Hygiene

Forscher raten: Besser küssen statt die Hand geben

Hände weg von den Händen: Bakterien in Ultraviolett-Licht sichtbar gemacht.Getty Images

Hände weg von den Händen: Bakterien in Ultraviolett-Licht sichtbar gemacht.Getty Images

Desinfektionssprays und antibakterielle Tücher schaden mehr, als sie nützen. Ums Händewaschen kommen wir dennoch nicht rum.

Der Schweizer küsst eher selten. Jedenfalls zur Begrüssung, die meistens per Handschlag erfolgt. Doch möglicherweise sollte er da umdenken. Denn die Infektionsgefahr ist laut einer britisch-amerikanischen Studie beim Handschlag deutlich höher.

Die Forscher sichteten das wissenschaftliche Datenmaterial, das zu den alltäglichen Übertragungswegen von infektiösen Erregern vorliegt, und fanden heraus, dass beim Handschlag weitaus mehr Viren und Bakterien den Besitzer wechseln als beim Küssen. Der Grund: Die Hände kontaktieren öfter als der Mund verschmutzte Gegenstände, zu denen auch problematische Zonen des eigenen Körpers gehören, wie etwa die Ausscheidungsorgane, wenn man auf dem Klo sitzt. «Dieses Problem könnte man zwar in den Griff bekommen, indem man sich mit Seife die Hände wäscht», erklärt Studienleiterin Val Curtis von der London School of Hygiene, «doch das passiert offenbar zu selten.» Womit sie wohl – auch für die Schweiz – durchaus Recht hat: Laut einer Umfrage waschen sich hierzulande gerade mal 70 Prozent nach dem Toilettengang regelmässig die Hände.

Von wegen also sauberer Händedruck und küssende Bakterienschleuder! Und das ist nicht die einzige Vorstellung, die man im Hinblick auf unsere Hygiene korrigieren sollte. Die enormen Umsätze beim Verkauf von Desinfektionssprays und antibakteriellen Haushalttüchern zeigen zwar an, dass uns keimfreie Sauberkeit wichtig ist. Doch tatsächlich agieren wir im Alltag oft gegen die Erkenntnisse der Hygienewissenschaften.

So tragen die Sprays und Tücher sogar dazu bei, dass sich die mikrobiologische Situation im Haushalt verschärft. «Der übermässige Einsatz von Desinfektionsmitteln fördert die Resistenzentwicklung der Bakterien», warnt Infektiologe Christoph Fux vom Kantonsspital in Aarau. Der Grund: Auch beim flächendeckenden Einsatz von antibakteriellen Mitteln bleiben genug Mikroben übrig, die ihr «genetisches Überlebenswissen» an ihre Nachkommen weitergeben können. Und diese resistenten Stämme können dann auch die Haut besiedeln, die eigentlich von Natur aus mit einer Vielzahl «eigener» Bakterien bevölkert ist. «Man kann sich die mikrobiotische Situation dort vorstellen wie in einem voll besetzten Bus», erklärt Fux. «Die durch den Einsatz von Desinfektionsmitteln freigewordenen Plätze werden von neuen Gästen eingenommen, die wir möglicherweise gar nicht im Bus haben wollen.» Besser also, man beschränkt sich bei der Handwäsche auf Seife und im Haushalt auf Essigreiniger und andere herkömmliche Putzmittel.

In der Küche, nicht im Klo

Wobei diese natürlich dort zum Einsatz kommen sollten, wo sie wirklich gebraucht werden. So legt man in vielen Haushalten zwar grossen Wert auf die Sauberkeit im Klo, das ohnehin permanent vom Spülwasser gereinigt wird. «Doch in der Küche hapert es oft», bemängelt Hygieniker Gero Beckmann vom Institut Romeis im deutschen Bad Kissingen. «Hotspots» der Keimentwicklung seien vor allem Geschirrtücher und Spüllappen sowie der Kühlschrank. «Unter Hygienikern kursiert das Bonmot», so Beckmann, «wer Angst vor der Klobrille hat, sollte nichts mehr aus dem Kühlschrank essen.» Denn dort lagern verderbliche Lebensmittel, auf denen sich Keime wie die Listerien befinden können, die sich auch bei Temperaturen nahe der Null-Grad-Grenze noch vermehren können. Selbst frisch gekauftes Fleisch ist laut neueren Untersuchungen in bis zu 80 Prozent der Fälle mit resistenten Bakterien belastet. Doch davon weiss der Konsument meistens nichts. «Er wiegt sich vielmehr in der trügerischen Sicherheit, dass im Kühlschrank mit seinen niedrigen Temperaturen schon nichts passieren kann», warnt Beckmann. Bakterien können bei 4 Grad gut überleben oder sich gar vermehren.

