Von Post-it bis Viagra
Diese Erfindungen verdanken wir nur dem Zufall

Was alles gefunden wurde, wonach gar nicht gesucht wurde. Und warum das nicht reiner Zufall war.

Lorenzo Berardelli
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Reiner Zufall – diese Dinge wurden überraschend entdeckt.Fotos: Thinkstock, Fotolia, Ho; Montage: NCH/SSA

Reiner Zufall – diese Dinge wurden überraschend entdeckt.Fotos: Thinkstock, Fotolia, Ho; Montage: NCH/SSA

Wissenschafter und Physik-Freaks sind aus dem Häuschen. Hundert Jahre dauerte es, bis Albert Einsteins postulierte Gravitationswellen erstmals gemessen werden konnten. Eine Jahrhundertentdeckung, die das Leben der Menschheit wahrscheinlich nicht verändern wird. Umgekehrt gibt es aber viele zufällige Erfindungen, die unser Leben gravierend beeinflusst haben. In der Wissenschaft kommt es immer wieder vor, dass man bei der Suche nach etwas, zufällig auf etwas anderes stösst. Die Fähigkeit, aus einer zufälligen Entdeckung eine intelligente Schlussfolgerung zu ziehen, nennt man «Serendipität». 1854 sagte schon der französische Chemiker Louis Pasteur: «Der glückliche Zufall kommt nur dem darauf vorbereiteten Verstand zugute.» Zufällig haben wir ein paar zufällige Entdeckungen ausgegraben.

Viagra Als das Herz schwach blieb und die Erektion sich verstärkte

Der Wirkstoff Sildenafil, der 1998 unter dem Markennamen Viagra in den Handel kam, wurde anfänglich von Chemikern als Mittel gegen erkrankte Herzkranzgefässe entwickelt. Die Tests zeigten nicht das erhoffte Resultat. Stattdessen bemerkten männliche Probanden, dass sie öfters eine Erektion hatten. Die Herstellerfirma Pfizer testete den Effekt der Substanz bei Männern mit Erektionsstörung. Der Rest ist Geschichte. Die blaue Sexpille gehört heute zu den meist verschriebenen Medikamenten und verschafft dem Sexleben Millionen von Männern Aufwind.

Antibiotikum Unsteriles Arbeiten führte zu einem der wichtigsten Medikamente

Die Erfindung des Penicillins, das erste und bekannteste Antibiotikum, ist auf schlampige Arbeit zurückzuführen. 1928 experimentierte der schottische Bakteriologe Alexander Fleming mit Bakterienkulturen. Eines Tages bemerkte er, dass eine Probe mit Schimmelpilz befallen war. Der Grund dafür: Unsterilität. Drauf und dran diesen zu entsorgen, bemerkte er, dass dort wo der Pilz sich ausgebreitet hatte, die Bakterienkultur verschwunden war. Fleming untersuchte den Schimmelpilz, der zur Gruppe Penicillium notatum gehört, und fand den antibiotisch wirksamen Stoff, der die Bakterien zum Verschwinden gebracht hatte. Antibiotika sind heute die meistverbrauchten Arzneimittel und verlängerten Millionen von Menschenleben.

Sekundenkleber Vom Krieg über die Werkbank in die Forensik

Während des Zweiten Weltkriegs experimentierte der US-Chemiker Harry Coover mit der chemischen Verbindung Cyanacrylat. Sein Ziel: Ein durchsichtiges Bauelement für ein Gewehr-Zielfernrohr herzustellen. Die extrem klebrige Substanz erschwerte die Arbeit und verunmöglichte vorerst die industrielle Verwendung. 1951 untersuchte Coover erneut Cyanacrylat und entdeckte die vielversprechende Wirkung: Es kann ganz ohne Hitze und Druck eine starke Klebeverbindung erzeugen. Sieben Jahre später kam mit «Eastman 910» der erste Superkleber auf den Markt und erfreute Handwerker und Bastler. Und das ist noch nicht alles. Wie ursprünglich geplant, kam Cyanacrylat im Krieg zum Einsatz, doch nicht am Gewehr, sondern in der Grundausstattung von Militärsanitätern. Das erste Mal klebte man im Vietnamkrieg damit Wunden zu.

