Faszination ist schon seltsam, doch die Faszination, welche die Dinosaurier immer wieder auf uns ausüben, ist noch seltsamer. Die Gründe dafür liegen tief, wahrscheinlich zu tief, sodass wir uns mit einer Ad-hoc-Erklärung behelfen müssen: Dinosaurier sind zweifellos Monster (das erklärt fast alles), und sie haben zwei Vorteile: Es hat sie wirklich gegeben (das bestätigt alles, was wir von Monstern denken), und es gibt sie nicht mehr (wir müssen keine Angst mehr haben vor ihnen).

Die Faszination verläuft in Wellen. Hin und wieder kommt eine neue Version von «Godzilla» in die Kinos und dann lässt «Jurassic Park (n+1)» nicht lange auf sich warten. Leider war der Film «Jurassic Park» ein Monsterfilm, was die Buchvorlage nicht ist. Aber die Verlockungen, welche die neuen Möglichkeiten der Computeranimation boten, waren zu gross. Das hatte andererseits aber einen paradoxen Effekt: Wenn man die Viecher sieht, wie sie sich bewegen, verlieren sie viel an Gruseligkeit und werden fast kuschelig.

So haben sich die Dinos von ihren zwei Images befreien können, die ihnen angelastet wurden: Das von den tumben Giganten mit Zwerghirnen, die im flachen Wasser grasten, weil sie zu schwer waren für den Gang auf dem Land; und das des verschlagenen, bösartigen, monströs vergrösserten Wolfs aus dem Märchen, Idealbesetzung: Tyrannosaurus Rex.

Schrecklicher als T. Rex

Und wenn man schon Ikonen installiert, dann deshalb, um sie überbieten zu können. Tyrannosaurus Rex, apostrophiert als das grösste Landraubtier, das je die Erde erzittern liess – manchmal bellte allerdings ein Ketzer, er sei lediglich ein Aasfresser gewesen –, wurde immer wieder seiner Einzigartigkeit beraubt. Bereits 1912 wurde Spinosaurus aegyptiacus entdeckt, die Fossilien gingen leider 1944 bei einem Bombenangriff auf München verloren, jetzt hat ein Team von Nizar Ibrahim von der Universität Chicago in Marokko Teile eines Skeletts gefunden, die vermuten lassen, dass Spinosaurus aegyptiacus auch ein exzellenter Schwimmer war.

Auf dem Land lief er wahrscheinlich auf allen vieren, seine Vorderextremitäten waren auf jeden Fall besser mit Muckis bestückt als die armseligen Stümpflein von T. Rex. S. aegpytiacus war also nicht nur böser, sondern auch grösser (15 bis 17 Meter gegen die 9 Meter des T. Rex) und nun auch noch vielseitiger als der Negativheld von «Jurassic Park». Fischsaurier gabs natürlich auch, aber bisher waren keine Arten bekannt, die sich so fix im Wasser bewegten, dass sie sogar auf Unterwasserjagd gehen konnten.

Im Zuge der Imagekampagne wurden die Dinos allerdings nicht nur immer grösser und schrecklicher, sondern auch farbiger. Man bestückte sie mit Federn – und wer Federn trägt, trägt sie sicher nicht in der bisher beliebten Dino-oliv-Tarnfarbe, die Dinos vorbehalten war. Dass einige Haare hatten, weiss man auch. Ein Fell in Feldgrün? – kein anständiger Dino würde so was tragen. Dann bekamen sie ein Familienleben, Papa Dino bewacht das Nest, Mama besorgt Futter – oder umgekehrt?

Man könnte das erstaunlich finden: Die Dinos überraschen uns immer wieder von neuem. Dabei ist man aber einem Wahrnehmungsfehler zum Opfer gefallen. Während 150 Millionen Jahren beherrschten die Saurier die Welt. Dem Rest überliessen sie bestenfalls Nischen. Sie waren differenziert genug, um Land, Wasser und Luft effizient zu besiedeln. Erst als sie weg waren, gab es Raum für die Säugetiere. Oder mit anderen Worten: Unter den Dinosauriern waren die Säugetiere klein und praktisch den ganzen Tag damit beschäftigt, sich vor den Velociraptoren und anderen Räubern zu verstecken. Keine Gelegenheit, Bewusstsein zu entwickeln. Vielleicht wären sie dumm geblieben, sprachlos.

«Wir» haben sie nicht überlebt

Man sagt(e) oft, die Dinosaurier seien «zu gross» geworden, um zu überleben. Diese überdimensionierten Kühe im hüfthohen Wasser, die müssen ja aussterben. Wir hingegen haben überlebt. Weil wir fixer sind und flexibler. Dabei wissen wir nicht einmal, warum sie so gross geworden sind. Die Säugetiere haben solche Dimensionen nur voll im Wasser erreicht.

Diese «Sympa-Wende» konnte den Dinos nur gelingen, weil sie «unschuldig» ausgestorben sind. Die Hypothese, das Massensterben an der sogenannten K-T-Grenze (Kreide-Tertiär-Grenze) vor rund 65 Millionen Jahren sei einem oder zwei Geschossen aus dem All zu verdanken, wird immer glaubwürdiger. Es war ein Massaker.

«Es starb zu derselbigen Stunde / die ganze Saurierei, / sie kamen zu tief in die Kreide, / da war es natürlich vorbei.» So dichtete Joseph Victor von Scheffel 1876. Mindestens mit der ersten Hälfte seiner Analyse hat er recht.