Drei, zwei, eins, Start. Mit unvorstellbarer Geschwindigkeit wird die Rakete in den Himmel schnellen. Die Umrisse des Erdballs werden unter ihr kleiner und kleiner werden. Die undurchdringliche Schwärze des Weltalls wird das Geschoss umhüllen, das direkt auf den benachbarten Roten Planeten zusteueren wird.

Während sich andere Leute eine sonnige Ferieninsel mit Privatstrand, ein Einfamilienhaus im Grünen oder einen mattschwarzen Audi R8 wünschen, träumt Steve Schild aus dem Thurgau von einem Leben in der Einöde mit extremen Minustemperaturen und heftigen Sandstürmen. Einer Reise zum Mars.

Dieser Traum verfolgt ihn schon seit seiner Kindheit. Mit Star Trek wuchs der 31-Jährige auf und war fasziniert von dem Universum mit seinen Planeten und Kometen. Schon damals wartete er auf den Moment, einen anderen Himmelskörper zu betreten. Nun soll es möglicherweise bald so weit sein. Über das Internet stiess Steve Schild auf ein Angebot einer privaten holländischen Stiftung, deren Plan es ist, bereits im Jahr 2026 vier Menschen auf den Mars zu schicken, um diesen zu besiedeln. Zurzeit befindet sich das sogenannte «Mars One»-Projekt in der Selektionsphase. Der Schweizer zählt zu den letzten 100 Bewerbern von 200 000 Interessenten, die aus der ganzen Welt Bewerbungsvideos einreichten. Bei dem Mars-One-Projekt handelt es sich um ein One-Way-Ticket und somit um eine Reise bis in den Tod, da eine Rakete für den Rückflug technisch und finanziell nicht möglich ist. Dies schreckt Schild jedoch nicht ab. Ganz im Gegenteil. Er ist bereit alles für seinen Kindheitstraum aufzugeben und zurückzulassen. Für immer.

Schild betont, dass er eine Familie habe, die ihn unterstütze, Freunde, auf die er zählen könne, eine Heimat, in der er sich wohlfühle und einen guten Job, der ihm gefalle. Doch die Besiedlung des roten Nachbarplaneten ist sein Herzenswunsch. «Wenn man einen grossen Traum hat, dann hat man stets etwas, zu dem man hinaufschauen kann», sagt Schild. Der unerschütterliche Glaube an das Projekt ist dem Thurgauer anzumerken. Da kann auch das grosse Fragezeichen bezüglich der Realisierbarkeit nichts ändern.

Wer bezahlt die Reise?

Innert der nächsten zehn Jahre sollen die 24 letzten Bewerber, die in naher Zukunft durch ein drittes Selektionsverfahren herausgefiltert werden, zu Astronauten ausgebildet werden. Trainingslager in Vierergruppen. «Diese Gruppe kennt man dann bis auf den letzten Schweisstropfen, sie wird die neue Familie», sagt Schild. Eines dieser Viererteams soll dann durch ein Voting bestimmt werden, auf den Mars fliegen und somit in die Menschheitsgeschichte eingehen. Doch es gibt Startschwierigkeiten. Der Holländer Bas Lansdorp, Geschäftsführer der Firma «Mars One», will das Projekt anhand von Fernsehrechten finanzieren. Die Vorbereitungen, die mehrmonatige Reise zum Mars und die Besiedlung sollen der Erdbevölkerung anhand einer Fernsehserie zugänglich gemacht werden.

Nun ist jedoch der Vertrag Endemol, der Produktionsfirma von «Big Brother», geplatzt. Um einen neuen Partner finden zu können, muss «Mars One» erste Erfolge vorweisen. Das Kapital für eine unbemannte Testrakete steht Bas Lansdorp jedoch nicht zur Verfügung, denn ebenjenes Geld sollte aus den Fernsehrechten hervorgehen. Ein ewiger Teufelskreis.

Kritikern zufolge besteht auch die Möglichkeit, dass «Mars One» aufgrund fehlender Fernsehquoten während der Laufzeit die finanziellen Mittel ausgehen könnten und sich die Teilnehmer ohne jegliche Unterstützung auf dem Roten Planeten alleine durchschlagen müssten. Somit dürfte die Starterlaubnis für den Flug nicht so bald erteilt werden, da eine ausreichende Sicherheit nicht gewährleistet ist.

Destination Mars Trailer

«Ich bin ja nicht blind», sagt Schild mit stechend blauen Augen, «ich sehe die Risiken.» Jedoch sei es für ihn nicht dienlich, an der Kritik festzuhalten. Man könne nicht wissen, wie das Leben auf dem Nachbarplaneten funktioniere. Vor allem aber, habe der Mensch einen starken Überlebensinstinkt, der ihm helfen werde.

Steve Schild lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Schon als kleiner Junge dachte er stets einen Schritt voraus. Während sich seine Mitschüler in dicken Wörterbüchern verloren, griff er bereits zum elektronischen Übersetzer. Damals noch eine kleiner Skandal, heute in jeder Französischlektion Alltag. Nun, als erwachsener Mann, denkt Schild immer noch auf eine hellsichtige Art und Weise. Und will genau diesen Schritt auf den Mars wagen, welcher ein grosser für die ganze Menschheit sein könnte. Selbst wenn nach wenigen Jahren die gesamte Crew sterben würde, hätte es sich für ihn gelohnt. «Ich will etwas Grosses für die Allgemeinheit schaffen.»

Schild ist bereit zur Expansion

Visionärer Gedanke oder utopische Vorstellung? Eine Marsbevölkerung wäre zweifellos ein Meilenstein in der Menschheitsgeschichte und würde die Erde vielleicht sogar vor Überbevölkerung und schlechten Umweltbedingungen entlasten. Doch wie verhält sich eine Gesellschaft auf einem weit entfernten Planeten, auf dem man sich nur wenige Stunden pro Tag draussen aufhalten kann, und dies nur mit einem Schutzanzug? Wird eine völlig neue Spezies entstehen? Laut Lansdorp fehlt Skeptikern die Fantasie. Auch Schild hört nicht auf Kritiker. «Ich glaube voll und ganz an die Realisierbarkeit des Projektes.» Der Mensch sei dafür geschaffen, seinen Horizont zu erweitern und mit der gegenwärtigen Technik seien wir nun bereit und bestimmt zur Expansion.