Die besten Fragen stellen die Kinder. Was gibts auf der Raumfähre zu essen? Wie geht man im All auf die Toilette? Haben Sie schon mal einen Ausserirdischen getroffen? Der italienische Astronaut Umberto Guidoni, der heute Jugendbücher schreibt und Vorträge hält, ist es sich gewohnt, kindgerechte Antworten zu geben.

Was den Ausserirdischen angeht, muss er die Kinder zwar enttäuschen. Aber es sei sehr wahrscheinlich, dass es auf anderen Planeten Leben gebe. «Alles andere wäre eine grosse Raumverschwendung.» Schliesslich gebe es allein in unserer Galaxie rund 200 Milliarden Planeten, davon ähnelten ein paar 100 Millionen der Erde. Und im Universum gibt es mehr als eine Billion Galaxien – zehnmal mehr als bis vor kurzem angenommen.

Zweimal in seinem Leben war Umberto Guidoni im Weltraum; insgesamt 27 Tage, 15 Stunden und 10 Minuten. Das ist viel. Weltraumflüge sind seither seltener geworden. Und auf wenige Tage im Weltall muss ein Astronaut sich viele Jahre vorbereiten.

2001 drehte Guidoni sich auf der Internationalen Raumstation ISS mit 28'000 Kilometern pro Stunde um die 400 Kilometer entfernte Erde. Den Kindern schwärmt er von diesem Abenteuer vor. Und stellt ihnen in Aussicht: Vielleicht wird ja jemand von euch der erste Mensch sein, der auf dem Mars landet!

Nach den Kindern wendet er sich den langweiligeren Fragen der Journalistin zu.

Umberto Guidoni, zum Glück führen wir dieses Gespräch auf der Erde, sonst schwebte das Aufnahmegerät.

Umberto Guidoni: Im All verwendet man viel Klettverschluss!

Es gibt dieses Klischee, dass man beim Anblick der Erde vom Weltraum aus ihrer Schönheit und Fragilität gewahr wird. Ist das Kitsch oder ist es Ihnen tatsächlich so ergangen?

Es ist fast unmöglich, das nicht so zu erleben. Der Anblick der Erde ist tatsächlich überwältigend. Sie ist da, sie ist schön, und sie ist dort oben das Einzige, was sich anzuschauen lohnt. Da man sie alle 90 Minuten einmal umkreist, hat man die Gelegenheit, sie immer wieder anders zu sehen, unter verschiedenen Lichtbedingungen, mit Sicht auf verschiedene Regionen und Kontinente. Und was man auch sieht, ist eine schmale, bläuliche Schicht um die Erde. Das ist der Himmel. Was wir als fast grenzenlos betrachten, ist in Realität nur ein wenig Gas. Das macht unseren Planeten so speziell – im Vergleich zu all den anderen Planeten. Ein wenig Atmosphäre macht den alles entscheidenden Unterschied aus!

Anderseits sieht man, wie klein unser Planet ist in diesem enormen Universum. Das könnte die Wichtigkeit der Erde genauso gut stark relativieren.

Aber auf diesem kleinen Planeten leben sieben Milliarden Menschen. Man sieht sie zwar nicht von dort oben, nicht mal grosse Städte kann man erkennen – bis auf die Lichter nachts.

Wir können uns das auf Bildern anschauen. Macht es wirklich einen Unterschied, das selbst erlebt zu haben?

Glauben Sie mir, das tut es!

Hat das Ihr Denken, Ihre Lebenseinstellung geändert?

Ja. Auch wenn ich hier beim Kaffee sitze und den blauen Himmel sehe, kann ich nicht vergessen, wie ich im 90-Minuten-Takt um diese Erde gekreist bin. Der Massstab wird grösser. Wenn etwas auf der anderen Seite der Erde passiert, geht mich das etwas an – es ist nicht mehr etwas, das auf einem anderen Kontinent passiert, sondern etwas, das zu Hause passiert. Denn das ist unser Zuhause. Wenn Astronauten zurückkommen, sagen sie nicht: Wir landen in Russland oder in den USA, sie sagen: Wir gehen heim.

