Tiere
Explosionsgefahr: Wie man gestrandete Wale entsorgt

Werden die angeschwemmten Tiere nicht fachmännisch entsorgt, können die Kadaver in die Luft fliegen.

Andreas Frey
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Es sind Bilder, die man niemandem zum Frühstück wünscht. Ein Wal stirbt, strandet, bläht sich auf – explodiert. Wie das Innere mit hoher Geschwindigkeit meterweit nach aussen geschleudert wird, ist ekelerregend. Aber gleichzeitig so faszinierend und bizarr, dass Videos explodierender Wale im Internet millionenfach angeklickt werden.

Es gibt einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu Walexplosionen. Es gibt – mehr oder weniger ernsthafte – Fachbücher. Es gibt eine skurrile Chronik. Es gibt eine Simpsons-Folge. Und es gibt die mittlerweile 16 verendeten Pottwale an den Küsten der Nordsee, die in den vergangenen Tagen angeschwemmt wurden, bestialisch stanken und die Behörden dazu veranlassten, ganze Strandabschnitte zu sperren. Wegen angeblicher Explosionsgefahr.

Auf der ostfriesischen Insel Wangeroog, wo die ersten beiden Wale gestrandet sind, hat man deshalb einen Tierpräparator für die Beseitigung der Walkadaver angeheuert. Aart Walen, der holländische Experte mit dem prädestinierten Namen, legte Hand an. Fachmännisch schnitt er mit einem langen Messer Löcher in den Kadaver und liess so kontrolliert Luft ab. Gefahr gebannt, hiess es anschliessend.

Eine riesige Sauerei

Ein ähnlich traumatisches Erlebnis hat man in Trout River bereits hinter sich. Im kanadischen Fischerdörfchen wurde im Mai 2014 sogar ein aufgeblasener Blauwal angeschwemmt, der den ganzen Ort in Angst versetzte. Tagelang liessen die Bürger den mehr als 25 Meter langen Kadaver nicht aus den Augen. Der Rest der Welt konnte entspannt auf der Homepage hasthewhaleexplodedyet.com darauf warten, ob das grösste Tier der Welt nun endlich in die Luft fliegt – und was das aus ihm und den Menschen in Trout River macht. Der Gestrandete wog 60 bis 100 Tonnen. Allein die Zunge brachte es auf vier Tonnen, das Herz war so gross wie ein VW Käfer. Und im Magen-Darm-Trakt des Tieres waren zersetzende Bakterien ungeheuer fleissig. Sie produzierten Gase, der dehnbare Kehlsack blies sich weiter auf. Alles war vorbereitet – doch der Blauwal explodierte einfach nicht.

Von allein wäre er das auch nicht, sagt der Paläontologe Achim Reisdorf von der Universität Basel. Dass Kadaver spontan explodieren, sei ein weit verbreiteter Mythos. «Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich davon höre», sagt er. Selbst unter Wissenschaftern habe sich bisher nicht herumgesprochen, dass Wale von selbst einfach nicht explodieren könnten. Dagegen spreche allein die sehr dicke Fettschicht der Meeressäuger, die es einem Koloss wie dem Pottwal ermöglicht, mehr als zweitausend Meter tief zu tauchen. «Die Anatomie der Wale ist angelegt für extremen Druck», sagt Reisdorf.

Das gilt bei lebenden Exemplaren für den hohen Aussendruck in den Tiefen des Ozeans, aber natürlich auch umgekehrt: Selbst wenn sich im Innern des Kadavers Fäulnisgase sammeln und die Temperatur dadurch innerhalb kurzer Zeit auf mehr als 60 Grad steigt, hält die Aussenhülle dem wachsenden Druck stand. Wenn Gase durch die Fettschicht entweichen, dann langsam – auch wenn der ausströmende abscheuliche Aasgestank etwas anderes vermuten lässt.

Nur wenn mechanisch nachgeholfen wird, können Wale in die Luft fliegen. Jemand muss das Fleisch zuvor anschneiden, anpicken oder ansägen. So geschah es zuletzt im November 2013 bei einem Pottwal auf den Färöer-Inseln und vor zwölf Jahren bei einem Pottwal in Taiwan, der beim Abtransport mitten in der Stadt eine riesige Sauerei hinterliess. Die Videos davon sind mittlerweile wahre Internetlegenden.

Zurück ins Meer oder ins Museum

Doch nicht nur tote Wale drohen in die Luft zu fliegen, wenn man sie mit spitzen Gegenständen behandelt. Belegt sind zudem Berichte von explodierenden Krokodilen in Panama, nachdem Geier über die Kadaver herfielen, und von toten Ziegen. Es gibt auch ein erst wenige Monate altes Video von einem Leoparden, der ein totes Zebra anknabbert und es kurze Zeit später bereut.

Auch Leichen von Menschen können platzen, wenn Operationsnarben frisch sind. Dass allerdings Henry VIII. und Papst Pius XII. dieses Schicksal widerfuhr, hält Achim Reisdorf für Volksglauben, der sich jedoch hartnäckig hält.

Kein Mythos hingegen ist der Fall des gestrandeten Pottwals im US-Bundesstaat Oregon im Jahre 1970. Die zuständige Behörde entschied sich seinerzeit, den 14 Meter langen Koloss mit einer halben Tonne Dynamit in die Luft zu jagen. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Die Sprengung riss den Wal in Stücke und verteilte diese in einem grossen Umkreis. Ein umherfliegendes Tran-Stück zerstörte sogar ein Auto. In der Folge probierte man andere Techniken aus, einfach liegen lassen konnte man den Kadaver ja nicht. Wale wurden vergraben, verbrannt, zersägt und zerstückelt.

Heute zieht man die grossen Tiere in der Regel einfach wieder aufs offene Meer hinaus und versenkt sie. Die Pottwale auf Wangerooge werden hingegen nicht als Fischfutter enden. Sie sollen von Fachleuten zerlegt werden, bevor sie schliesslich im Nationalpark-Haus ausgestellt werden sollen. Es ist schliesslich pures Glück, wenn eines der grössten Tiere der Welt direkt vor der Haustür strandet.