Röntgenstrahlen Das Beobachten des Alten führt zum Erfinden vom Neuen

Über 120 Jahre ist es her, als der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen ein bereits bekanntes Experiment mit einer Elektronenröhre durchführte, weil er wohl das Gefühl hatte, dass noch etwas Unerforschtes im Dunkeln lag. Er schirmte die Röhre mit schwarzem Karton ab. Obwohl sie vollkommen abgedeckt war, sah er auf seinem Labortisch zufällig ein fluoreszierendes Plättchen aufflackern. Er ging seiner Vermutung nach, dass eine unbekannte Strahlung alles durchdringen kann. Er forschte weiter. Es gelang ihm als erster Mensch, Röntgenaufnahmen zu machen, die menschliche Knochen abbilden.

Klettverschluss Die Natur kapieren und kopieren

Wer hats erfunden? Ein Schweizer. Das eine Klettband hat Widerhäkchen, das andere Schlaufen. Das Prinzip des Klettverschlusses hat der Waadtländer Ingenieur Georges de Mestral der Natur abgekupfert. De Mestral war leidenschaftlicher Jäger und wurde auf seinen Streifzügen stets von einem Hund begleitet. Oft kam es vor, dass Kletten (Arctium lappa) – Pflanzen mit stachelborstigen Knospen – im Fell seines Vierbeiners hängen blieben. Mit einem Mikroskop untersuchte er die Kletten und erkannte winzige elastische Häkchen. Auch wenn man sie heftig aus Stoff, Fell oder Haaren los reist, brechen sie nicht ab. Er entwickelte den Klettverschluss und liess seine Idee 1951 patentieren.

Post-it Als in die Zettelwirtschaft etwas Ordnung kam

Er wollte einen Klebstoff, der stärker ist als alle bisherigen. Doch der US-Chemiker Spencer Silver verfehlte im Jahr 1958 sein Ziel. Es entstand eine klebrige Masse, die sich genauso gut auf Flächen auftragen, wie ablösen liess. Und so stellte er eine klebrige «Pinnwand ohne Pins» her, die nur schlecht verkauft und deshalb bald wieder aus dem Handel genommen wurde. Jahre vergingen. 1974 erinnerte sich sein Arbeitskollege Arthur Fry an die bislang ungebrauchte Erfindung, als dieser sich beim Singen im Kirchenchor über das ständige Herausfallen seiner Lesezeichen aus den Notenheften aufregte. Fry holte im Labor etwas Klebmasse, die er auf kleine Zettel auftrug. In der nächsten Chorprobe testete er sie als Lesezeichen. Und siehe da: die Zettel hafteten und liessen sich auch wieder leicht ablösen.

Mikrowelle Als die Schoggi erfinderisch machte

Für diese praktische Erfindung können wir dem Ingenieur Percy Spencer danken. Als führender US-Wissenschafter während des Zweiten Weltkriegs inspizierte er ein Magnetron, ein Röhrengerät, das elektromagnetische Strahlen – Mikrowellen – generiert und für die Erzeugung des Sendeimpulses bei Radar zum Einsatz kommt. Als er davor stand, fiel ihm etwas Seltsames auf: Der Schokoriegel in seiner Hosentasche schmolz dahin. Der Forscher testete es daraufhin mit Popcorn. Spencer erfand eine Maschine, die der heutigen Mikrowelle ziemlich ähnlich war.

Anästhetikum Von der «Lach-Party» in den Operationsraum

Auch wenn es umstritten ist, wer denn eigentlich Narkosemittel erfunden hat, weiss man, dass die Personen, die zu ihrer Entwicklung beigesteuert haben, auch durch zufällige Beobachtungen inspiriert wurden. Sei es Crawford Long, William Morton, Charles Jackson oder Horace Wells – sie alle haben realisiert, dass die Verabreichung von Lachgas oder Äther eine schmerzlindernde Wirkung mit sich bringt. Im 19. Jahrhundert war das Inhalieren dieser Stoffe ein unterhaltsamer und erholsamer Zeitvertreib. Zum Beispiel beobachtete Horace Wells 1844 bei einer öffentlichen Lachgas-Demonstration, dass ein berauschter Mann sich heftig das Bein verletzte und dabei nicht die geringsten Schmerzen spürte. Kurzerhand verabreichte sich Wells gleich selber eine Ladung des betäubenden Gases und zog sich selbst einen Zahn.