Sind Sie darum Kommunist geworden?

Nein. Ich war auch nicht ein richtiger Kommunist. Ich wurde von der Partei angefragt, ob ich mich für die Wahlen ins Europäische Parlament zur Verfügung stellen würde. Natürlich war mir der Schutz der Erde schon immer ein Anliegen. Und das Erlebnis im Weltall hat dieses weiter verstärkt. Die Erde existiert auch ohne die Menschheit – aber umgekehrt funktioniert es nicht. Es gibt nichts Vergleichbares! Bis jetzt. Bis wir einen anderen Planeten wie die Erde finden.

Sie haben den Kindern erzählt, dass diese wahrscheinlich erleben werden, wie wir den Mars erreichen. Ist das nicht eine etwas gefährliche Utopie? Wenn wir glauben, dass wir bald einen anderen Planeten besiedeln können, vernachlässigen wir diesen hier.


Zumindest in diesem Jahrhundert wird die Menschheit kaum auf dem Mars leben können. Es ändert sich also nichts an der Notwendigkeit, die Erde zu schützen. Aber wir können von Marsexpeditionen viel lernen. Etwa wie man mit knappen Ressourcen leben kann. Wie man Wasser und Luft rezyklieren kann, weil es ausserhalb der eigenen Infrastruktur nichts davon gibt. Und eine Technologie, die das Leben auf dem Mars ermöglicht, kann auch auf der Erde gut gebraucht werden, um unseren Fussabdruck zu verkleinern.

Wünschen Sie den Kindern, dass sie zum Mars fliegen werden?

Ich würde mir für sie wünschen, dass sie mehr Möglichkeiten haben werden, in Weltraumprojekte involviert zu sein – zum Mars oder weiter weg. Nicht einmal die Zukunft ist linear. Die letzten 50 Jahre, seit der letzten Mission auf den Mond bis heute, haben wir viel gelernt, sind aber technisch gesehen nicht viel weiter gekommen. Bei einem plötzlichen Durchbruch kann sich das rasch ändern.

Was ist in 100 Jahren wohl möglich?

Wir können nicht wissen, ob wir in 100 Jahren eine Kolonie auf dem Mars haben oder sogar ein Raumschiff, das viel weiter fahren kann. Oder vielleicht nichts davon. Aber es wäre falsch zu sagen: Die Erde ist uns wichtiger, lassen wir doch den Rest. Die Evolution der Menschheit lief immer so: Jemandes Ideen wurden zunächst für verrückt gehalten, Jahre später erwiesen sie sich als genial. Der Mensch hat sich dank grossen theoretischen Ideen etappenweise weiterentwickelt.

Können Sie ein Beispiel geben?

Nehmen wir eine Kerze: Man kann sie allmählich verbessern, kann einen besseren Wachs verwenden etc. Aber um von der Kerze zur Glühbirne zu gelangen, braucht man zunächst das neue theoretische Wissen – den Schritt von der chemischen Reaktion zur elektromagnetischen. Es brauchte 1000 Jahre von der Kerze zur Lampe. Und um von der Glühbirne zum LED zu gelangen, brauchte es zuerst die Quantenmechanik, zwei Jahrhunderte theoretischer Elaboration. Das braucht Zeit und Geld. Oft weiss man nicht, welche Theorie wozu führen wird. Aber nur dank ihr kommen wir als Spezies weiter.

Würden Sie gern zum Mars fliegen?

Ja, aber ich bin zu spät dran.

Ist es nicht ein Albtraum, Wochen oder Monate in einer kleinen Metallkapsel gefangen zu sein?

Es ist tatsächlich nicht so glamourös. Man kann nicht duschen, kann nicht rausgehen. Aber wenn man zurückkommt, schätzt man das Leben hier umso mehr. Der Mars könnte unsere zweite Chance sein, eine Versicherungspolice für die Menschheit.