Manipulierte Web-Inhalte

Falsches Internet: So werden wir im Netz manipuliert

Der britische Geheimdienst GCHQ (Government Communications Headquarters) kann Kommunikation im Netz nicht nur mitlesen, sondern auch manipulieren

Der britische Geheimdienst GCHQ (Government Communications Headquarters) kann Kommunikation im Netz nicht nur mitlesen, sondern auch manipulieren

Der britische Geheimdienst kann Web-Inhalte zu Propagandazwecken verfälschen. Dies geht aus den neusten Snowden-Enthüllungen hervor. Im Netz werden wir manipuliert. Die Frage ist nur: Von wem und wie stark?

Dass der amerikanische und der britische Geheimdienst die Internetkommunikation systematisch überwachen, ist bestens bekannt. Doch nun erhalten die Snowden-Enthüllungen eine neue Qualität: Der britische Geheimdienst GCHQ (Government Communications Headquarters) kann Kommunikation im Netz nicht nur mitlesen, sondern auch manipulieren. Das berichtet US-Journalist Gleen Greenwald auf seiner Internetplattform «The Intercept» unter Berufung auf Dokumente von Edward Snowden. So verfügen die britischen Spione über die Möglichkeit, das Netz mit Propaganda zu fluten und Klickzahlen auf Websites sowie Online-Abstimmungen zu verfälschen.

Wer bestimmt, was wir sehen?

Der britische Geheimdienst sei im Besitz von bisher unbekannten Werkzeugen, mit denen politische Diskurse manipuliert und verfälscht werden können, schreibt Greenwald. Die dafür zum Einsatz kommenden technischen «Tools» wurden von der Forschungsabteilung des GCHQ entwickelt und ermächtigen den Geheimdienst unter anderem zu folgenden Manipulationen:

Online-Abstimmungen können verfälscht werden.

Videos lassen sich zensieren.

Massenmails und Massen-SMS mit propagandistischen Inhalten können verschickt werden.

Mails können unter jeder fremden E-Mail-Adresse verschickt werden.

Die Klickzahlen einer Website können manipuliert werden.

Die Verbreitung von Inhalten auf populären Websites kann künstlich beschleunigt werden.

Die meisten der Werkzeuge, so geht aus Papieren aus dem Jahre 2012 hervor, seien voll einsatzfähig, getestet und funktionierten zuverlässig. «Wir preisen hier nur Werkzeuge an, die entweder einsatzbereit sind oder in Kürze zur Verfügung stehen», heisst es in einem Dokument der Forschungsabteilung.

Ob diese Werkzeuge bereits eingesetzt wurden, und wenn ja, für welche Zwecke, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Ihre Existenz zeigt aber, dass der GHCQ offenbar daran interessiert ist, Meinungen im Internet zu manipulieren. Denn die «Tools» dienen dazu, dass sich bestimmte, vom Geheimdienst bevorzugte Inhalte über soziale Medien und Webportale viral verbreiten. Das ist ein mächtiges Instrument: Denn häufig sind es bloss die sich rasch verbreitenden Inhalte, welche wir auf Facebook, Youtube oder Twitter sehen – die anderen dringen gar nicht erst bis zu uns vor.

Somit kann der britische Geheimdienst mitbestimmen, was wir sehen und was nicht. Zum selben Zweck dient auch die Möglichkeit, Inhalte im fremden Namen zu verschicken. Denn für gewöhnlich schenken wir Artikeln, Videos und Blog-Einträgen, die uns Freunde empfohlen haben, mehr Beachtung, als solchen, welche von Fremden an uns herangetragen werden.

Das Internet gilt als ein sehr demokratisches Massenmedium. Denn anders als bei der Zeitung, dem Radio und dem Fernseher ist hier nicht nur eine Eins-zu-viele-Kommunikation möglich, sondern eine Viele-zu-Viele. Es gibt nicht nur einen Sender, der seine Ansichten vielen Empfängern kundtun kann. Stattdessen kann jeder selber zum Sender werden. Das erschwert eine Verbreitung von Propagandamaterial stark und hilft den «Unterdrückten». Sie können sich via soziale Medien Gehör verschaffen. Das zeigte sich im Arabischen Frühling, der zwar nicht nur wegen Facebook und Twitter zustande kam, aber doch stark von der Nutzung dieser Portale beflügelt wurde.

Solche Protestbewegungen, die sich auf dem Internet formieren, könnten mittels gezielter Manipulation frühzeitig zum Ersticken gebracht werden, indem Regierungen dafür sorgen, dass Inhalte mit gegenteiliger Meinung viral verbreitet werden. Wenn eine höhere geheimdienstliche Macht eingreift, zählt eben nicht mehr jeder Klick gleich viel.

Manipulation ist Standard

So demokratisch und transparent, wie wir das Internet gerne hätten, ist es ohnehin nicht. Manipulationsmechanismen sind tief ins System eingeschrieben. Denn die Informationen, die wir auf Google oder auf Facebook suchen, gelangen nicht ungefiltert zu uns: Die Internet-Unternehmen bestimmen aufgrund von Personalisierungsalgorithmen selber, welche Informationen bei einer Websuche auf der ersten Seite stehen und welche Posts von Freunden wir in einem sozialen Netzwerk sehen. Eine solche Priorisierung ist auch nötig, weil wir sonst schnell von Informationen überflutet würden. Sie wird aber dann zur Gefahr, wenn nicht aufgrund der Präferenzen des Nutzers gefiltert wird, sondern aufgrund einer politischen Agenda.

Ein Geheimdienst wie die NSA,
der – gemäss Snowden-Enthüllungen – ziemlich viel Macht auf die grossen amerikanischen Internet-Unternehmen ausübt, könnte auch versuchen, manipulierend auf die Personalisierungsalgorithmen von Google und Facebook einzugreifen. Und vielleicht tun das die Geheimdienste sogar schon. Indizien dafür gibt es zwar keine, verwundern würde es aber kaum.

Zumindest die Internet-Firmen selber schrauben immer wieder an ihren Filtermechanismen. So wurde vor kurzem bekannt, dass Facebook zusammen mit Forschern ein psychologisches Experiment durchgeführt hat. Dabei wurde der Newsfeed von 690 000 englischsprachigen Nutzern nach verschiedenen Kriterien gefiltert. Bei der einen Gruppe tauchten vorwiegend positive Posts auf, bei der anderen vor allem negative. Das Ziel des Experiments: Herausfinden, wie sich Gefühle manipulieren lassen. Und es funktionierte.

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