sein Ärger verpufft. Im Gespräch mit ihrer Freundin hatte eine ältere Dame am Morgen im Café das Fernsehprogramm kurzerhand als «Schissdräck» bezeichnet.

Fluchen soll man nicht – geflucht wird gleichwohl, denn «es ist ein menschliches Grundbedürfnis», sagt der emeritierte ETH-Professor Roland Ris. Er kenne keine Kultur, in der nicht geflucht werde.

Als Malediktologe, zu Deutsch Fluchforscher, muss er es wissen, schliesslich hat er sich jahrelang beruflich mit unflätigen Ausdrücken beschäftigt.

Wer Wut oder Ärger aufgestaut habe, müsse dies verbal zum Ausdruck bringen, sagt Ris. Und das mache er entweder beim Schimpfen oder eben Fluchen.

Für den Experten ist das nicht dasselbe: Schimpfworte entstehen aus einer kommunikativen Situation heraus und richten sich stets an einen bestimmten Adressaten («Depp», «dumme Kuh», «blöder Siech»).

Flüche dagegen sind von ihrem Ursprung her eigentliche Verfluchungen oder Verwünschungen: «Man ruft eine fremde Macht an, die einem anderen etwas Böses bringen soll», so Ris. Das kann ein böser Geist oder aber auch Gott sein. Die ältesten Flüche, die der Fachmann kennt, stammen aus dem alten Ägypten. Auf Tonscherben fand man Flüche, mit denen man dem Nachbarn etwas Böses wünscht.

Seit jeher geht es darum, die grössten Tabus aus der eigenen Kultur zu verletzen. Und so unterschiedlich die Sprachen und Kulturen sind, so sind es auch die Flüche.

Katholiken fluchen häufiger

In Gebieten, wo Religion einen hohen Stellenwert hat, fand man einst besonders oft Gotteslästerer wie zum Beispiel in Italien, in Spanien, im süddeutschen Bayern oder hierzulande in der Zentralschweiz. Inzwischen aber sei man unter dem Einfluss der Säkularisierung etwas von diesem Typus weggekommen, sagt Fluchforscher Ris.

Ausgeprägter war zudem früher auch der Unterschied, wie oft in den einzelnen Regionen dem Ärger laut Luft verschafft wurde. «Es gibt traditionelle Regionen, in denen mehr geflucht wird, dazu gehören die Zentralschweiz oder auch Bayern», sagt Roland Ris. «Entscheidend ist dabei, dass man in katholischen Gebieten gegenüber dem Fluchen weniger streng gewesen ist als der Protestantismus. Dort galt es, zurückhaltender zu sein.»

Bei typischen bayerischen Flüchen gerät Roland Ris gar ins Schwärmen. Bayern seien nämlich spitze auf diesem Gebiet. Flüche wie «Himmelherrgottkruzifix» würden Freude an der Sprache zeigen.

Denn, so sagt der Malediktologe: Fluchen und Schimpfen sei nicht per se ordinär, sondern in erster Linie kreativ.

«Flüche bewegen sich am Rande der Sprache, einem Bereich, der kaum normiert ist. Dort kann sich Kreativität entfalten.»

In Wortgefechten würden häufig neue Formen und somit neue Bedeutungen entstehen. «Beim Fluchen kommt das Sprachgefühl zum Tragen», sagt Ris, der laut eigenen Angaben alles andere als ein talentierter Flucher ist.

Bei aller Freude über geistreiche Flüche und Schimpfwörter muss Roland Ris aber auch feststellen, dass die Kreativität langsam verloren geht: «Mit der Globalisierung gleichen wir uns sprachlich einander an. Die Fluchlandschaft verarmt international, was ich sehr bedauere.» «Shit» zum Beispiel sei ein Ausruf aus der Nachkriegszeit, der sich in Deutschland ausgebreitet und den Weg zu uns gefunden habe. «Für mich sind diese Wörter Ausdruck einer ‹Null-Bock-Generation› ohne Perspektiven.»

«Sch ...» ist Spitze

Eine Untersuchung der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften zeigt: Das Wort «Scheisse» wird tatsächlich deutlich am meisten gebraucht. Grund hierfür ist auch der gesellschaftliche Wandel: In der aufgeklärten westlichen Welt gehört die Fäkalsprache zu einem der letzten Tabus, die Wirkung von Gotteslästerungen ist nurmehr gering. Wenig Einfluss auf die Wahl der Kraftausdrücke scheinen Religion, Bildung und Wohnort zu haben.

Geflucht wird heute quer durch alle sozialen Schichten: Der einfache Arbeiter flucht nicht mehr als der Chirurg oder der Manager. Einst war in der gutbürgerlichen Gesellschaft ein Kontrollverlust, wie das Fluchen einer ist, tabu.

Das Geschlecht spielt offenbar nur eine zweitrangige Rolle. Knaben seien zwar empfänglicher für Flüche und Schimpfwörter, sagt der Erziehungsberater Jacques Diday. Doch: «Die Mädchen holen in der Pubertät mächtig auf.»

Fluchen gehört nicht zum guten Ton, es ist aber gesund, darin sind sich Psychologen einig. Wer immer alles in sich hineinfresse, werde früher oder später darunter leiden.

Seinem Ärger Luft zu verschaffen, sei befreiend und habe einen «reinigenden Effekt». So unflätig Fluchen sein mag und so ungern es Verfechter der gepflegten Sprache hören mögen: Wer flucht, tut sich – gopfertellinonemol – letztlich etwas Gutes.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1