Ungefähr die Hälfte aller Lebensmittelinfektionen findet – trotz Kühlschrank und Tiefkühltruhe – im Privathaushalt statt, und hier vor allem durch unsachgemässe Verarbeitung von Fleisch. Ein typischer Fehler ist laut Fux, dass man auf dem gleichen Brett erst Fleisch und danach den Rohkostsalat schneidet. «Beim Durchbraten des Koteletts werden Keime abgetötet», betont der Aarauer Infektiologe, «doch in Rohkost eben nicht».

Biowaffe Geschirrtuch

Eine weitere unterschätzte Keimquelle sind die Geschirrtücher, weil sie oft nicht nur für Teller, Töpfe und Besteck, sondern auch für die Hände benutzt werden. Oder aber, weil es wohl unterschiedliche Tücher für unterschiedliche Zwecke gibt, die aber zum Trocknen wieder übereinandergehängt werden, sodass sie Keime austauschen können. Bei den Spüllappen begünstigt vor allem die ständige Feuchtigkeit das mikrobielle Wachstum. Ausserdem werden sie oft viel zu lange benutzt und erst ausgetauscht, wenn sie zu stinken beginnen. «Da handelt sich dann schon fast um eine Biowaffe», spottet Beckmann. Aber auch nur fast. Fux sagt: «Mir sind keine Infektionsfälle bekannt über Tücher und Lappen.»

Im zwischenmenschlichen Kontakt liesse sich hingegen durch mehr Aufmerksamkeit manche Infektionsquelle ausschalten. Wie etwa beim Niesen, bei dem immer noch viele die Hand vor den Mund halten. Die bessere Alternative: Man prustet in die Ellenbeuge. «Dabei gehen die Keime in die Kleidung, und nicht auf die Hand, wo sie sich dann beim nächsten Kontakt weiterverbreiten können», erläutert Fux. Wer danach die Textilie bei 60 Grad wäscht, sollte den Schnupfenviren endgültig den Garaus gemacht haben.

Weniger sicher ist hingegen die Fünf-Sekunden-Regel. Demzufolge könne man Lebensmittel, die auf den Boden gefallen sind, wieder aufheben und verzehren, sofern nicht länger als fünf Sekunden vergangen sind. Donald Schaffner von der amerikanischen Rutgers University liess im Labor unterschiedliche Lebensmittel auf unterschiedliche Böden fallen, und stellte dabei fest, dass der Grad der Kontamination vor allem vom Feuchtigkeitsgehalt der Speise abhängt. «Denn», so Schaffner, «Bakterien haben keine Beine, sie bewegen sich mit der Feuchtigkeit».

In einer aktuellen Studie hat der Mikrobiologe ausserdem untersucht, worauf wir beim Händewaschen achten sollten. Das Ergebnis: Zehn Sekunden reichen völlig aus. Und man braucht etwas Seife, aber kein warmes Wasser, sondern nur kaltes. Das Energiespar-Motiv taugt also nicht als Ausrede dafür, dass man aufs Händewaschen verzichtet. Und WC-Papier auf der Klobrille ist überflüssig: Laut Christoph Fux vom Kantonsspital Aarau gibt es keine Ansteckung via Klobrille mit sexuell-übertragbaren Krankheiten und die (dort durchaus mögliche) Ansteckung mit Durchfallbakterien erfolgt nicht via Anus, sondern einmal mehr via Hände und Mund.

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